Steinen „Es gibt nicht den einen Fahrradtyp“

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Wenn es wärmer wird, zieht es Radfahrer wieder hinaus. Foto: stockphotograf.stock.adobe

Radfahren verlernt man nicht, heißt es. Aber wer seit Kindheitstagen nicht mehr in die Pedale trat, dem fehlt die Routine. Hinzu kommt, dass es bei der Verkehrsdichte heute mehr Aufmerksamkeit braucht, um sicher anzukommen. Und es braucht eine gewisse körperliche Konstitution.

Steinen (hp). Vor dem Hintergrund steigender Spritpreise spielt der eine oder andere vielleicht mit dem Gedanken, sein Mobilitätsverhalten zu ändern und den Weg zur Arbeit künftig mit dem Fahrrad anstatt wie bisher mit dem Auto zurückzulegen.

Eine andere Motivation zum Umstieg von vier auf zwei Räder könnte der Gesundheitsaspekt sein. Radfahren, heißt es, wirkt sich nicht nur positiv auf die psychische, sondern auch auf die körperliche Gesundheit aus. Auch wenn Radfahren kinderleicht ist, stellen sich vor dem (Wieder-)Einstieg einige Fragen, über die unser Redakteur Harald Pflüger mit Wolfram Uhl, dem Vorsitzenden der IG Velo und Geschäftsführer des Seniorenzentrums Mühlehof, sprach.

Frage: Herr Uhl, dass man fürs Fahrradfahren nie zu alt sein und sich damit bestens fit halten kann, bewies beim Stadtradeln im vergangenen Jahr die 93-jährige Erika Sedelmeier aus Steinen. Sie war im Team Mühlehof die älteste Radlerin. Ist Frau Sedelmeier immer noch auf zwei Rädern unterwegs?

Im Winter ist Frau Sedelmeier – wie viele andere auch – nicht mit dem Velo unterwegs. Ich glaube, im Frühjahr wird sie es wieder wagen.

Frage: Da stellt sich natürlich die Frage: Kann jeder Fahrrad fahren?

Ich kann mir garnicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die nicht Fahrradfahren können. Das ist wie mit dem Schwimmen. Einmal gelernt, kann man es immer. Für die ältere Generation war Velofahren lange Zeit das einzige, ständig verfügbare Fortbewegungsmittel.

Frage: Das klingt für jemanden, der etwas für Umwelt und Gesundheit tun möchte, ermutigend. Zu welchem Fahrradtyp würden Sie einem Neu- oder Wiedereinsteiger raten?

Ein neues Velo sollte stets mit Sorgfalt ausgewählt werden. Daher ist es von Vorteil, sich vorab zu informieren. Dabei sollte man sich selbst die Frage stellen: Was will ich mit dem Fahrrad machen (Einsatzzweck). Es gibt nicht den einen Fahrradtyp bei Wiedereinsteigern. Man muss es an individuellen Bedürfnissen festmachen, aber auch an der Topografie der geplanten Fahrradrouten. Wenn jemand aus dem Gesundheitsaspekt heraus wieder mehr Fahrradfahren will, bietet sich ein Cityrad an. Wenn jemand konditionell wenig geübt ist oder auch das Gelände bergig, wird ein Pedelec der bevorzugte Fahrradtyp sein.

Frage: Gelten für Frauen andere Kriterien als für Männer?

Früher wurde klar zwischen Damen- und Herrenräder unterschieden. Mobilitätseingeschränkte Menschen, zum Beispiel im Alter, bevorzugen einen Tiefeinstieg. Es fördert das Sicherheitsbedürfnis deutlich. Neben Herren- und Unisexmodellen gibt es auch spezielle Damenmodelle. Das Angebot ist groß und man sollte sich deshalb beim Kauf Zeit lassen und sorgfältig abwägen.

Frage: Sollte man das Rad online oder beim Händler kaufen?

Das ist immer eine Gewissensfrage. Der Händler vor Ort bietet viele Vorteile wie individuelle Beratung, Auswahl, Probefahrten, Reparaturservice.

Frage: Was gilt es beim Fahrradkauf zu beachten?

Einsatzzweck, Rahmen, Gewicht, Akkuleistung, Ergonomie, unkomplizierte Bedienung, eigene körperliche Voraussetzungen.

Frage: Würden Sie ab einem gewissen Alter oder bei körperlichen Einschränkungen auch zum E-Bike raten?

Wir unterscheiden zwischen E-Bike und Pedelec. Pedelecs sind bis 25 Stundenkilometer zugelassen, E-Bikes benötigen ein Versicherungskennzeichen und fahren bis zu 45 Stundenkilometer. Wenn es elektrisch sein soll, dann auf alle Fälle ein Pedelec für den Einstieg.

Frage: Gibt es bei E-Bikes Unterschiede?

Es gibt unterschiedliche Übersetzungen, die bei ausdauerndem Fahren oder bei besonderer Belastung (Kinderanhänger oder lange Steigungen) für die Motoren wichtig sind. Der Drehmoment der Motoren ist unterschiedlich. Hier hilft dann eine fachkundige Beratung. Es sollte aber auch ein Augenmerk auf Gewicht des Fahrrads, die Akkuleistung, den Antrieb und besonders die Bremsen gerichtet werden.

Frage: Welcher Zeitpunkt eignet sich am besten, um sich ein neues Rad zu kaufen?

Es gibt keinen falschen Zeitpunkt zum „umsatteln“. Im Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird und sich noch eine kleine Feierabendrunde anbietet, macht es natürlich mehr Freude und motiviert mehr zu machen. Im Winter ist es erfahrungsgemäß ruhiger bei den Händlern. Da bietet sich eine eingehende Beratung eher an. Als IG Velo-Vorsitzender empfehle ich natürlich unsere Velobörsen, um ein geprüftes Gebrauchtrad zu erwerben.

Frage: Welche Fragen sollte man sich beziehungsweise dem Händler vor dem Kauf stellen?

Natürlich muss sich die Käuferin, der Käufer, darüber im Klaren sein, was man mit dem Velo machen will. Dementsprechend kann der Händler passgenau den richtigen Fahrradtyp für einen heraussuchen.

Frage: Was ist der größte Fehler, den man beim Fahrradkauf machen kann?

Besonders für Neu- und Wiedereinsteiger ist die Beratung sehr wichtig. Daher empfehle ich ein paar Euro mehr zu investieren und dann eine gute Beratung mit späterem Service vor Ort. Eine gute Beratung nimmt auch die Körpermaße im Verhältnis zum Fahrrad in den Blick. Schnell ärgert es einen, wenn man spürt, dass die eigenen Arme für das Fahrrad zu kurz sind oder die Kraftübertragung auf die Pedale nicht optimal genutzt werden kann.

Frage: Welches Zubehör ist unbedingt erforderlich?

Es gibt in Deutschland keine Helmpflicht. Ich empfehle jedem Radelnden einen Helm. Mit geeigneter und gut sichtbarer Kleidung wird man im Straßenverkehr schneller erkannt.

Eine gute Beleuchtung ist immer hilfreich, denn sonst steht man plötzlich im Dunkeln. Heute fahren viele auch tagsüber mit Licht, und werden besser erkannt. Ich habe in meiner Satteltasche ein Erste Hilfe-Set dabei, in der Hoffnung, dass es so überflüssig ist wie der Verbandkasten im Auto.

Frage: Wie kann man sich am besten mit dem neuen Rad vertraut machen?

Es gibt immer mehr Fachhändler, die für Pedelec-Einsteiger einen Fahrtechnikkurs anbieten. Das ist natürlich ideal.

Ansonsten empfehle ich einen größeren Platz oder wenig befahrene Wege. Dort sollte man sich mit Kurvenradien und der Bremswirkung vertraut machen. Heute haben fast alle Velos Scheibenbremsen und die reagieren sehr heftig, was bei ungeübter Notbremsung schnell zum Sturz führt.

Frage: Haben Sie einen persönlichen Tipp für einen totalen Anfänger?

Mein Tipp: Sich grundsätzlich (auch ohne Velo) körperlich und geistig fit zu halten, steigert die Lebensqualität, auch im Alter. Viele kleine Schritte sind mehr als wenig große. Überfordern Sie sich nicht als Anfänger. Die ersten Fahrtstrecken sollten nicht allzu lang oder bergig sein. Teilen Sie die Kräfte und das Sitzfleisch so ein, dass sie mit einem guten Gefühl wieder nach Hause kommen. Ziel ist doch, Lust auf mehr Fahrradtouren zu bekommen. 

Frage: Das Rad ist gekauft, jetzt geht es auf die Straße. Laut ADAC fühlen sich Radfahrer aber gerade im Straßenverkehr am unsichersten. Sollten Anfänger zu Beginn die Straße meiden und lieber Routen wählen, die über Radwege führen?

Ich empfehle, vermeiden Sie Strecken mit viel motorisiertem Individualverkehr. Da kann man sonst schnell die Lust verlieren.

Frage: Muss Ihrer Meinung nach mehr für Fahrradfahrer getan werden?

Das Ziel der IG Velo ist, mehr und sichere Radverbindungen zu bekommen. In den letzten Jahren wurden zunehmend Fahrradschutzstreifen auf den Straßen markiert. Im Landkreis Lörrach soll der mit dem RS7 Wiesental eine Achse entstehen, an der sich viele untergeordnete Wege anschließen können.

In diesem Jahr plant die IG Velo, gemeinsam mit den Radverkehrsbeauftragten des Landkreises, Maßnahmen zur Einhaltung des Sicherheitsabstandes von Autofahrendenden gegenüber Velofahrenden.

Wenn der Anteil des Radverkehrs im Mobilmix gesteigert werden soll, dann müssen auch mehr Verkehrsflächen dem Radverkehr zur Verfügung gestellt werden.

Frage: Noch eine Frage an Sie als Vorsitzender der IG Velo: Was nervt Sie persönlich als Radfahrer?

Wenn Autofahrende an meinem Hinterrad hängen. Das gilt nur für die Tour de France-Fahrer!

Frage: Als Geschäftsführer des Seniorenzentrums Mühlehof können Sie sicher auch etwas dazu sagen, wie sich das Radfahren im Alter auf die Gesundheit auswirkt.

Jeglicher Art von Bewegung, ob zu Fuß oder auf dem Velo, fördert das Herz-Kreislauf- System, fördert oder erhält die Balance und stärkt die Muskelkraft, um auch vor Stürzen besser gewappnet zu sein.

Frage: Wann sollte man mit dem Fahrradfahren aufhören beziehungsweise wie sagt man jemanden, der sich im Verkehr unsicher bewegt, dass es Zeit ist abzusteigen?

Leider ist es so, dass bei über 70-Jährigen der Anteil am Radverkehr rasant abnimmt, da sich diese Gruppe vom motorisierten Verkehr zu sehr bedrängt fühlt. Diese Gruppe wechselt dann zum Auto über.

Ich empfehle, dass sie sich gerade ihren Verkehrsraum nehmen. Häufig fahren ältere unsichere Velofahrer zu dicht an der Bordsteinkante. Dann fühlen sich bedrängt, schlenzen am Bordstein entlang und stürzen, mit oftmals falten Folgen. 70 Zentimeter Abstand zur Bordsteinkante wird von Fachleuten empfohlen. Wenn man diesen Abstand einhält, hat das auch oft zur Folge, dass dann nicht mehr genügend Platz ist, am Radfahrenden mit deutlicher Unterschreitung des Sicherheitsabstandes einfach vorbeizudrängeln.

Und mittlerweile gibt es schicke Dreiräder, auch mit elektrischer Unterstützung. Die Gefahr zu stürzen, ist damit viel geringer und der Transport von Einkäufen einfacher. Die Vorteile des Radfahrens und die Mobilität bleiben erhalten. Also nicht mit dem Radfahren aufhören, sondern auf dem passenden Velo mobil bleiben.

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