Tinguely Basel Ausstellung Von der Geburt bis zum Tod

Basel - Einen künstlerischen Kommentar zur Medizin und deren Konsequenzen für die Menschheit liefert der britische Künstler Paddy Hartley in einer Doppelausstellung: im Museum Tinguely sowie im Pharmaziemuseum Basel. Anlass ist das 125-jährige Firmenjubiläum des Pharma-Riesen Roche. Und angesichts der aktuellen Pandemie könnte die Auseinandersetzung mit der Thematik Medizin, Ethik, Forschung und den damit verbundenen Risiken kaum passender sein.

Die gewaltigen Roche-Türme vis à vis vom Museum hat der Besucher im Blick, wenn er sich den Werken Hartleys nähert. Kommunikativ, sympathisch und reflektiert erläutert dieser gerne seine überwiegend in Keramik gestalteten Arbeiten, die unter dem nur schwer umfassend ins Deutsche zu übersetzenden Titel „The Cost of Life“ gezeigt werden – es geht hier also um das Risiko, das jedes Leben in sich birgt. Erhellend dazu ist der Untertitel: „A perspective on health“.

Paddy Hartley ist von medizinisch-wissenschaftlichen Themen geprägt. Er versucht in seinen Arbeiten, das Bemühen um Gesundheit und Krankheitsbekämpfung aufzugreifen. „Ich gebe keine Antworten, ich stelle Fragen“, sagt der Künstler beim Presserundgang. Und diese Fragen ergeben sich zwangsläufig beim Blick auf seine sehr ästhetischen und inspirierenden Arbeiten, deren Anordnung ein wichtiges Ausstellungselement ist.

Seine Kunstwerke sind auf Sockeln platziert, sie entstanden im Laufe der Jahre aus Gesprächen mit Medizinern und vor allem auch mit Patienten. Und sie spiegeln Paddy Hartleys tiefes Interesse am Menschensein, am Entstehen und Vergehen, und an der individuellen Form des Lebens dazwischen wider. Die Medizin und Pharmazie als Heilsbringer, als teurer Industriezweig, als Ersatzreligion, als Missbrauchsgefahr, als Risiko, als Retter – diese ganze vielschichtige, sehr ethische Fragestellung wird aufgegriffen.

Die Arbeiten sind gut les- und interpretierbar, schlüssige Begleittexte erläutern Hartleys Gedanken – und inspirieren den Besucher, ohne zu irritieren.

Zentrale Arbeit ist die Gruppierung „The End...to be continued“ auf einem runden Podest. Urnenähnliche Gefäße aus Keramik loten den Sinn intensivmedizinischer Behandlung am Lebensende aus sowie das Thema Euthanasie. Die Urnen in der Mitte sind mit spitzen Injektionskanülen bespickt, die ihre schöne Haptik zerstören, die Glasur verwischt haben. Diese Gefäße können aufgrund der Nadeln nicht berührt werden, bleiben einsam, unberührt. Unweigerlich weckt das Assoziationen zu den isolierten Patienten und Verstorbenen der Corona-Pandemie. Darüber hinaus stellen sie auch die Frage, ob die Verlängerung des Lebens tatsächlich ein Wert an sich ist – angesichts von Einsamkeit und Schmerz.

Die Medizin als Waffe gegen Krankheiten, aber auch als gefährliches Instrument, das sogar tödlich sein kann: In „PainKiller“ ergründet Paddy Hartley diese Dualität, indem er medizinisches Gerät in Form einer Pistole anordnet.

Anlehnend an barocke, üppige verzierte Rahmen hängt der Künstler zwei Spiegel mit schwarzer Glasscheibe auf, die einem ausgeschalteten Handy-Display gleicht. Bei genauem Hinsehen bestehen die Verzierungen aus schlangenähnlichen Gewinden, die auf die griechische Mythologie verweisen sowie Anklänge an die medizinische Hauttransplantation. Hier wird die Thematik des Schönheitswahns, aber auch der Segen der Transplantationstechnik beleuchtet.

Einen kreativen Exkurs liefert der Künstler in seiner sehr ästhetischen Bilderserie: Schnitte von Lammherz-Gewebe hat er auf einem Leuchtkasten fotografiert und minimal digital bearbeitet. So entsteht der Eindruck geflügelter Formen, Schmetterlinge, und Herzen, voll pulsierenden Lebens.

Ergänzt wird diese nachdenklich machende Präsentation durch eine künstlerische Intervention im Basler Pharmaziemuseum. Zuweilen augenzwinkernd kombiniert er hier seine Keramikarbeiten frei zwischen der Dauerausstellung und bringt so ein wenig kreatives Chaos in die Räume.

Paddy Hartley gelingt es, Fragestellungen zu entwickeln und dabei abstrakte Themen zu visualisieren. Egal, in welchem Museum: Der Künstler zeigt mit seinen patientenkonzentrierten Werken tiefes empathisches Interesse am Menschen: an seiner Geburt, seinen Chancen im Leben bis zu seinem hoffentlich selbst bestimmten Tod. Eine Thematik, heute aktueller denn je.  Bis 23. Januar 2022, es ist ein Katalog erschienen.

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