Todtnau „Erschreckend, aber kein Einzelfall“

Der politische Druck soll wachsen: In Sachen Motorradlärm ist im oberen Wiesental und speziell rund um die von Bikern präferierten Strecken die Belastungsgrenze für die Anwohner längst erreicht beziehungsweise schon weit überschritten. Dies bekräftigten Lokalpolitiker und Vertreter von Bürgerinitiativen am Montag beim Besuch von Thomas Marwein, dem Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung.

Von Peter Schwendele

Todtnau. Erster Treffpunkt mit dem Grünen-Politiker war in Präg (danach ging es noch nach Geschwend und Schlechtnau), wo die Anwohner aufgrund der Talkessellage und der exzessiv von Motorradfahrern genutzten Strecken rund um das Dorf besonders von den Auswirkungen des Motorenlärms geplagt sind.

Und das nicht mehr nur gefühlt. Vielmehr kann die prekäre Lage seit Neuestem auch mit Zahlen unterfüttert werden. Denn seit April steht am Ortsausgang ein Lärmdisplay, das der Ort im Rahmen des Förderprogramms des Landes erhalten hat.

Der stellvertretende Ortsvorsteher Christian Asal stellte in der Runde, zu der auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Josha Frey gehörte, die bisher erhobenen Daten vor. Registriert wurden demnach in den Monaten April bis August 24 755 Motorräder. Von diesen überschritten 10 902 (mithin 46 Prozent) den Schallwert von 84 dB. Betont wurde dabei, dass man diese Zahlen mindestens mit dem Faktor zwei multiplizieren müsste, um ein realistisches Bild zu erhalten, da nur die bergwärts fahrenden Motorräder erfasst würden, viele Biker allerdings Kreise und Schleifen fahren und somit mehr als einmal das Dorf passieren würden.

Am Spitzentag, einem Brückentag im Juni, wurden 929 Motorräder in Präg gezählt, von denen 364, also mehr als ein Drittel, zu laut unterwegs waren. Außerdem hatte Christian Asal bei der Auswertung der Daten (die ihm nach eigenen Angaben das Landratsamt Lörrach zunächst vorenthalten wollte) festgestellt, dass an den Wochenenden ähnlich viele Motorradfahrer unterwegs sind wie unter der Woche, „also gerade dann, wenn wir Bürger uns zu Hause erholen wollen“.

Die vorliegenden Zahlen seien „erschreckend, aber kein Einzelfall“, so die Einschätzung von Thomas Marwein, der die landesweite Aufstellung von Lärmdisplays für einen wichtigen Schritt nach vorne im Hinblick auf eine Verbesserung der Situation für die geplagten Anwohner hält. Bisher habe man nicht über verlässliche Zahlen, auf die sich die Politik stützen könnte, verfügt, „jetzt werden wir erstmals einen verlässlichen, landesweiten Überblick erhalten“. Der Lärmschutzbeauftragte der baden-württem-bergischen Landesregierung – übrigens der einzige seiner Art in den deutschen Bundesländern – verwies des Weiteren auf die 2019 gegründete Initiative Motorradlärm des Verkehrsministeriums, deren Mitgliederzahl „explosionsartig“ steige und auf deren Anstoß hin der Bundesrat in „weltrekordverdächtiger“ Zeit eine Entschließung zur Reduzierung von Motorradlärm getroffen habe.

Dennoch war man sich in der Runde einig, dass man nach wie vor vor vielen Problemen stehe, die stichpunktartig angerissen wurden. So etwa, dass die Industrie wenig bis kein Interesse daran zeigt, leisere Maschinen zu produzieren. Oder dass ein großer Teil der mit ihrem Fahrstil über die Stränge schlagenden Motorradfahrer aus der Schweiz kommt (nach Christian Asals Beobachtung zu 80 Prozent) und dass diese über die vergleichsweise überschaubaren Strafen, die die Polizei aussprechen kann (wenn die Zulassungspapiere überhaupt eine Sanktionsmöglichkeit zulassen) eher müde lächeln. „Die Strafen sind viel zu niedrig“, sagte Thomas Marwein dazu, „sie sollten zehn Mal so hoch sein.“ Außerdem kritisierte der Lärmschutzbeauftragte das Fehlen einer Hafterhaltung.

Als ein Grundproblem machte Marwein indes aus, dass vieles in diesem Bereich über EU-Recht, mindestens jedoch bundesweit zu regeln wäre. „Doch leider sagt Bundesverkehrsminister Scheuer zu vielem, was Lärmschützer vortragen, schlicht Nein und blockiert“, monierte der Grüne. Insofern gelte es, weiter Verbündete um sich zu scharen (genannt wurden etwa das Bundesumweltministerium oder auch der ADAC), denn es bestehe letztendlich kein Zweifel mehr daran, dass Lärm krank macht.

Vorgetragen wurde in der Runde auch, dass Temporeduzierungen – die allerdings außerorts nicht möglich sind – helfen könnten, die Problematik zu entschärfen. So setzte sich Ewald Dießlin, Sprecher der Anwohner in Geschwend, einmal mehr für eine Tempo-30-Regelung im engen, kritischen Bereich des Orts auf der L 149 ein, der nichts anderes sei als „das Nadelöhr zum Tor nach Bernau und Todtmoos über Präg“. Der Grünen-Abgeordnete Josha Frey ließ anklingen, dass das Landratsamt sich nicht so restriktiv geben und mehr Tempo-30-Zonen ausweisen solle. Und auch Thomas Marwein forderte in dieser Hinsicht mehr Fingerspitzengefühl und mehr Mut von den Behörden.

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