Tischtennis Der Außenseiter schafft die Sensation

Die Tischtennis-Damen des ESV Weil haben das schier Unmögliche möglich gemacht. Sie stehen im Playoff-Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Was für ein Erfolg, was für eine tolle Leistung. Das Kovac-Quartett gewann nach dem 2:6 in Spiel eins zu Hause am Wochenende auswärts beim TSV Schwabhausen gleich zweimal mit 5:3 und machten sich gleich selbst das schönste Ostergeschenk.

Von Mirko Bähr

Weil am Rhein. Um 16.55 Uhr war am Sonntag die Messe gelesen. Izabela Lupulesku hatte gerade ihren zweiten Matchball zum 15:13 verwandelt, in vier Sätzen gegen Mercedesz Nagyvaradi die Nerven behalten, den fünften Weiler Zähler im entscheidenden dritten Spiel dieser Serie eingefahren und so den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte perfekt gemacht. Der Jubel war groß.

„Unbeschreiblich, wirklich sensationell, ich bin einfach nur glücklich. Das wird für uns ein unvergessliches Wochenende bleiben“, war Serge Spieß, Sportchef des ESV, kurze Zeit später noch immer völlig von den Socken. „Jedes Spiel war hart umkämpft. Unsere Spielerinnen waren top motiviert und sind über sich hinausgewachsen“, strahlte Abteilungsleiterin Doris Spieß. Die Weiler Tischtennis-Cracks gehören zu den vier besten Mannschaften Deutschlands.

Noch am Freitag sah nichts danach aus, als würde sich der favorisierte TSV Schwabhausen noch die Butter vom Brot nehmen lassen. Mit 6:2 hatten die Oberbayern im ersten Match die Oberhand behalten und den elften Sieg im elften Match gegen Weil eingetütet (wir berichteten). So benötigten sie in dieser Best-of-three-Serie nur noch einen Sieg in heimischer Halle. Kein Problem, oder?

ESV dreht in der Fremde mächtig auf

Denkste. Die eine oder andere Videoanalyse mit Coach Alen Kovac und Tom Eise, der tolle Zusammenhalt im Team und die aufmunternden Worte der ESV-Macher Doris und Serge Spieß sorgten am Ende für eine waschechte Sensation. Die Gäste zeigten sich hoch motiviert und witterten ihre Chance.

Wie entfesselt spielte im Landkreis Dachau vor allem Weils Nummer Zwei, Polina Trifonova, auf. Schon in Weil hatte die Bulgarin der bis dato ungeschlagene Spitzenspielerin des TSV, Sabine Winter, in einem echten Fünf-Satz-Krimi ihre erste Saison-Pleite zugefügt. In Schwabhausen knüpfte die 29-Jährige nahtlos daran an und ballte gleich zwei weitere Male in diesem Aufeinandertreffen die Faust. Gleich dreimal war es in den Entscheidungssatz gegangen.

„Wir haben den Schwabhausen-Fluch besiegt, das ist der Hammer“, freute sich Kovac am Samstag nach dem 5:3-Erfolg seiner Mädels in Spiel Nummer zwei. Bestes Niveau hätte sein Team an die Platte gebracht und dieses auch über die gesamte Spieldauer gehalten. Vorentscheidend war eine 3:1-Führung nach den ersten vier Duellen.

„Polli“ drehte gegen Winter einen 1:2-Satzrückstand um, behielt die Nerven und gewann mit 11:9 im Entscheidungssatz. Ihr Einzel Nummer zwei war nicht weniger überragend. Mateja Jeger hatte keine Schnitte und verlor glatt in drei Sätzen. „Sie spielt wohl derzeit in der Form ihres Lebens“, zog Kovac den Hut.

Und das tat er dann gleich nochmals, als er auf Sophia Klee zu sprechen kam. Die hatte am Freitag in Weil noch beide Einzel abgegeben. Einen Tag später fegte sie erst Mercedesz Nagyvaradi und später dann Orsolya Feher in jeweils drei Sätzen vom Tisch. „Sie hat unglaublich gespielt. Sie hatte den Kopf frei, das hat man gleich gemerkt“, erklärte Kovac.

Entscheidend an diesem Tag war auch die Nervenstärke von Izabela Lupulesku. Im ersten Match gegen Feher brachte sie schnell die ersten beiden Sätze nach Hause, ehe sie dann zweimal in Serie in der Verlängerung (10:12, 12:14) das Nachsehen hatte. Aber sie raffte sich wieder auf und spielte aus einem Guss: 11:3.

Ihr zweites Einzel gab sie zwar ab, was allerdings genauso zu verschmerzen war, wie die beiden Niederlagen von Jevgeniia Sozoniuk. Die gegen Jeger war indes besonders ärgerlich. Beide Spielerinnen begegneten sich nämlich einmal mehr auf Augenhöhe. Aber wieder zog die Weilerin mit 9:11 im Entscheidungsdurchgang den Kürzeren. Gegen Winter war sie dann chancenlos.

Spiel Nummer drei muss Entscheidung bringen

Das dritte Match am Ostersonntag musste die Entscheidung über den Einzug ins Playoff-Halbfinale bringen. Nach einem Videostudium, einem ausgiebigen Abendessen vom Italiener um die Ecke und einer erholsamen Nacht im Hotel „Post“ gleich neben der Sporthalle gingen die Gäste mit Rückenwind an die Platte.

Und was die Weiler Cracks erneut ablieferten, sorgte für wahre Beifallsstürme im Gäste-Lager. „Gestern war es schon der Hammer, diesmal war es nun der Überhammer“, kommentierte Kovac.

Wieder starteten die Weilerinnen fast perfekt in die Begegnung. Drei der vier Duelle vor der Pause gingen an die Gäste aus Südbaden. Und diesmal platzte der Knoten bei ESV-Spitzenspielerin Sozoniuk. Die Ukrainerin agierte mutig und bezwang Jeger in vier Durchgängen.

Dieser Erfolg, und die einmal mehr überragend agierende Trifonova, die zum dritten Mal in Folge Winter die Schranken wies (12:10 im fünften Satz), brachte eine 2:0-Führung. „Polli“ ließ sich dabei auch von scheinbar aussichtslosen Rückständen nicht aus der Ruhe bringen.

Lupulesku veredelte das dann mit einem spitzenmäßigem Auftritt gegen die neu ins Schwabhausener Team gerückte Abwehrspezialistin Alina Nikitchanka. „Großes Kino“, lobte Kovac die taktische Meisterleistung. Lupulesku variierte an diesem Tag in beeindruckender Manier, spielte mal druckvoll und schnell, mal langsam und abwartend. Damit kam Nikitchanka nicht zurecht.

Diesmal ging Weils Youngster Klee leer aus. Gegen Nagyvaradi fand sie kein Rezept. Das änderte aber nichts daran, dass er ESV an diesem Nachmittag die zweite Runde mit einem 3:1-Vorsprung in Angriff nehmen konnte.

Eine mächtig auftrumpfende Trifonova drückte dann mit einem Fünf-Satz-Erfolg gegen Jeger dieser Playoff-Serie vollends den Stempel auf. Nach der erwarteten Niederlage Sozoniuks gegen Winter war es die 29-Jährige, die die Gastgeberin förmlich in die Knie zwang. Mental war die Bulgarin voll auf der Höhe, ließ sich auch nach einem 0:4-Rückstand im entscheidenden fünften Satz nicht hängen, sondern blieb mental voll bei der Sache und machte im Anschluss elf Punkte in Folge: 11:4.

So fehlte nur noch ein Weiler Sieg. Und Lupulesku ließ sich nicht zweimal bitten. Gegen Nagyvaradi kämpfte sie, haute sich voll rein und wurde belohnt. Das 15:13 in Satz vier bedeutete gleichzeitig den Weiler Einzug in die Vorschlussrunde um die Deutsche Meisterschaft. Das Match von Klee gegen die Weißrussin Nikitchanka hatte nur noch statistischen Wert. Dennoch war Klees Pleite ärgerlich, da sie bereits mit 2:0-Sätzen führte.

Es war eine ganz enge Kiste in Oberbayern. Zwei gleichwertige Teams hatten sich gegenübergestanden. Weil holte sich am Ende den glücklichen, aber verdienten Sieg, den nach Spiel Nummer eins niemand mehr so recht für möglich hielt.

Nun wartet der Champions League-Sieger

Nun stehen die Weilerinnen im Halbfinale. Es geht gegen den Champions-League-Sieger ttc berlin eastside. Das erste Match findet am Freitag in Weil statt, am Sonntag wird in der deutschen Hauptstadt um Punkte gekämpft.

Dann wird Vivien Scholz wieder für den ESV an der Platte stehen. Die Akteurin mit der besten Punktrundenbilanz musste im Viertelfinale aufgrund eines Hexenschusses passen.

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