Schopfheim Vom Cappuccino bis zum Rotwein

Das „zweite Wohnzimmer der Schopfheimer“: So soll der Neubau an der Ecke Haupt-/Scheffelstraße aussehen.                                                                                                                                                                                Visualisierung: Wilhelm und Hovenbitzer Freie Architekten BDA PartGmbB, Lörrach Quelle: Unbekannt

„Ein Haus von heute mit Bezügen zu gestern“ – so bezeichnete Professor Fritz Wilhelm den Neubau, der die beiden Uehlin-Häuser in der Hauptstraße ersetzen soll. Der Lörracher Architekt stellte den Entwurf am Montagabend im Gemeinderat vor.

Von Petra Martin

Schopfheim. „Umseckgläser“ im Erdgeschoss des neuen Gebäudes sollen dafür sorgen, dass die Scheffelstraße zur Hauptstraße noch mehr geöffnet wird. Es handle sich um eine moderne Fassade, die sich trotzdem an der Geschichte der Uehlin-Häuser anlehne, wie Architekt Wilhelm hervorhob. „Es wird ein richtig gut gestaltetes Haus.“

Ein Glasboden im Inneren soll den Blick nach unten öffnen auf die historische Druckerpresse, die als Ausstellungsstück im Untergeschoss somit sichtbar und an die Historie des Hauses, den Druckerei- und Verlagsgründer Johann Georg Uehlin erinnern wird, wie Claudia Wolf, Geschäftsführerin der Firma Atmos4 GmbH, Karlsruhe, erläuterte.

Die Verwirklichung der Pläne soll die Innenstadt als zentralen Treffpunkt und Kommunikationsort stärken, das Nutzungskonzept im ebenerdigen Bereich für ganztägige Belebung sorgen. Der neue Mittelpunkt der Stadt soll „das zweite Wohnzimmer“ der Schopfheimer werden, ein Ort, an dem man morgens einen Cappuccino trinken und abends den Tag mit einem Glas Rotwein ausklingen lassen kann.

Im Erdgeschoss Gastronomie und / oder Gewerbe, oben Wohnungen – was ins Erdgeschoss kommt und ob auch das erste Obergeschoss miteinbezogen wird, ist noch offen. Ein Sportgeschäft habe für beide Geschosse Interesse angemeldet, doch es sei fraglich, so Claudia Wolf, ob es wirklich ein Aufwertungsfaktor sei, wenn an der Ecke Haupt-/Scheffelstraße Ständer mit Sonderangeboten draußen stehen. Eine volle Restauration sei aber auch nicht gewünscht, denn dann müsste man für Abluft sorgen, was zur Belästigung der Hausbewohner führen könnte.

Ganztägige Belebung

Bürgermeister Harscher sprach von einer Gastronomie von 8 bis 23 Uhr und /oder Einzelhandel; er könne mit beidem leben. Auf jeden Fall sei der Entwurf sehr gut gelungen, er passe perfekt ins Stadtbild. Ein Café, eine Weinhandlung vielleicht oder eine italienische Bar – laut Claudia Wolf ist einiges vorstellbar, um einen liebenswerten Flecken in prominenter Innenstadtlage zu kreieren.

Grünen-Stadtrat Ernest Barnet rief bei der Sitzung dazu auf, beim Gastro-Konzept zu bleiben.

Thomas Kuri (CDU), der den Vorschlag eines Marktkonzepts unterbreitet hatte, freute sich über die nach Juryaufforderung überarbeiteten Pläne für das Gestaltungs- und Nutzungskonzept von der Atmos 4 GmbH und dem Architekturbüro Wilhelm und Hovenbitzer Part GmbB; die Höhenversätze machten die Lebendigkeit des Stadtbilds aus, und auch der Jury ging es nicht um Egalität, sondern darum, dass sich der Neubau, der um etwa einen Meter über die Höhe des Nachbargebäudes hinausgeht, mit der Abstufung besser in den historischen Bestand einfügt.

Mit Erfolg: Es handle sich um eine gute Überarbeitung, das Ergebnis spreche für sich, so Thomas Kuri, der es auch gut finden würde, wenn die Fläche den ganzen Tag „bespielt“ werden würde. Vielleicht, so Kuri, entstehe eines Tages durch eine Verkehrsberuhigung sogar ein wirkliches Zentrum.

Peter Ulrich (SPD) schloss sich dem an, auch Karlheinz Markstahler (Freie Wähler) gefielen die Konzepte; allerdings erinnerte er an eine Art wunden Punkt: Stellplätze in einer Tiefgarage werde es dort keine geben können, machte Claudia Wolf deutlich.

Derzeit sei man dabei, in einem Radius von 300 Meter Privatstellplätze zu suchen, die gewerblichen könnten abgelöst werden. Wer indes ins Zentrum ziehe, mache dies ja gerade, damit er kein Auto brauche – dies auch vor dem Hintergrund der Klimadebatte.

Das Problem werde nur in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung gelöst werden können.

„Die Ruinen vergessen“

Einstimmig votierte der Gemeinderat für das Gestaltungs- und Nutzungskonzept der Büros – als Grundlage für den Verkauf der beiden Bestandsgebäude. Geplant sei „ein schöner Baustein“, der die Hauptstraße bereichere und die Ruinen vergessen lasse, so Architekt Wilhelm abschließend.

Von Petra Martin

Gut Ding will Weile haben. Es hat offensichtlich die Jahre gebraucht, die es gedauert hat, um ein Gestaltungs- und Nutzungskonzept hervorzubringen, das diesen Namen verdient.

Was nun bei der Gemeinderatssitzung vorgestellt wurde, ein modernes Haus mit Übereck-Glasfront, das doch an die Vergangenheit der lieb gewonnenen Uehlin-Häuser erinnert, möglicherweise mit marktartigem Charakter im Inneren, war überzeugend. Der Gemeinderat hat das Konzept in selten geübter Einstimmigkeit begrüßt. Was überraschend anklang, war die vorgebrachte Überlegung einer Verkehrsberuhigung.

Also doch eine Fußgängerzone? Eine autofreie Marktplatzbelebung gegenüber den Uehlin-Häusern, wie sie die Initiative „Attraktive verkehrsfreie Innenstadt“ seit Jahren predigt? Also doch der SPD-Vorschlag, zumindest samstags die Hauptstraße für Autos zu sperren, um die Aufenthaltsqualität für Fußgänger zu verbessern? Oder Verkehrsberuhigung auf andere Art?

Wie auch immer – das neue Nutzungskonzept könnte die Debatte um eine Fußgängerzone befeuern, die Schaffung einer Verkehrsberuhigung sogar attraktiver machen.

Über diese Fragen muss im Zuge der Realisierung der neuen Konzepte, die das Zentrum ganztags beleben wollen, unweigerlich gesprochen werden. Und zwar auch mit dem Gewerbeverein, der Kundenfrequenz für seine Mitglieder benötigt, Kunden, die aus dem ländlichen Raum kommen und zumindest ein zentrales Parkhaus benötigen.

Mit dem Konzept rückt die Neubebauung, die geplante Belebung des Städtchens ein Stückchen näher, nicht aber ein Übereinkommen in Richtung Fußgängerzone. Hier ist noch Redebedarf. Jeder, der künftig im neuen „Wohnzimmer der Stadt“ auf einen Kaffee Platz nimmt, kann sich indes überlegen, ob er dies in einem Hauptstraßen-/Marktplatzumfeld mit Autoverkehr tun will, mit weniger Autos oder lieber ohne.

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