Steinen So könnte es gewesen sein

Hans-Peter Günther. Foto: Harald Pflüger Foto: Markgräfler Tagblatt

Hans-Peter Günther, Büromaschinentechniker, Schreibmaschinensammler und Verfasser von Kurzgeschichten, hat für unsere Wochenendausgabe wieder in die Tasten gegriffen.

Steinen. Das Kalenderblatt auf dem Schreibtisch zeigte den 20. Dezember 1888, und die Zeiger auf der Jaeger-LeCoultre standen exakt auf 8.55 Uhr.

Zu dieser ungewöhnlich frühen Zeit betrat heute Dr. Gernot Bülow, seines Zeichens Rechtsanwalt und Notar, seine Kanzlei. Er zog seine goldene Glashütter Taschenuhr hervor, verglich den Stand der Zeiger, und nickte zustimmend. Die Uhr war ein Geschenk seiner Eltern anlässlich der Erlangung seiner Doktorwürde. Normalerweise ist er in seiner Kanzlei nicht vor 10 Uhr anzutreffen. Aber heute ist ein besonderer Tag, einer, den er auf dem Kalender auch noch rot angestrichen hatte: 10.30 Uhr Firma Schrey (Hammond abholen) stand dort.

Er ging zu seinem Schreibtisch, zog die oberste Schublade hervor und entnahm 500 Mark in 100-Mark-Scheinen. Das Geld steckte er in die Innentasche seines Capes. Danach setzte er sich seinen schwarzen Zylinder, der am Garderobenhaken hing, auf, nahm seinen Flanierstock mit dem schönen, aus Elfenbein geschnitzten Hundekopf, und verließ sein Büro. Da er noch etwas Zeit hatte, nahm er die Treppe vom dritten Stock nach unten. Auf den Fahrstuhl hätte er sowieso warten müssen, da dieser sich im Parterre befand. Er hatte sich vorgenommen, den Tag froh zu beginnen, aber als er aus dem Haus auf die Schöneberger Straße trat, wehte ihm doch ein kalter Regen ins Gesicht, der ihn den Kragen seines Umhangs hoch schlagen und den Kopf etwas einziehen ließ.

Er klemmte sich seinen Stock unter den Arm und überquerte die Straße in Richtung der auf der anderen Straßenseite wartenden Droschke.

Er kannte den Kutscher seit vielen Jahren. Es war Erwin, der jeden Tag in der Schöneberger Straße auf Kunden wartete. „Guten Morgen Herr Doktor. Wohin heute?“ Ein kurzes Guten Morgen. Dann: Bethanien Ufer 10, bitte. Der Doktor hatte in der Droschke noch nicht richtig Platz genommen, da zog der Rappe schon an und drückte den Fahrgast in den weinroten Plüsch der Polster. Die Kutsche war ungeheizt, aber bei diesem Wetter allemal komfortabler als zu Fuß zu gehen.

Um diese Zeit war noch nicht viel los auf den Straßen Berlins. und so kamen sie gut voran. Trotzdem musste Erwin gut aufpassen, denn das Kopfsteinpflaster war durch den Regen manchmal für die Hufeisen der Pferde doch recht rutschig Aber der Rappe „Atlas“ kannte sein Berliner Pflaster.

Genau um 10.10 Uhr erreichten sie das Bethanien Ufer Nummer 10. Der Regen hatte mittlerweile fast gänzlich aufgehört.

Als Gernot Bülow ausstieg, wurd er von Herrn Schrey schon an der Ladentür erwartet.

Guten Morgen Herr Doktor. Ich habe Sie schon erwartet. Ihre Maschine ist gestern angekommen. Das steht das gute Stück. Mit der „Hammond“ haben Sie eine gute Wahl getroffen. Das Beste, was ich Ihnen verkaufen kann. Wollen Sie ein paar Sätze darauf schreiben?“

„Nein, die ist ja nicht für mich. Friederike, meine Bürohilfe, soll sie ja benutzen. Sie hat heute Geburtstag. Ich hoffe, sie freut sich.“

Nachdem der Notar den Kaufpreis entrichtet hatte, gratulierte Herr Schrey ihm nochmals überschwänglich zu dem guten Kauf. Er schenkte ihm sogar noch ein Ersatzfarbband in einer schönen Blechdose mit Firmenadresse.

Dann rief er nach seinem Laufburschen Fritz, der die Maschine für Herrn Doktor zur Kutsche tragen sollte.

Um 20 Pfennig Trinkgeld reicher, und nach einer tiefen Verbeugung in Richtung Droschke lief Fritz wieder in den Laden zurück. „So kann es heute weitergehen", hörte der Chef ihn noch sagen.

Gegen 11.30 Uhr war Gernot Bülow wieder zurück in der Schöneberger Straße.

Mit der schweren Schreibmaschine unter dem Arm, entschied sich der Notar diesmal für den Fahrstuhl. Das Ungetüm kam ratternd zum Stehen. Nachdem der Doktor die beiden Scherengitter geschlossen hatte und die Sperrklinke einrastete, setzte sich der Fahrstuhlkorb nach oben in Bewegung.

Friederike erwartete ihn schon. Mit ihrer weißen Schürze über dem langen Rock sah die 22-Jährige eher wie eine Hausangestellte aus, nicht wie eine Bürohilfe.

Obwohl sie heute Geburtstag hatte, war sie zur Arbeit erschienen. Ihr Chef wollte ihr einen freien Tag geben, aber sie meinte, so kurz vor Ultimo müssen noch wichtige Akten zum Gericht. Alles Termine.

Er hatte wirklich eine fleißige Angestellte und war sehr zufrieden mit ihr.

Friederike, rate mal, was ich hier habe?

Keine Ahnung, hab ich noch nie gesehen.

Das ist eine „Hammond“, das neueste Schreibmaschinenmodell. Und nur für dich.

Friedricke freute sich wirklich. Brauche sie jetzt wenigstens nicht mehr alles von Hand zu schreiben.

Anfang 1889 meldete sie sich im „Lette-Verein“ an, um einen Kurs im Maschinenschreiben zu belegen, den sie als Klassenbeste abschloss.

Vor dort an verließen nur noch maschinengeschriebene Briefe die Kanzlei Bülow.

Jedes Jahr wurde die „Hammond“ bei der Firma Schrey durchgesehen, gereinigt, geölt und neu justiert.

Wie die Hammond-Schreibmaschine die nächsten 100 Jahre verbrachte, weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall hat sie überlebt. Heute steht sie bei mir.

Und das kam so. Durch einen Zeitungsartikel im Markgräfler Tagblatt auf mich aufmerksam geworden, rief mich vergangene Woche ein sehr freundlicher Herr aus Zell an. Ob ich an einer Hammond-Schreibmaschine interessiert sei?

Ja gerne, Wie ist denn der Zustand?

Gut, würde ich meinen.

Ich konnte mich zwar nicht spontan entscheiden, aber ein paar Tage später sagte ich zu. Er bot sich sogar an, mir die Maschine nach Hause zu bringen, was ich gerne annahm.

Ein paar Tage später saßen wir uns gegenüber und wurden uns schnell handelseinig.

Schlussendlich ging es gar nicht mehr um den Kauf. Hier stimmte einfach die Chemie.

Nun steht sie als Seniorin in meiner kleinen Sammlung, und ich muss zugeben, auch mit 130 Jahren kann man noch schön sein. Es liegt immer im Auge des Betrachters. Dass die Schreibmaschine aus Berlin über Zell den Weg zu mir gefunden hat, das freut mich besonders.

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