Schopfheim Wagner im Latin-Rhythmus

Mit einem kammermusikalischen Spaß und Richard Wagner in Jazz gastierten das Harald Rüschenbaum-Trio und der Sprecher Wolfgang Griep bei „Klassik im Krafft-Areal“ in Fahrnau. Foto: Jürgen Scharf Foto: Markgräfler Tagblatt

„Liebes Fräulein Bertha!“ So beginnen Briefe von Richard Wagner an seine Wiener Putzmacherin. Von Fräulein Bertha Goldwag wollte der Tonsetzer nichts mehr und nichts weniger als die Anfertigung seiner Hauskleidung, rosa Schlafröcke und Atlashöschen.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Seiner willigen Modistin gab er Wechsel auf die Zeit, denn der Meister war etwas klamm bei Kasse. Wenn sie nicht wahr wären, so wären diese Briefe wunderbar erfunden.

Originalton Wagner stand im Mittelpunkt eines kammermusikalischen Spaßes für drei Musiker und einen Sprecher, dem Sommerkonzert, das traditionell dem Jazz bei Klassik im Krafft-Areal gilt. Zu Gast war wieder das Harald-Rüschenbaum-Trio, mit dem kongenialen Daniel Mark Eberhard am Piano, dem zupffreudigen Uli Fiedler am Bass und dem druckvollen Rüschenbaum am Schlagzeug. Wolfgang Griep las die verbindenden Worte und Briefstellen in dem neuen Programm „Richard Wagner und seine Putzmacherin“.

Musikalisch war es Kammerjazz vom Feinsten. Raffinierte Bearbeitungen von bekannten Wagner-Leitmotiven. Es wurde viel improvisiert an diesem Abend, aber mit Respekt vor Richard Wagner, es gab reichlich jazzige Abschweifungen und doch hatte der Jazzpianist auch originales Notenmaterial vor sich, etwa Klavierauszüge, über die er fingerflink präludierte. Eberhard führt den Bass melodisch, und wenn er „O du mein holder Abendstern“ nicht nur auf die Tasten legt, sondern zusätzlich auf einem Melodion, einer Variante der Melodika, bläst, geht das runter wie Öl.

Die bekannten Opernthemen wurden angespielt und ganz anders harmonisiert und rhythmisiert. So etwa der Matrosenchor („Steuermann, lass die Wacht!“) aus dem „Fliegenden Holländer“, der als Samba erklingt, und andere hehre Wagner-Melodien, denen ein Latin-Rhythmus unterlegt wird. Unter den Mischformen war viel Swingendes dabei, und bei jedem dieser Stücke stellte sich nicht nur Drive ein, sondern richtiger Groove, der den Zuhörer mitreißt.

Melodie und Groove verzahnen sich, das ist wichtig in dieser Musik, die von Stilkopien lebt, einer Stilistik, die auch HipHop kennt, an Rapper erinnert oder etwas Poppiges, im „Walkürenritt“ ja sogar Trashiges bekommt. Wagner verjazzt, das funktioniert.

So fliegt dieser Abend geradezu vorbei mit Tannhäuser, Fliegendem Holländer, Meistersinger, Lohengrin und natürlich Fräulein Bertha als literarischem Running Gag. Herrlich, was Wolfgang Griep da aus dem Briefnachlass von Wagner herausgefischt hat und ironisch kommentiert. Briefe, die wie gut

Pompös und plüschig

gefälscht klingen, wenn sie nicht echt wären. Aber sie sind wirklich keine „Fake News“, sondern durch eine Indiskretion bekannt und publiziert geworden.

Es gibt tatsächlich an die 50 solcher Briefe Wagners an seine „treue Seele“, die nicht nur Wagners Herrenausstatterin war, sondern ihm auch einiges zur innenarchitektonischen Raumausstattung seines pompösen, plüschigen Interieurs liefern musste. Der Komponist zeigt sich in diesen komischen Briefen als begnadeter Modedesigner in eigener Sache, mit einer sprachlichen Meisterleistung in der Beschreibung des guten Stücks.

Das war wirklich kein gewöhnlicher Schlafrock und auch kein gewöhnliches Jazzkonzert, sondern eines, was in eine sehr ungewöhnliche private Welt führte. Und das bis jetzt bestbesuchte Konzert in dieser Saison in der Fahrnauer „Tonhalle“ – zudem zeitlich bestens passend zum parallelen Auftakt der Bayreuther Festspiele: Fahrnau grüßte die Wagnerianer auf dem Grünen Hügel! Nur dass die Bundeskanzlerin in Schopfheim nicht gesehen wurde.

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