Steinen Personen sehen, nicht Meinungen

Referentin Isabelle Schäfer-Neudeck moderierte die virtuelle Konferenz, in deren Verlauf zahlreiche Gespräche zwischen den Teilnehmern zustandekamen.Foto: Hans-Jürgen Hege Foto: Markgräfler Tagblatt

„Miteinander statt gegeneinander reden“: Unter diesem Motto stand jüngst eine Diskussion zwischen Menschen, die es gerade in diesen kontaktarmen Zeiten nicht damit bewenden lassen wollen, dass Gespräche mit- und untereinander mehr und mehr entgleisen würden. Eingeladen dazu hatte die Maaßen-Stiftung, zu deren Hauptthemen die seelische Gesundheit gehört.

Von Hans-Jürgen Hege

Steinen. Einige Interessierte trafen sich dazu virtuell in den Räumen der Stiftung in Steinen, neugierig darauf, was ihnen in den nächsten eineinhalb Stunden von der Veranstalterin Anette Maaßen-Boulton, der Tochter des Gründungsstifters, und deren Referentin Isabelle Schäfer-Neudeck geboten werden würde.

Virtuelle Konferenz

Aber: So ganz genau wussten das die beiden Damen auch nicht. „Es ist ein Experiment“, sagten sie in der Begrüßung in die Kamera, die neben den Mikrofonen wichtiges Instrument war bei dieser virtuellen Konferenz, zu diesem „Fasnachts-Dialog“, zu dem die Stiftung, die auf Spendenbasis berät und normalerweise zu unterschiedlichsten Themen Vorträge, Filme und Seminare organisiert, eingeladen hatte.

Einleitend wurde darauf hingewiesen, dass viele Gespräche auch unter Bekannten, Freunden oder in den Familien tiefe Gräben ziehen. Grund genug für das Stiftungs-Team, darauf hinzuwirken und daran zu arbeiten, „wie wir Kontroversen besser aushalten und Spaltungen überwinden können.“ Die Veranstalter schlagen vor, Brücken zu bauen, Verbindungen hin zur Begegnung von Mensch zu Mensch und nicht von Meinung zu Meinung. Das, so der Tenor, werde dann zu einem fruchtbaren gesellschaftlichen Dialog beitragen.

Den Dialog suchen

Woher die Kraft nehmen, aus Hilflosigkeit herauszukommen? Wie könnten unterschiedlichste Sichtweisen trotz der Kontaktbeschränkungen unter einen Hut gebracht werden? Wie sonst sind die differenzierten Meinungen auszuhalten, wie sind Polarisierung und Spaltung auszuhalten? Und: „Welche Wege und Ideen helfen uns im Umgang mit aktuellen Problemen?“ Die Konferenzteilnehmer waren gefordert, sich diesen Fragen in Gruppengesprächen zu stellen in der Hoffnung, sich gestärkt wieder einem Alltag stellen zu können, in dem unterschiedlichste Corona-Sichtweisen zu Kommunikationsfehlern und damit zu Leid führen würden. Es wurden ihnen Dialoge empfohlen, die nichts gemein haben dürfen „mit Luftballons, die wir in den Himmel schicken“. Sie sollten dabei begreifen, dass niemandem geholfen ist mit Intoleranz, und sie sollten das Gefühl vermeiden, das sich ergibt, wenn Personen mit Meinungen gleichgesetzt werden.

Kein einfaches Unterfangen, wenn man bedenke, dass es kaum noch Raum für Geselligkeit gebe. Auch für Isabelle Schäfer-Neudeck ein Novum: „Es gibt kein Theater, kein Kino, keine kulturellen Veranstaltungen. Die Erfüllung der Bedürfnisse, die wir haben, vermissen wir stark“, gab sie zu.

In kleinen Runden gab es Gelegenheit, Antworten auf die gestellten Fragen zu finden. In dieser Zeit blieben die Kameras aus, die Mikros stumm. Das waren, sagte der einzige männliche Teilnehmer an dem Projekt, „ein paar sehr hilfreiche Minuten“. Er habe sich dabei ertappt, dass er auf einmal nicht wie sonst gewohnt zuviel redet, sondern dass er auch „konzentriert zuhören“ kann.

Entspanntes Miteinander

Auch seine Gesprächspartnerinnen bekannten, wie „total entspannend“ sie „den kontrollierten Austausch in Zeiten sonst streng zurückgehaltener Aggressionen“ empfunden hätten und sie stellten fast ein wenig erstaunt fest: „Wir lernen hier wohl neu, miteinander zu reden.“

Hilfreich sei die digitale Herangehensweise dabei gewesen. In virtuellen Räumen sei es leichter, seine Meinung zu sagen. Es sei einfacher, „mit Menschen zusammenzukommen, die ähnlich ticken.“ Die soziale Distanz sei nicht mehr da. Und es fänden lockere Gespräche statt, aus denen – wie der Teilnehmer versicherte – sogar Freundschaften entstehen könnten.

Isabell Schäfer-Neudeck ging das runter wie Öl. Das Experiment scheine gelungen, sagte sie. Und als die Gesprächsrunde einvernehmlich lobte, dass allen „die Qualität des Hörens wieder wesentlich bewusster“ geworden sei, freute sie sich sichtlich: „Dieses Meeting nimmt eine sehr schöne Entwicklung.“

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