Schopfheim „Wir können keine Ärzte backen“

„Rausgeworfenes Geld“ oder „Gold wert“? Die Meinungen der Zuhörer gingen weit auseinander, als am Mittwoch in der Stadthalle die Ergebnisse der „Versorgungsanalyse zur ambulanten medizinischen Versorgungssituation in Schopfheim, Maulburg, im Kleinen Wiesental und in Hausen vorgestellt wurden.

Von Anja Bertsch

Schopfheim. Klar zumindest die Erkenntnis: Mit vier vakanten Arztsitzen gibt es im Mittelbereich Schopfheim jetzt bereits einen eklatanten Mangel an Hausärzten – und wenn nicht schleunigst etwas passiert, wird sich die Situation in den kommenden Jahren drastisch zuspitzen: Neun der 26 niedergelassenen Ärzte (Haus- und Fachärzte) wollen sich in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand verabschieden; die Suche nach einem Nachfolger ist meist schwierig.

Die Analyse (weitere Details siehe nebenstehender Bericht) des Beratungsunternehmens IWG unterlegt hier mit Zahlen und Aussagen der hiesigen Ärzte also das, was die auf Hilfe angewiesene Bevölkerung längst spürt.

Klar war auch, dass es kein zündendes Patentrezept gibt, das die Situation von jetzt auf gleich entzerrt: „Wir können keine Ärzte backen“, so das mantrahafte Bekenntnis von Nazim Diehl, der die Analyse im Namen der Beratungsunternehmensgruppe „Ideenwelt Gesundheit GmbH“ (IWG) vorstellte.

Auch klar war aber, dass die Zuhörer doch gerne den ein oder anderen konkreten Lösungsansatz gehört hätten, wie die Ärzteversorgung in Schopfheim auch ohne „Ärztebackofen“ in Richtung Zukunftsfähigkeit aufgegleist werden kann. Immerhin umfasste der seinerzeit im Gemeinderat vorgestellte 53 000-Euro-Auftrag eben nicht allein die „Diagnose“ in Sachen Ärzteversorgung, sondern ausdrücklich auch „Therapieansätze“.

Gerne etwa hätten die Anwesenden etwas Handfesteres an die Hand bekommen als die stichwortartige Erwähnung von „aktiver Ärztesuche“ und „überörtlichen kooperativen Strukturen“.

Kooperative Modelle als Mittel der Wahl

Solch kooperative Modelle wie etwa Ärztehaus oder Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) nämlich sind, so das zweite Mantra Diehls, das Mittel der Wahl, um der Veränderung in der Ärzteschaft gerecht zu werden: Der Trend gehe eindeutig dahin, dass Mediziner (und vor allem die zunehmende Zahl der Medizinerinnen) die Vorteile einer Anstellung oder einer unter mehreren Praxis-Partnern geteilten Verantwortlichkeiten suchten: mit geregelten Arbeits- und Freizeiten, und der Möglichkeit zu Teilzeit beispielsweise. Und ohne das unternehmerische Risiko und die Bürokratie, die das selbstständige Führen einer Praxis neben dem medizinischen Kerngeschäft mit sich bringen.

Wie solch kooperative Modelle konkret im Mittelbereich Schopfheim aussehen könnten – das freilich muss erst noch besprochen werden. Helfen soll dabei eine Projektgruppe aus vor allem Kommunalpolitikern und den betroffenen Ärzte, denn: „Ohne die geht es nicht“, machte Diehl deutlich.

„Es braucht ein gemachtes Nest“

Vor diesem Hintergrund gehe auch die Erwartung fehl, dass sein Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem „fertigen Plan für ein tolles Ärztehaus“ aufwarte. Andererseits, auch das machten Diehls Ausführungen sowie Wortmeldung aus dem Publikum deutlich, braucht es heute in gewisser Weise ein „gemachtes Nest“, um Ärzte aus den attraktiven Ballungszentren in den ländlichen Raum zu locken. Ein wenig die Frage nach der Henne und dem Ei also, die an diesem Abend ungelöst blieb – und bei vielen Besuchern den Eindruck erweckte, dass die Arbeit des Beratungsunternehmens eigentlich verzichtbar gewesen wäre.

Eine Vielzahl an Wortmeldungen machte das deutlich: „Sie sagen uns hier nichts, was wir nicht vorher schon wussten“, oder „Ich bin enttäuscht, wie wenig da rumkam“, so ein vormaliger Befürworter der Analyse.

Derart aus der Reserve gelockt, erklärte Diehl schließlich zu vorgerückter Stunde, dass die IWG „im Hintergrund“ durchaus schon konkretere Handlungsempfehlungen entwickelt und das Terrain mit den Ärzten unter der Fragestellung „Wer mit wem und wo?“ ein wenig sondiert habe. Die öffentliche Präsentation sei mit Blick auf die Vertraulichkeit der Angaben und den laufenden Prozess aber der falsche Rahmen, um dies weiter auszuführen.

Ein Fehler in der Erwartungshaltung von Besuchern und auch Gemeinderäten also, und vor allem in der Kommunikation? Dass es immerhin eine grobe Marschroute bereits gibt, kristallisierte sich an diese Abend inmitten des üppigen Wortgeklingels jedenfalls erst heraus, nachdem die Diskussion zwischen Publikum und Podium (das war mit den Bürgermeistern der vier beteiligten Kommunen prominent besetzt, blieb jenseits Nazim Diehl allerdings weitgehend wortlos) etwa neunzig Minuten gekreiselt hatte.

Neue Ideen aus dem Publikum

Am Publikum war es da, erneut länger schon diskutierte Standorte für ein künftiges Ärztehaus ins Spiel zu bringen (Schopfheimer Krankenhaus) oder auch ganz neue Ideen (ehemaliges Verwaltungsgebäude Rietschle), sich gegenseitig zu widerlegen („Das Krankenhausgebäude hat auf Dauer keine Zukunft“ / „Alles nach Schopfheim ist der größte Käse“), zu erkunden, wie die Ärzte zu den „kooperativen Modellen“ stehen (siehe Bericht nebenan) und nach den Möglichkeiten von Subventionen und Netzwerken in Sachen „aktiver Ärztesuche“ zu fragen („Krankenhäuser zahlen 100 000 bis 200 000 Euro“, so Diehl).

Eine letzte Wortmeldung fand in der Analogie von Zukunftsbau für die medizinische Versorgung und Häuslebau zum Ende hin versöhnliche Worte: „Die Aussagen aus dem Gutachten sind enorm wichtig und bilden ein gutes Fundament. Bis wir das Dach decken, dauert es aber sicher noch eine ganze Weile.“

Schopfheim (jab). Um die ambulante medizinische Versorgungssituation in Schopfheim, Hausen, Maulburg und dem Kleinen Wiesental zu erkunden, hat die IWG-Unternehmensgruppe Gespräche mit den niedergelassenen Haus- und Fachärzten sowie „Gesundheitsberuflern“ geführt.

Themen waren unter anderem die Praxisstruktur, die subjektive Einschätzung der medizinischen Versorgungssituation in den beteiligten Kommunen und die persönliche Zukunftsplanung in Sachen Ruhestand und Nachfolge. Hier einige Eckdaten, wie sie vom Untersuchungsleiter Nazim Diehl präsentiert wurden.

Im Untersuchungsbereich gibt es elf Hausarztpraxen, 27 Facharztpraxen (inklusive Psychotherapeuten) und elf Zahnarztpraxen. Zusammen mit den weiteren „Gesundheitsberuflern“ wie Physio- oder Ergotherapeuten war die Untersuchungsgruppe bei manchen Fragen 60 Personen stark.

Die Mehrzahl der praktizierenden Ärzte ist bereits in fortgeschrittenem Alter: Lediglich sieben sind unter 50 Jahre alt (davon zwei unter 40), zwölf sind zwischen 50 und 65, sieben sind über 65 Jahre alt. In direktem Zusammenhang mit dieser Altersstruktur steht die zeitliche Perspektive bis zum Ruhestand, die in den Gesprächen erfragt wurde.

Neun der Ärzte planen, innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Ruhestand zu gehen; fünf Mediziner sehen sich noch fünf bis zehn Jahre in der Praxis; über diesen Zeithorizont hinaus sehen sich lediglich vier noch in medizinischen Diensten. Ist ein anstehender Ruhestand an sich ja nichts Schlimmes, so wird er zur Bedrohung für die Ärzteversorgung, wenn sich kein Nachfolger findet – und eben dies ist bei vielen hiesigen Ärzten offenbar der Fall.

„Zahlreiche Ärzte suchen bereits seit Jahren vergebens nach einem Nachfolger – vor allem die Hausärzte schätzen die Chancen schlecht ein, einen Nachfolger zu finden“, heißt es in der Studie. Konkret: Neun sehen ihre Chancen schlecht; drei mittelmäßig, drei gut – und zwei haben einen Nachfolger. Zum Bild gehört auch, dass aktuell vier Arztsitze im Mittelbereich Schopfheim vakant sind.

Als Lösungsmodell für die künftige Versorgung werden unter Fachleuten „kooperative Strukturen“ wie etwa ein Ärztehaus hoch gehandelt. Auch unter den hiesigen Ärzten befürworten 85 Prozent ein solches Modell; allerdings sind laut Umfrage lediglich 26 Prozent bereit, ihre eigene Praxis in diesem Sinne zu verlegen. Solche „Berufsausübungsgemeinschaften“ stellen derzeit noch die absolute Minderheit: 88 Prozent sind Einzelpraxen.

Versöhnliches Schlaglicht zum Schluss: 87 Prozent aller Ärzte und Gesundheitsberufler beurteilen ihre Entscheidung für eine Niederlassung hier in der Region positiv; nur zwei, drei Prozent (darunter keine Ärzte) bereuen die Entscheidung.

Die komplette Ergebnispräsentation ist auf der Homepage der Stadt abrufbar.

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