Steinen Abschied von einem Stück Ortsgeschichte

Von Harald Pflüger

Die Tage der alten Weberei in Steinen sind gezählt: Diese Woche rollten die Bagger an, um Platz zu schaffen für ein neues Quartier mit Wohnbebauung und Kleingewerbe.

Steinen. Der Bauantrag auf Abbruch der meisten Gebäude auf dem Areal ist gebilligt. Die Bagger sind angerollt: Nur das ehemalige Turbinenhaus und das imposante Verwaltungsgebäude sollen stehen bleiben, alles andere ringsum wird abgerissen. Unser Redakteur machte einen letzten Rundgang, bevor die Bagger mit ihrem Werk begannen.

Mit dem Abriss der Gebäude endet auch ein Stück Textilgeschichte Steinens. Über 200 Jahre lebte ein großer Teil der Talbevölkerung von der Textilindustrie. Nicht zuletzt der Wasserkraft der Wiese ist es zu verdanken, dass sich links und rechts des Flusses Textilindustrie ansiedelte. In den besten Zeiten, so Chronisten, waren zwischen Basel und Todtnau über 20 000 Menschen mit Spinnen, Weben und Bleichen beschäftigt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zog sich die Textilindustrie jedoch immer mehr aus dem Tal zurück.

Den Grundstein für die Textilindustrie in Steinen legte laut Ortschronik die Firma Merian und Köchlin 1816 mit einer Handweberei. Es sollte der Anfang einer rasanten Entwicklung sein. 1836 nahm Mayor Wilhelm Geigy-Lichterhahn die „Mechanische Spinnerei und Weberei Steinen“ in Betrieb: die „obere Fabrik“. 1854 wurde das Unternehmen um die „untere Fabrik“ erweitert.

Soziale Errungenschaften

Eine maßgebliche Rolle bei der Ansiedlung der Textilindustrie in Steinen spielte der Gewerbekanal, der oberhalb der Eisenbahnbrücke von der Wiese abgeleitet wurde. Eine Turbine befand sich in der oberen Fabrik (heute Baugebiet Steinen-Ost), eine weitere im Ortskern (heute Cornimont-Platz) und eine dritte in der unteren Fabrik, jetzt Alte Weberei. Unter diesem Namen soll das neue Quartier vermarktet werden.

Kinderkrippe, Fabrikschule, Arbeiterkrankenkasse und Wohnhäuser für die Arbeiterfamilien gehörten zu den sozialen Errungenschaften, die die Textilindustrie mit sich brachte. Mit der umstrittenen Ortskernsanierung in den 80er Jahren verschwanden die Laborantenhäuser - die Wohnhäuser für die Fabrikarbeiter. Zeugnis der einst prosperierenden Textilindustrie sind heute noch die Villa Merian in östlicher Ortsrandlage, das Gästehaus Pflüger in der Lörracher Straße und die Liegenschaft Lörracher Straße 16 in Steinen. Zur Fabrik gehörten damals noch große Pachthöfe, erinnert sich Wolfgang Deschler, dessen Großvater Webmeister und dessen Vater Lohnbuchhalter in der Spinnerei war.

Anfang der 60er Jahre machten sich die starken Umsatzrückgänge bemerkbar. 1965 übernahm die Firma Merian in Höllstein die obere Fabrik. Die untere Fabrik ging 1970 an die Maulburger Firma Medima.

Nachdem Medima 2001 Insolvenz anmelden musste, wurde die Liegenschaft vom Versandhaus Quelle genutzt, daher rührt der in Steinen zuletzt geläufige Begriff Quelle-Areal. Nachdem auch Quelle Insolvenz anmelden musste, erwarb die Gemeinde Steinen die Liegenschaft 2008 aus der Karstadt-Quelle-Konkursmasse, um das Gebiet zwischen Lörracher Straße, Eisenbahnstraße, Bahnhofstraße und Egertenweg neu zu ordnen. Die Pläne hierzu gingen aus einem Architekturwettbewerb hervor.

Weitere Informationen: Der Überlieferung nach hieß das Viertel im Volksmund Belzi, weiß Wolfgang Deschler. Das rührt daher, dass die Arbeiter in der Fabrik „Belzmüller“ genannt wurden. Sie waren so schmutzig vom Reinigen der Webstühle, dass es aussah, als trügen sie einen Pelz.

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