Steinen Elf Kilo leichter und mit Vollbart zurück

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Mitte September, nach 8677 Kilometern im Sattel, stellte Peter (Pit) Klein sein Fahrrad wieder zu Hause ab. Und, wie war’s am Nordkap? Wolfgang Göckel fragte nach beim IG Velo-Mitglied.

Steinen-Schlächtenhaus. Pit Klein aus Schlächtenhaus ist nicht das erste Mitglied der IG Velo, das auf dem Velo das Nordkap erreicht hat – diesen nördlichsten Punkt Europas, der auf einer Festland-Straße zu erreichen ist. Siggi Burkart hatte 2019 die gewaltige Tour unternommen und in der „VeloPost“ berichtet. Burkart hatte für die Rückreise ein Schiffs-Ticket gebucht. Pit Klein hingegen ist auf seinem E-Mountainbike den ganzen Weg auch wieder zurückgefahren.

Frage: Einmal Nordkap und zurück – verrückt so eine Radreise, werden sich viele normale Alltagsradler denken.

Es war ein wahnsinniges Erlebnis. Mit vielen kleinen und auch großen Abenteuern. Und mit vielen neuen Bekanntschaften.

Frage: Wir besuchten Sie schon Anfang 2020 in Schlächtenhaus, lange vor der Tour, und wir stellten Ihren selbstgebauten Anhänger vor: einen mobilen Schlafplatz für die geplante große Tour ans Nordkap. Vorneweg gefragt, Pit: Hat sich Ihr Bicycle- Camper bewährt, hat er durchgehalten?

Hat er, trotz aller Strapazen. Ich habe übrigens gar nicht alle seine Qualitäten gebraucht. Wenn es frostig ist, ist es im Anhänger zum Schlafen etwa zehn Grad wärmer als draußen. Aber das Wetter war außergewöhnlich gut und oft so warm, dass ich fürs Schlafen sogar das Dach offen lassen musste.

Frage: Sie sind am 1. Juli in Schlächtenhaus gestartet, über die Scheideck rüber und ab nach Norden …

... über Karlsruhe und Frankfurt nach Lübeck. Ging alles gut, nur in Gießen, ausgerechnet, fing es an zu gießen, ich wurde nass bis auf die Knochen – da musste ich früher als geplant auf einen Campingplatz. Ich bin ja von Campingplatz zu Campingplatz gefahren, wo ich über Nacht meine Akkus – ich hatte drei dabei – aufladen konnte. Und wo ich meine Verpflegungsbox samt Minikocher in die Campingplatz-Küche tragen konnte, abends und fürs Frühstück. Klappte nicht immer mit den Campingplätzen, mal war einer voll oder auch pleite gegangen nach den Corona-Monaten. Da habe ich dann wild übernachtet. Oder bei Regen mir ein Dach gesucht – Buswartehäuschen bieten sich an.

Frage: Sind Sie denn ausgewiesenen Radrouten gefolgt?

Nein. Auf dem Lenker ist mein Outdoor-Handy montiert mit der Komoot-App fürs Navigieren. Die sucht immer Nebenstrecken, was in meinem Fall auch ins Auge gehen kann: Diese Nebenstrecken sind hier und da nur Trails, auf denen ich mit dem Anhänger aber nicht Platz habe. Oder es kommen starke Steigungen, unerwartet, die ich nicht schaffe, auch nicht schiebend – mit 50 Kilo E-Bike und 50 Kilo Anhänger, einschließlich Zuladung. Da musste ich dann umkehren und Alternativen finden.

Frage: Weiter auf Ihrer Tour. Deutschland ist geschafft, in Puttgarden dann auf die Fähre nach Dänemark.

Ich bin am Sonntag in Dänemark angekommen und der Aldi hatte geöffnet – Dänemark eben. Ich habe mich regelmäßig in Supermärkten versorgt, für unterwegs vor allem mit reichlich Bananen und mit Schokolade. In zwei Tagen war ich durch Dänemark durch und setzte nach Schweden über, von Helsinger nach Helsingborg. Vier weitere Tage bis Göteborg – und dort war nichts mit Campingplatz. Und die Akkus leer. Übernachtet habe ich auf einem Parkplatz im Industriegebiet, war aber zuvor in einer Pizzeria, damit ich wenigstens einen meiner Akkus aufladen konnte. Die Einkehr hat mich 48 Euro gekostet, für eine Pizza und zwei Bier. Die teuerste Pizza meines Lebens.

Frage: Wie fühlt es sich an als Reiseradler in den skandinavischen Ländern?

Man sieht selbstverständlich sehr Schönes – mir hat besonders Oslo imponiert mit dem Stadtviertel beim neuen, großartigen Opernhaus direkt am Meer. Einem Tourenradler können in Schweden die Fahrten durch fast endlose Wälder und die langen Schotterstraßen auf die Nerven gehen. In Norwegen habe ich einen deutlichen Unterschied festgestellt, dort halten Autofahrer wirklich großen Abstand zum Radfahrer. Fühlt sich gut an.

Frage: Dem Norden zu, erzählen Kenner, werden die Landschaften immer noch schöner.

Die Landschaften sind wirklich großartig. In Bodo bin ich auf die Fähre und hinüber auf die Lofoten – Radfahrer müssen auf Fähren in Norwegen nichts bezahlen. Die Lofoten waren ein Highlight: die Küstenlandschaften, die Orte, die Häuser. Bis zum Nordkap sind es aber immer noch an die 1000 Kilometer. Für Radfahrer gibt es eine besondere Herausforderung kurz vor dem Ziel, den Nordkap-Tunnel unter einem Meeresarm hindurch: erst mal 200 Meter hinunter und nach insgesamt fast sieben sehr kalten Kilometern der Anstieg zurück ans Tageslicht. Da kommt man an seine Grenzen.

Frage: Ihr Foto vom Nordkap dürfte viele überraschen, die frierend schon mal dort an der Weltkugel gestanden sind.

Sonne, keine Wolke am Himmel und 22 Grad warm. Das ist fast wie ein Sechser im Lotto, und wahrscheinlich macht sich da schon der Klimawandel bemerkbar. Es war sagenhaft schön. Und natürlich ein Triumph für mich: Nach gut 4300 Kilometern war ich angekommen. Nach einem Monat und sechs Tagen. Ich hatte mit einigen Tagen mehr gerechnet. Aber ich habe am Tag deutlich mehr Kilometer geschafft als gedacht: Über die gesamte Tour gerechnet kam ich auf im Schnitt 139 Kilometer. Zum Nordkap muss ich noch sagen: Etwas Pech hatte ich auch, mir ist ein Pedal gebrochen.

Frage: Ausgerechnet am Nordkap? Ich weiß, Sie sind ein gewiefter Mechaniker und haben gutes Werkzeug dabeigehabt. Aber wahrscheinlich kein neues Pedal.

Genau. Aber ich hatte Hilfe. Ich hatte unterwegs bereits viele Bekanntschaften gemacht, gerade auch mit anderen Tourenradlern. Einer war Nico aus der Gegend von Bautzen. Der unterhält auf WhatsApp eine Nordic-Gruppe. Ich habe mich also an Nico gewandt, und aus der Nordic-Gruppe kam der Tipp: Du musst es bis Honningsvag schaffen – das waren für mich noch etwa 20 Kilometer –, dort gibt es einen Intersport-Laden mit Radabteilung. So war es dann auch. Der Nico übrigens hat, das wusste ich zunächst nicht, nach unserer ersten Begegnung ein Foto von mir und meinem außergewöhnlichen Anhänger ins Internet gestellt. Deshalb bin ich unterwegs immer wieder mal von Leuten erkannt worden – Daumen nach oben, oder ich musste mit drauf auf ein Selfie.

Frage: Das Nordkap erreicht, ich versuche mich einzufühlen: Man spürt sicher die enorme Anstrengung der langen Fahrt – und will tatsächlich umdrehen und das Ganze auch wieder zurückfahren?

So ein Anhänger lässt einem ja nicht groß Alternativen. Mit dem kann man nicht einfach in den Zug einsteigen und die Beine hochlegen. Aber für die Rückfahrt habe ich eine kürzere Route gewählt, Richtung Ostsee, mit zwei Tagen durch Finnland, dann durch Schweden, zur Fähre nach Rügen und in Deutschland – mit einem Abstecher über Berlin – bis nach Hause.

Frage: Die Rückfahrt verlief wahrlich nicht glatt, habe ich schon gehört.

Ich hatte zurück viel Regen. Auch als ich in Schweden gerade an der Ostsee angekommen war. Es geht dort nicht anders, man muss für einige Streckenabschnitte die E4 nehmen, eine mehrspurige Schnellstraße, ohne Pannenspur. Und da ist mir ein Wohnmobil hinten reingekracht, ein Schwede. Ich hab‘ mehrere Saltos geschlagen, ein Bein war blutig aufgeschürft und der linke Arm blutunterlaufen, Rippen und Hand geprellt. Gott sei Dank hat der Helm mich vor noch Schlimmerem bewahrt.

Frage: Sie sind einfach so übersehen worden?

Ja! Obwohl ich mit meinem Gespann eigentlich gut sichtbar bin. Es war ein Tiefschlag. Die Polizei war keine Hilfe, die Ambulanz tat nur das Allernötigste und der Unfallfahrer war auch bald verschwunden. Das Hinterrad am Bike und ein Rad am Anhänger standen schräg. Ich hab’s fahrbar machen können und mit dem Navi einen kleinen Ort in der Nähe gefunden. Nach dem Riesenpech hatte ich dort großes Glück: Der erste Schwede, den ich auf dem Dorfplatz angesprochen habe, konnte perfekt deutsch. Und führte mich gleich weiter zur Bushaltestelle und einem sehr hilfsbereiten Busfahrer. In Schweden fahren Trekkingbusse, das sind Doppelstöcker mit einer Laderampe – mit der konnten wir Bike und Anhänger gut einladen. In der nächsten Stadt wollte ich nur noch in ein Hotel. Aber meine Kleidung war blutig und verdreckt, das hat abgeschreckt. Ich musste – eiernd – auf einen Campingplatz fahren.

Frage: Und haben trotz allem die Tour fortgesetzt?

Die Fahrt ist zu Ende, hatte ich mir tatsächlich gedacht. Wenn ich einen großen Leihwagen bekommen hätte, mit Platz für mein Gespann, wäre ich mit dem nach Hause. Aber es gab keinen. Also habe ich auf dem Campingplatz einen Tag lang repariert, so gut es eben möglich war. Und dann die restlichen 3000 Kilometer in Angriff genommen. Die Räder haben zumindest nicht mehr gestreift. Und die Schmerzen auf den nächsten Etappen habe ich irgendwie verdrängt.

Frage: Das war’s mit Unfällen?

Zum Glück. Aber nach so einem Crash hat man auf der Straße kein so gutes Gefühl mehr. Von einer Etappe will ich noch erzählen. Von Rügen nach Berlin – dort konnte ich bei einer Schwägerin übernachten – sind es 240 Kilometer. Es klappte nicht mit einem Campingplatz irgendwo in der Mitte. Da bin ich durchgefahren, von morgens acht bis nachts halb zwölf. In einem Wald, in der Dunkelheit, sah ich zwei leuchtende Augen vor mir. Das war ein Wolf! Der lief dann ein Stück weit vor mir her und war so abgemagert wie ich selbst. Ich bin elf Kilo leichter nach Hause gekommen und mit Vollbart – ein Rasierer wäre unnötiges Gewicht gewesen. Zu Hause eingetroffen nach 73 Tagen, von denen ich 62 auf dem Bike gesessen bin.

Frage: Und jetzt? War’s das mit langen Touren? Oder haben Sie bereits nächste Pläne?

Ich bin gerade dabei, den Anhänger zu reparieren und das eine oder andere noch zu verbessern. Es kommen auch Ballonreifen drauf, gut für die schlechten Wege, und Klappfenster für die heißen Tage. Ich hab‘ schon vor, wieder mal aufzubrechen – mit 66 läuft mir ja die Zeit weg. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr über Paris und Amsterdam an die Nordsee und weiter bis Kopenhagen. Kopenhagen habe ich verpasst auf meiner Nordkap-Tour. Oder ich fahre nach Süden, nach Portugal. Ich bin auch Surfer und würde mir in Portugal mal gern die riesigen Wellen in Nazaré anschauen.

Frage: Ich nehm‘ mal an: Es wäre Ihnen ganz recht, wenn Ihre Reiselust die eine oder den anderen anstecken würde.

Fahrradreisen sind umweltfreundlich und abenteuerlich. Würde mich freuen, wenn sich Leser inspirieren lassen.

Weitere Informationen: Das Interview mit Peter Klein führte Wolfgang Göckel. Erschienen ist es zuerst in der „VeloPost“, der Zeitschrift der IG Velo im Landkreis Lörrach.

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