Steinen Extra-Vorführungen für die Gastarbeiter

Markgräfler Tagblatt

Steinen (os/hp). The Last Picture Show (Die letzte Vorstellung) von Peter Bogdanovic wäre 1971 sicher der passende Film gewesen, um nach 20 Jahren das Ede einer Kino-Ära in Steinen einzuläuten. Vermutlich lief aber ein anderer Titel, als vor 50 Jahren die Lichter erloschen.

Clara Hermine Milhausen (1899 bis 1972) musste Ende Mai 1971 ihr 20 Jahre lang liebevoll betriebenes Steinener Kino in der Kirchstraße aufgeben. Heute befindet sich in dem ehemaligen Kinosaal ein Fotostudio.

Bevor aus dem Ochsensaal ein Kino wurde, war dieser ein Veranstaltungsraum. Hier wurde getanzt, feierten Vereine, und ging es an Fasnacht hoch her.

Am 15. August 1951 eröffnete Kinopächterin Clara Hermine Milhausen, ge- borene Wittemann, die Wiesen-Lichtspiele mit dem Film „Der Wildschütz von Tirol“.

Neben den Wiesen-Lichtspielen wurde von Milhausens Tochter und deren Ehemann (Erni und Wolfgang Sturm) in Hauingen noch das Bad-Kino betrieben. Dieses Haus gibt es heute nicht mehr. Das Gasthaus mit Metzgerei und Kino in der Unterdorfstraße musste einem Mehrfamilienhaus weichen.

Dort, wo einst Filme über die Leinwand flimmerten, ist seit 40 Jahren das Fotostudio Köpfer untergebracht. Einiges hat Inhaber Erwin Köpfer so erhalten, dass beim Besuch des Fotostudios Erinnerungen an die cineastische Vergangenheit der Wiesentalgemeinde aufkommen.

Zwischen Apotheke am Eck, zu Kino-Zeiten die Drogerie Rummel, und dem Gasthaus „Ochsen“ erreicht man den Eingang des Fotostudios. Die Glastür öffnet sich zum früheren Foyer des Kinos. Von dort, wo früher der Eintritt bezahlt wurde, führt die original erhaltene Treppe nach oben, vorbei an den originalen, goldene Leuchten im Jugendstil.

Der frühere Kinosaal ist seit 40 Jahren ein Fotostudio. Es sei eine ziemliche Arbeit gewesen, das einstige Kino zehn Jahre nach seiner Schließung umzubauen, erzählt Erwin Köpfer.

Die Wiesen-Lichtspiele, erinnert sich Wolfgang Deschler, seien eine Attraktion in der damals noch recht kleinen Gemeinde gewesen. Dafür sorgte die aus Moers stammende Clara Hermine Milhausen, die im der Familie Pflüger gehörenden „Ochsen“ ein Kino eröffnete. Sie hatte zuvor in Nordrhein-Westfalen Kinos betrieben.

Am Himmelfahrtstag vor 70 Jahren hatte sie im Tanzsaal des Gasthauses „Ochsen“ das neue Kino mit 250 Sitzplätzen eröffnet. Die Wirtsfamilie Pflüger hatte das Kino möglich gemacht, erinnert sich Wolfgang Deschler. Er selbst sei, da aus einer Familie mit vier Kindern stammend, selten ins Kino gegangen. „Als Kind schon deshalb nicht, weil wir kein Geld dafür hatten, und weil es Kinder- und Jugendfilme damals kaum gab“, erzählt Deschler. Später leistete er sich doch mal einen Kinobesuch und traf dabei auch den nahezu gleichaltrigen Heinz Wüst, der als Filmvorführer über lange Jahre bei Clara Hermine Milhausen arbeitete.

Madlee Schultheiß hat ähnliche Erinnerungen wie Wolfgang Deschler. „Wir konnten damals nur dank einer gut situierten Tante öfter mal ins Kino gehen“, sagt die Steinenerin. Gezeigt wurden Hollywood-Klassiker, Edgar-Wallace-Krimis, Heimatfilme, Winnetou-Verfilmungen und Aufklärungsfilmen. Vor allem bei letzteren sei der Zulauf enorm gewesen, weiß Deschler.

„Und bei den diversen Hausfrauen- oder Schulmädchen-Reports wurde am Kino-Eingang sehr genau kontrolliert“, so Deschler weiter.

Madlee Schultheiß erinnert sich noch an „Oliver Twist“ und die Sissi-Filme mit der jungen Romy Schneider und daran, dass sie als junge Frau gerne mit ihrem späteren Ehemann ins Kino gegangen sei.

Und noch eine Besonderheit gab es in Steinen. Für die vielen italienischen Gastarbeiter, die in Steinen vor allem in der Textilindustrie Arbeit fanden, wurden über Jahre hinweg in Extra-Vorführungen Filme in italienischer Sprache gezeigt.

Als dann immer mehr Haushalte einen Fernseher besaßen, bedeutete dies auch den Niedergang vieler kleinen Kinos. Auch das Kino in Steinen konnte sich nicht mehr halten. Clara Hermine Milhausen schloss im Mai 1971 ihr Kino. Im Jahr darauf starb die Kinopächterin.

Ein halbes Jahrhundet nach Schließung des Steinener Kinos können Cineasten Hoffnung schöpfen. Die Filmbetriebe Schweikart, die bereits etliche Großkinos betreiben, unter anderem in Baden-Baden und in Lörrach, wollen in Höllstein zwischen Bundesstraße 317 und Gewerbestraße eine Erlebnis- und Eventstätte mit Kinokomplex mit sieben Kinosälen, Gastronomie sowie eine Kletterhalle errichten. Damit hätte Steinen nach gut 50 Jahren wieder ein Kino.

Auf der Leinwand strapazierte 1971 „Balduin der Sonntagsfahrer“ die Lachmuskeln, Westernfans fieberten mit bei der „Abrechnung in Gun Hill“ und die „Love Stroy“ rührte Kinogänger zu Tausenden zu Tränen.

Musikalisch ließ Danyel Gérard vor 50 Jahren seinen „Butterfly“ fliegen, Middle Of The Road zwitscherten „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ und Roy Black & Anita fanden „Schön ist es auf der Welt zu sein“.

Die Blicke der Welt richteten sich auf Ägypten, wo der Assuan-Staudamm eingeweiht wurde, und in Deutschland mussten sich Autofahrer an ein neues Verkehrszeichen gewöhnen: das neue achteckige Stoppschild. Die Deutsche Bundesbahn führte für den Schnellverkehr Intercity-Züge (IC) ein, den europäischen Verbrauchern wurden auf einer Messe erstmals Mangos und Kiwis vorgestellt und in Steinen fiel 1971 im einzigen Kino, den Wiesen-Lichtspielen, der letzte Vorhang.

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