Sportmix Anfeuerung durch den Kopfhörer

Füße auf den Tisch? Nur ausnahmsweise: Hardy Hüttemann macht via App bei Lauf-Wettbewerben mit. Foto: Uli Nodler

Lörrach - Als eine der letzten Berufsgruppen durften in Baden-Württemberg zu Beginn dieser Woche die Gastronomen, wenn auch mit strengen Auflagen, ihre Restaurants und Bars wieder öffnen. Weiterwarten allerdings heißt es für den Großteil der Sportler: Bis auf die Fußball-Bundesliga, die ihren Betrieb wieder aufgenommen hat, bleiben die Profisportler in der Corona-Krise aber weiter außen vor, können bei Wettkämpfen kein Geld verdienen.

Ist das gerecht? Unser Redakteur Uli Nodler hat sich mit unserem „LaufDoc“ Hardy Hüttemann aber nicht nur darüber unterhalten, sondern auch über das virtuelle Laufen in diesen unseligen Coronazeiten. Dieser neue Lauftrend zieht auch immer mehr ambitionierte Hobby-Läuferinnen und -Läufer an, die sich virtuell einem Wettkampf stellen.

Viele Berufsgruppen leiden in der Zeit von Corona unter mangelnder Beschäftigung und fehlenden Einnahmen. Wie sieht dies bei den Sportlern aus?

Wie viele Berufsgruppen sind auch Profi-Sportler stark von der Corona-Krise betroffen. Vor allem Individualsportler, die nicht bei einem Sportverein angestellt sind und kein fixes Salär beziehen, haben es schwer, ihr Leben zu finanzieren. Auf Grund fehlender Wettkämpfe fehlen ihnen die Plattformen, um sich zu präsentieren. In der Folge ist es schwierig, bestehende Sponsoren bei der Stange zu halten und quasi unmöglich, neue zu gewinnen.

Gibt es denn aktuell für den freiberuflichen Berufssportler keine Möglichkeit, in dieser wettkampflosen Zeit Geld zu verdienen?

Nada. Zusätzliche Einnahmequellen, wie das Halten von Vorträgen oder das Leiten von Trainingslagern, sind derzeit kaum vorhanden oder beschränken sich auf den hart umkämpften Online-Markt. So haben viele Sportler aus der Not eine Tugend gemacht, engagieren sich auf sozialer Ebene in diesen unseligen Zeiten für Risikogruppen, gehen beispielsweise für ältere Mitmenschen, die Risikogruppen angehören, einkaufen.

Wäre die Zeit ohne Wettbewerbe nicht auch optimal, um das Training hochzufahren?

Da in den kommenden Monaten viele sportliche Großereignisse abgesagt wurden, fehlen die Saison-Ziele für den Trainingsaufbau und nicht wenigen Athletinnen und Athleten damit auch die Motivation. Das bekomme ich aktuell immer wieder von ihnen zu hören. Vor allem ältere Sportler am Ende der Karriere haben hier Probleme, da zum Teil gar nicht klar ist, ob für sie eine Qualifikation für eine WM- oder Olympiateilnahme noch realistisch sein wird.

Lässt sich dem Lockdown von Seiten des Sportlers nicht doch etwas Positives abgewinnen?

Viele Unternehmen nutzen diese Zeiten mit Kurzarbeit und drastischen Auftragsrückgängen, um ihre Strukturen, Arbeitsprozesse und auch die strategische Ausrichtung zu hinterfragen. Dies empfiehlt sich auch für den Sport. So kann der Saisonaufbau kritisch hinterfragt, etablierte Trainingspläne überarbeitet oder auch komplett über den Haufen geworfen werden. Zudem gilt es, den Horizont zu erweitern, neue Trainingsmöglichkeiten oder alternative Trainingsformen auszuprobieren und gegebenenfalls einzubauen. Das Ziel sollte es hier auch sein, die eigenen Schwächen aufzuspüren und zu beseitigen. Gerade bei Ausdauersportlern kommt auf Grund der hohen zeitlichen Belastung für das sportartspezifische Training das Ausgleichstraining zu kurz. Meist kennen die Sportler ihre Schwächen: fehlende Gelenksmobilität, Rumpfstabilität, Koordination, Schnellkraft oder Ähnliches. Diese Defizite können nun in Ruhe angegangen werden, ohne andere Ziele zu vernachlässigen.

Wie sieht das bei den Hobbysportlern aus?

Auch Hobbysportler tun sich schwer, mit der Situation umzugehen. Ich sehe hier zwei Lager: Den einen ist jegliche Lust und Motivation vergangen, die anderen nutzen ihre größere Freizeit bei häufig reduzierten anderweitigen Verpflichtungen und trainieren wie nie zuvor. Neue Möglichkeiten bieten sich vor allem im Ausdauerbereich, wo nun immer mehr Lauf- oder Radwettkämpfe virtuell angeboten werden.

Wie kann ich mir solche virtuellen Wettkämpfe vorstellen?

Derzeit werden für viele Wettkämpfe, die coronabedingt ausfallen müssen, Online-Angebote entweder auf der Homepage/App des Veranstalters oder auf Plattformen wie beispielsweise viRACE angeboten. Mit der App kann ich mich anmelden und am Lauftag zur normalen Startzeit vor der Haustüre loslaufen oder –fahren und mich virtuell mit anderen Teilnehmern messen. Ein aktuell sehr cooles Angebot gibt es von Summits4Hope, bei dem man seit dem 21. Mai jeden Donnerstag gegen Weltklasse-Athleten auf Strecken zwischen fünf und zehn Kilometer antreten kann. Diese Strecke kann der Teilnehmer innerhalb von 24 Stunden zurücklegen.

Nach dem Hochladen der jeweiligen Zeiten auf www.strava.com wird eine terrain-bereinigte Ergebnisliste erstellt. Strava ist ein soziales Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten, wie Radfahren, Joggen, Schwimmen, Skifahren oder Rudern. Betrieben wird es vom gleichnamigen Unternehmen mit Sitz in San Francisco. Ziel dieser Wettkämpfe ist es, Spenden, deren Höhe jeder Teilnehmer selber festlegen kann, für Hilfsprojekte in Kenia und Mosambik zu sammeln.

Macht so etwas Spaß und lassen sich die Ergebnisse vergleichen?

Solche virtuellen Läufe gab es schon vor dem Coronavirus-Ausbruch. Meines Wissens nach war der „Wings for Live-Run“ hier ein Vorreiter. Es ist ein Lauf, bei dem Spenden für die Rückenmarksforschung gesammelt werden. Dieser Lauf findet in mehreren Ländern der Welt gleichzeitig und seit zwei Jahren auch via App von zu Hause aus statt. Natürlich lassen sich die Ergebnisse schwierig vergleichen, weil jeder Teilnehmer auf einem unterschiedlichen Streckenprofil unterwegs ist.

Zudem herrschen auch unterschiedliche Wetter- und Temperaturbedingungen. Trotzdem kommt bei mir aber jedes Mal so etwas wie Wettkampfstimmung auf, weil es einen klaren Startzeitpunkt gibt, auf den ich mich vorbereiten kann. Und je nach App werde ich auch über die Kopfhörer stimmungsvoll angefeuert und somit auch motiviert. Auch bei eingeschränkter Vergleichbarkeit lasse ich mich durch den Blick auf die Ergebnisliste für weitere Trainingseinheiten motivieren.

Ist dies denn für die Veranstalter sinnvoll und lukrativ?

Bei einem großen Lauf wie dem „Wings for Live-Run“ ist es sicher eine Möglichkeit, Läufer zum Mitlaufen und vor allem auch zum Spenden zu motivieren, die sonst nicht gelaufen wären. Für kleinere, nationale Läufe macht das aus finanzieller Hinsicht keinen Sinn. Ich denke, im Moment ist es eine Möglichkeit, den Läufern, die teilnehmen, eine Alternative zu bieten. Eventuell hofft man auch, dass so mehrere bereits angemeldete Läufer auf eine Rückerstattung der gezahlten Teilnahmegebühr verzichten. Darauf, wie es mit diesen virtuellen Wettkämpfen und auch den Online-Plattformen nach Corona weitergehen wird, darf man gespannt sein.

Aufgeregte Zeiten erfordern seriöse und umfassende Informationen und deren Einordnung! Jetzt HIER anfordern.

  • Bewertung
    0

Umfrage

Corona-Warn-App

Zu Beginn der Sommerferien in einigen Bundesländern soll die Corona-App eingeführt werden. Damit können Infektionsketten nachvollzogen werden. Würden Sie eine App nutzen?

Ergebnis anzeigen
loading