Steinen Mit der Pferdekutsche zur Schule

Vor dem Rathaus in Ungersheim. Foto: zVg Foto: Markgräfler Tagblatt

Seit Jahren ist Ungersheim im Elsass erfolgreich im Wandel und zeigt anhand von „21 Maßnahmen für das 21. Jahrhundert“, was alles möglich ist. Davon konnten sich 19 interessierte Bürger bei einer Exkursion überzeugen, zu der „Steinen im Wandel“ eingeladen hatte.

Steinen. „In jedem Menschen steckt die Kraft für Veränderung“, betont Bürgermeister Jean Claude Mensch, der seit 1989 Jahren im Amt ist und die Bürger zur Beteiligung ermuntern will. Ziel sei, Ungersheim zu einem energieautarken Dorf zu machen, das sich selbst versorgt. Um dies zu erreichen, hat Mensch die partizipative Demokratie gestärkt. In Ungersheim gibt es seit 2009 einen Bürgerrat aus zufällig gewählten Bürgern, die sich regelmäßig treffen und Projekte anstoßen. Ihre Vorschläge werden von einer Jury beurteilt und im positiven Fall an den Gemeinderat weitergereicht. Außerdem gibt es einen Rat der Weisen und einen Kinderrat.

„Selbstständig denken“ steht im Mittelpunkt des Handelns in Ungersheim. Zahlreiche Partizipationsprojekte wie Pflanzaktionen, Parkgestaltung und Gemüsegärten stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ungersheim ist ferner Mitglied der Transition-Town-Bewegung und wird in Kürze ein eigenes Transition-Institut eröffnen.

Seit 2005 musste in Ungersheim die Gemeindesteuer nicht mehr erhöht werden, weil so viel eingespart werden konnte, heißt es in einer Pressemitteilung von „Steinen im Wandel“ zu der Exkursion. Die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED hat nicht nur zu einer Kostensenkung von 40 Prozent geführt, sondern auch Ungersheim zu einem „Sternendorf“ gemacht, da die Lampen jetzt nicht mehr in den Himmel leuchten.

Das Schwimmbad wird solar beheizt, ein mit Holz betriebenes Fernwärmenetz versorgt sieben öffentliche Gebäude. Die Fotovoltaik soll weiter ausgebaut werden. Die Gemeinde stellt hierfür das Land zur Verfügung und wählt einen Dienstleister für die Stromproduktion. 2022 will Ungersheim seinen kompletten Strombedarf selbst produzieren und spätestens 2023 mit Biomethangas auch bei der Heizung autark sein.

An Originalität fehlt es in Ungersheim ebenfalls nicht. So werden die Schüler mit Pferdekutschen zur Schule gebracht, die Abfallsammlung erfolgte rund zehn Jahre lang mit Pferden (wie früher in Höllstein), bevor auf Elektroautos umgestellt wurde, und auch die Schulkantine nutzt Pferde als Transportmittel. 600 Essen aus kommunalem ökologischen Anbau werden hier täglich produziert, weit mehr als der Eigenbedarf, so dass umliegende Gemeinden beliefert werden können. Auch der Lebensmittelverschwendung wird in Ungersheim Einhalt geboten. Obst und Gemüse, das nicht verkauft werden kann, wird unter Bürgerbeteiligung eingemacht. Das Festival „Bio Ungersheim“ mit 80 Ausstellern ist gut etabliert und findet dieses Jahr am 16. und 17. November statt.

Beeindruckt zeigten sich die Exkursionsteilnehmer von der Ökosiedlung mit neun unterschiedlich großen, aneinander gebauten Passivhäusern aus Holz, die 2000 Euro pro Quadratmeter kosten, sowie der „Ferme du Kohlacker“, einem im elsässischen Stil aus Holz, Lehm und Stroh gebauten Biohof. Er fiel zwar einem Brand zum Opfer, wird aber derzeit rekonstruiert. Hier befinden sich neben den landwirtschaftlichen Einrichtungen auch Räume für eine Mälzerei, Brauerei, Obstpresse und zum Einmachen. Es wird in geschlossenen Kreisläufen gearbeitet und alles verwertet. Bürgermeister Jean Claude Mensch schätzt die Aktiven in Ungersheim auf zehn bis 15 Prozent. Wichtig für das Gelingen der Projekte sei eine funktionierende Nachbarschaft. In größeren Gemeinden könne man deshalb auch quartiersweise aktiv werden.

„Es ist umwerfend, wie viele Projekte diese Gemeinde in den letzten elf Jahren verwirklicht hat“, resümiert Christine Ableidinger-Günther, Sprecherin von „Steinen im Wandel“. Beim nächsten Treffen der Initiative am Mittwoch, 25. September, von 19 bis 21 Uhr in der Aula der Grundschule Steinen, soll Ungersheim zum großen Vorbild für den Gedankenaustausch in Steinen werden.

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