Todtnau Hilfestellung bei häuslicher Gewalt

Das Bewusstsein dafür, dass Frauen immer wieder auch in Ehe und Partnerschaft Gewalterfahrungen machen müssen, wächst in der Gesellschaft. Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel

Frauen, die mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind, finden seit Beginn dieses Jahres auch im oberen Wiesental eine Anlaufstelle: Die Frauenberatungsstelle Lörrach hat in Todtnau eine Außenstelle eingerichtet. „Wir sind froh, dass wir nun auch im ländlichen Raum für betroffene Frauen ein niederschwelliges Angebot machen können“, sagt Rachida Saadaoui, die die Betreuung und Beratung vor Ort übernehmen wird.

Oberes Wiesental. Dass ein solches Angebot notwendig ist, steht für die Sozialpädagogin außer Zweifel: „Gewalt gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, in allen Generationen und in allen Lebensumfeldern.“

Allerdings hat das Team der Lörracher Frauenberatungsstelle die Erfahrung gemacht, dass nur sehr selten Frauen aus dem ländlichen Bereich des oberen Wiesentals den Weg zur Beratungsstelle in der Kreishauptstadt finden. „Für betroffene Frauen, die in der Regel in einer prekären Situation, häufig mit Kindern stecken, ist es ein weiter Weg nach Lörrach“, sagt Saadaoui, „indem wir vor Ort gehen, wird der Zugang zu unserer Beratung deutlich erleichtert.“

Im Zentrum des Angebots der Außensprechstunde steht die häusliche Gewalt. Ein Thema, bei dem bereits in den vergangenen Jahren ein wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft zu erkennen war, dass aber, wie Saadaoui beobachtet hat, in der Corona-Krise nochmals deutlich präsenter geworden ist. So hätten sich in Lörrach im vergangenen Jahr zwar die Fallzahlen nicht spürbar erhöht, aber die Beratungszahlen nahezu verdoppelt.

Jeder Fall wird individuell betrachtet

Die Sozialpädagogin betont, dass jeder Fall individuell betrachtet werden muss, da jeweils ganz unterschiedliche Ausgangssituationen, Hintergründe, Beziehungsgeflechte und Befindlichkeiten zu beachten sind. Manche Frauen wollen und brauchen eine sofortige Änderung ihrer gewaltbelasteten Ehe- und Familiensituation, andere denken nicht als allererstes an Trennung, sondern erhoffen sich, dass der Mann sich ändert und wieder eine bessere Form des Zusammenlebens möglich wird.

Für die Arbeit des Frauenberatungsteams ist es daher grundlegend, stets respektvoll mit der individuellen Lebenssituation der Beratungssuchenden umzugehen und den Betroffenen so viel fachliche Hilfe und Unterstützung wie möglich zu bieten, damit sie die für sie richtige Entscheidung treffen können.

„Für mich ist es wichtig, diese Entscheidung der einzelnen Frau, die zu uns kommt, zu akzeptieren“, sagt Rachida Saadaoui, „ich begleite sie dann auf ihrem Weg.“ Eine Begleitung, die prinzipiell immer unter Beachtung der gesetzlichen Schweigepflicht erfolgt.

Neben dem Schwerpunkt sexualisierte Gewalt werden Frauen und Mädchen ab 14 Jahren aber auch zu Themen wie Essstörungen, familiären Konfliktsituationen oder Trennungen, bei Fragen rund ums Thema Sexualität und sexuelle Identität oder allgemein zur Persönlichkeitsstärkung in persönlichen Krisen und Umbruchsituationen beraten. „Zunächst einmal können alle Frauen mit ihren Problemen zu uns kommen, wir schauen uns die Situation an und vermitteln gegebenenfalls an geeignetere Stellen weiter“, so Rachida Saadaoui.

Netzwerk soll weiter ausgebaut werden

Neben den besseren Beratungsmöglichkeiten vor Ort verfolgt das Team der Frauenberatungsstelle – die übrigens als Verein organisiert ist und ihrem Selbstverständnis nach „parteilich für Frauen auf der Basis von Erfahrung und Wissen aus der Frauenforschung“ arbeitet – weiterhin den Ansatz, das entsprechende Netzwerk stärker auszubauen

. Ziel sei es, so Saadaoui, den zum Teil bereits bestehenden Kontakt zu anderen, mit der Thematik sexualisierte Gewalt befassten Stellen und Organisationen zu intensivieren, etwa mit Ärzten, Schulen, der Polizei, der Diakonie oder dem Caritasverband.

Das neue Angebot der Frauenberatungsstelle Lörrach im ländlichen Raum (auch im Markgräflerland in Bad Bellingen wird eine Außenstelle eröffnet) ermöglicht ein Modellprojekt des Landessozialministeriums, das zunächst für ein Jahr die Finanzierung übernimmt. Ob und wie es dann weitergeht, ist derzeit offen. Eine Situation, die Rachida Saadaoui aus ihrem Berufsumfeld nur zu gut kennt. „Wir sind dankbar für die Mittel, die wir bekommen, aber es wäre schön, wenn die Finanzierung unserer Arbeit auf Dauer gesichert wäre und wir uns nicht immer wieder aufs Neue um Gelder bemühen müssten“, meint die Sozialpädagogin mit Blick auf die Politik. Denn das ist nicht nur mühsam, sondern kostet auch Zeit, die die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle viel lieber für die direkten Beratung und Betreuung hilfsbedürftiger Geschlechtsgenossinnen verwenden würden.

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