Todtnau Die Gegenstimmen mehren sich

Ines Bode
Weitläufige Grundstücke mit altem Baumbestand umgeben die alten Schwarzwaldhöfe in Geschwend - große Grünflächen sind laut der eigens verfassten Satzung der Stadt von „besonderer Bedeutung“. Foto: Ines Bode

Das kleine Wort „unwiederbringlich“ spielt in einem fast siebenjährigen Kampf die große Rolle: Wird in das denkmalgeschützte Ensemble alleinstehender Schwarzwaldhöfe ein dreistöckiger Bau mit fünf Wohneinheiten gesetzt, ist das einmalige und seltene Ortsbild für immer verloren – genug Ansporn für die IG Geschwend, erneut tätig zu werden.

Von Ines Bode

Todtnau-Geschwend. Sprecherin Ruth Silveira und die weiteren IG-Mitglieder sehen es deutlich vor Augen: Das Unterdorf mit seinen weitläufigen Grundstücken, die zu jedem Gehöft gehören, über die Jahrhunderte gewachsen, gespickt mit altem Baumbestand und weitflächigen Wiesen. Mitten hinein in dieses nostalgische Bild alter Schwarzwälder Kulturlandschaft soll auf einem 700 Quadratmeter umfassenden Grundstück besagter Neubau platziert werden. Inklusive acht Stellplätze plus Freifläche versteht sich. „Wir haben gar nichts gegen die Schaffung von Wohnraum“, betont Silveira. Die Frage ist und bleibt: Warum hier? Es gebe nachweislich andere Bauplätze im Ort, die nutzbar wären.

Geschwend prägt nun einmal das Ensemble mit schindelverkleideten Anwesen und ihren speziellen Dächern, und nicht zuletzt mit der Lage an der früheren Handelsstraße zwischen St. Blasien und Schönau, einst wichtiger Passweg des Südschwarzwalds. Bis heute gilt der Ort unter Vorbeifahrenden von Nah und Fern als Hingucker. In den 50er Jahren lebte das Dorf touristisch auf, es wurde neu und anders gebaut, aber eben nicht im Quartier der alten Kulturdenkmäler.

Gebiet steht unter Denkmalschutz

2017 war es, da stellte die Stadt ihren wertvollen Schatz, „die Einzigartigkeit“, unter Schutz: Das Gebiet wird als Gesamtanlage „Schwarzwalddorf Geschwend“ unter Denkmalschutz gesetzt. Der räumliche Geltungsbereich umfasst den historischen Kern des Unterdorfs zwischen Elsbergstraße, Im Dürracker und Bundesstraße. „Er zeichnet sich insbesondere durch seine offene Einbettung in die Landschaft und die intakte regionaltypische historische Bebauung mit Eindachhöfen als charakteristisches Schwarzwalddorf aus. Dabei kommt der „lockeren, durch Grünflächen dominierten Ortsstruktur besondere Bedeutung zu“.

Eine solche lockere Grünfläche lässt sich bei dem Neubau auf 700 Quadratmetern Grund nicht finden. Beschlossen wurde diese klar formulierte Gesetzmäßigkeit vor genau einem Jahr - rückwirkend für 2017. „Komisch“ ist ein Wort, das Ruth Silveira öfter benutzt, oder anders formuliert: „fragwürdig“. Denn ein Richter aus Mannheim sei nach Freiburg gekommen, um am Verwaltungsgericht (VG) ein Urteil zu fällen. In Geschwend sei er wohl nie gewesen. Laut IG habe der ortsansässige Bauherr im Vorfeld einen Vertreter zwecks Inspektion durchs Unterdorf geführt. Der Richtspruch lautete: Es dürfe gebaut werden. „Komisch“, sagt Ruth Silveira, sie sei vor fast zwanzig Jahren nach Geschwend gezogen und ziehe mit weiteren zugezogenen Neu-Geschwendern gegen einen Einheimischen zu Felde. Für gewöhnlich laufe es andersherum. Fremde Investoren verschandelten die den Dorfbewohnern liebgewordene Heimat. Die siebenjährige Bilanz mute komisch an: Die erste Bauvoranfrage kam 2016, eine zweite 2020. Beide wurden abgelehnt. Der Bauantrag folgte im März 2022, die Baugenehmigung im Juli 2022. Diese Genehmigung basiert auf besagtem Freiburger Urteil vom Oktober 2021. Dieses Urteil habe sich auf wichtige Entscheidungen ausgewirkt: Bauherr und VG seien dafür. Nachziehen mussten das Landratsamt, ebenso der Gemeinderat Todtnau, der nur baurechtliche Belange berücksichtigte. Die Stimme des Verwaltungsgerichts sei stärker, musste die IG begreifen. Auf ihrer Seite stehen der Ortschaftsrat, die Obere Denkmalbehörde, die Untere Denkmalbehörde und das Landesamt für Denkmalpflege.

Der Fall sei ein „Armutszeugnis für unsere Kulturdenkmäler“, wertet Joachim Faitsch (Bauforschung und Denkmalpflege) den Fall. „Entsetzt“ zeigen sich Verantwortliche seitens Schwarzwaldvereins Wieden, und viele im Umland mehr.

19 Punkte sprechen laut IG gegen das Vorhaben

19 Punkte hat die IG aufgelistet, die eben „komisch“ seien. Zu den hartnäckigsten gehören neben dem Bestandsschutz die bedeutsamen Grünflächen der Anwesen, die der Neubau gänzlich missachte. Zudem gebe es keine Behindertenparkplätze, keinen Wendekreis und keine Zufahrt für Rettungswege, die hinter das Gebäude mit fünf Wohnungen führen. Martin Hahn vom Landesdenkmalamt Stuttgart bedauert sehr, „dass, resultierend aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts, die Abwägung des Landratsamtes Lörrach zum geplanten Neubau dieses unglücklichen Bauvorhabens, entgegen dieser fachlichen Einschätzung ausfallen musste“.

Zwei Verfahren bereits geführt

Wie immer bei einem Streit fällt die Sichtweise konträr aus: Der Bauherr Martin Falger bestätigt den erwähnten behördlichen Verlauf, wertet die Zusagen der Behörden jedoch anders. Die Zwangsläufigkeit benennt er nicht. Zwei Gerichtsverfahren habe er geführt, wie er sagt. Zum Anblick gibt er an: Das Gebäude „fügt sich in seinem Baustil harmonisch in die Gesamtanlage ein und ordnet sich in seiner Kubatur unter“. Der Richter aus Mannheim müsste sich die Frage gefallen lassen: Wo gibt es so ein Geschwend noch?

Zu den nächsten Schritten der IG gehört der große Bahnhof am 16. November: Geplant ist eine Begehung mit zahlreichen Vertretern, die Zusage des Landratsamts liegt bereits vor. Außerdem läuft bereits die Erweiterung der Unterschriftensammlung: IG-Mitglieder klopfen an jede Tür im Ort, und die Gegenstimmen mehren sich, wie es heißt.

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