Traumberuf Schulleiter „Man ist mitten drin im ganzen Leben“

Beatrice Ehrlich
Um der Kinder willen hat Björn Tscharntke den Beruf des Lehrers ergriffen. Deshalb dürfen Schüler der Hans-Thoma-Schule in Haltingen auch beim Fototermin im Schulhof nicht fehlen. Foto: Beatrice Ehrlich

Landauf, landab werden Schulleiter gesucht. Der Job gilt als schwierig. Björn Tscharntke, der Haltingen zum Ende des Schuljahr verlässt, erklärt im Interview, warum das für ihn ein Traumberuf ist, und was man als Schulleiter von Nationaltrainer Julian Nagelsmann lernen kann.

Aus familiären Gründen zieht es Björn Tscharntke (35) zurück in seine sächsische Heimat. Hier im Dreiländereck hat er nach dem Studium in Freiburg sein Berufsleben begonnen, in dem er bereits als Lehrer, Schulleiter und im Schulamt Aufgaben übernommen hat. Für ihn könnte es keine schönere Aufgabe geben, sagt der gebürtige Görlitzer und Familienvater.

Die Leitung einer Schule scheinen heute nur noch wenige übernehmen zu wollen. Wie ist das bei Ihnen?

Ganz grundsätzlich muss ich sagen, dass es mir nicht gefällt, wie über den Personalmangel gesprochen wird. An Personal fehlt es überall, und es wird nicht besser, wenn wir immer einen Mangel beklagen. Wir müssen das Positive in den Vordergrund stellen. Nur so können wir gute Leute gewinnen.

Und was ist das Positive am Schulleiterberuf?

Man ist mittendrin im ganzen Leben. In der anspruchsvollen Aufgabe der Bildung braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen. Als Schulleiter ist es meine Aufgabe, Antworten zu finden auf die Herausforderungen der Zeit. Das ist eine der spannendsten Aufgaben überhaupt, finde ich.  Es braucht Abgeklärtheit, Umsicht und eine positive Haltung zur Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern. Wir sollten unsere Kräfte bündeln – jeder Einzelne wird gebraucht.

Das klingt sehr interessant.

Dennoch trauen es sich leider viele zu Unrecht nicht zu. Dabei macht die Verantwortung einen erst stark und auch frei: Man gewinnt Gestaltungsfreiheit. Wir haben ja hier das große Glück, ein verlässliches Bildungssystem zu haben, das auch auf besondere Bedürfnisse hin ausgerichtet ist, etwa die von Kindern mit Behinderung. Irgendwann sieht man das gar nicht mehr. Trotzdem muss man sich natürlich immer anstrengen, sich immer weiter verbessern. Auch Kinder, die ein besonderes Leistungspotenzial haben, dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Auch dazu braucht es die Eltern, die ja ihre Kinder am besten kennen. Das beste Motorik-Konzept nutzt nichts, wenn Kindern nicht einmal durch den Wald spazieren. Das gleiche gilt für die Lesekultur und vieles andere. Sonst kann ich nicht erwarten, dass das Potenzial der Kinder ausgeschöpft werden kann.

Können Sie den Beruf anderen empfehlen?

Ja, voll und ganz. Ursprünglich studiert man ja Lehramt, um Kindern etwas beizubringen.  Das habe ich mir bewahrt, und das macht mir nach wie vor große Freude. Es ist doch auch ein Privileg. Jungen Menschen Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben beibringen zu dürfen ist nicht selbstverständlich.  Jedes Jahr muss das wieder neu angebahnt werden. Als Schulleiter kann ich mitgestalten. Auch wenn wir uns innerhalb eines vorgegebenen Rahmens bewegen: Wir haben genug Spielraum und kein Tag ist monoton. Das ist genau das, was ich persönlich brauche. Als einer der Orte, wo Demokratie gelehrt wird, müssen wir Abgeklärtheit, Umsicht und Verständnis für andere mitbringen – und den Kindern vorleben.

Sie haben zuletzt die Schule in Schwörstadt geleitet, waren vertretender Schulleiter in Haltingen und sich dann noch im Schulamt als Mitarbeiter im Bereich der frühkindlichen Bildung eingebracht. Wie schaffen Sie es, all diese Aufgaben zu lösen, wie gelingt Ihnen der Spagat?

Das konnte nur gelingen, weil sich beide Teams an den Schulen enorm eingebracht haben. Gerade das Schwörstädter Kollegium hat viel geleistet und ich konnte mich auf die Koordinierung im Hintergrund konzentrieren. Eine Schule zu leiten ist immer Teamwork. Eine Leitung zu haben ist wichtig, um die Richtung vorzugeben. Es sollte aber kein Personenkult daraus gemacht werden, sonst besteht die Gefahr, zu abhängig zu sein von einem Einzelnen. Wenn dann jeder Einzelne Verantwortung übernimmt, dann kann man sich nur verbessern.

Welche Herausforderungen sehen Sie jetzt konkret in Haltingen?

Was die Schulentwicklung betrifft, ist man als vertretender Schulleiter sehr bedacht, welche Schritte man unternimmt. Ziel war für uns in erster Linie, ein hohes Maß an Verlässlichkeit zu gewährleisten. Denn Verlässlichkeit ist das Wichtigste, was Kinder brauchen. Man muss denen den Rücken stärken, die etwas mit den Kindern machen und gleichzeitig ein Ohr haben für die Anliegen aller Beteiligten. Ich sehe das wie Julian Nagelsmann: Nicht Schwarz-Weiß-Malen und das Streben nach Perfektion stehen im Mittelpunkt, sondern ich schaue jeweils: Was finde ich bei jedem einzelnen vor, und wie setze ich das pragmatisch ein. Jeder macht seine Aufgabe so gut er kann, und das geht nur, indem man sich gegenseitig unterstützt, nicht durch bloßes Klagen.

Wie kann man gute Lehrer gewinnen?

Wir sollten nicht in Konkurrenzdenken verfallen, aber doch an jedem Ort die bestmöglichen Bedingungen schaffen, damit Lehrer etwas finden können, das zu ihnen passt. Bei mir war das so: Die Grundschule in Schwörstadt dort leite ich seit 2017. Die dort angesiedelte Hauptschule konnte nicht weitergeführt werden, damit fiel ein wichtiger Teil der städtischen Schullandschaft weg. Stattdessen wurde jetzt eine Kita mit hineingenommen, unter dem Namen „Kinderbildungszentrum“ ist die Schule seit 2021 eines von 19 Modellprojekten in Baden-Württemberg für den nahtlosen Übergang zwischen Kita und Grundschule. Die Kita-Kinder bewegen sich ganz selbstständig durch die Räume der Schule und nutzen diese gemeinsam mit den Grundschülern: Vom Buchstabenland über das Zahlenland und das Atelier bis zum Musikraum. Das verstehe ich unter Gestaltungsmöglichkeiten: am Puls der Zeit bleiben und Entwicklungen vorantreiben zu können.

Was für Aufgaben bringt das mit sich?

Ich berate Lehrkräfte, Kita-Leitungen und Erzieher. Da gibt es eine enge Zusammenarbeit, denn jede Schule kooperiert heut mit meist mehreren Kitas. Der Kontakt liegt mir auch persönlich nah durch meine Frau, die Kindheitspädagogik studiert hat.

Wie blicken Sie auf Ihre Zeit in Haltingen zurück?

Positiv sehe ich im Rückblick all das, was wir an der Hans-Thoma-Schule gemeinsam gestemmt haben. Für mich war es eine Möglichkeit, den Ort, an dem ich seit zehn Jahren lebe, noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenzulernen. Meiner Meinung nach hat die Hans-Thoma-Schule mit ihren zwei Standorten tolle Möglichkeiten, sich zu einer guten Schule zu entwickeln. Stefanie Kapfer (ebenfalls vertretende Schulleiterin) und ich haben Anstöße für verschiedene Entwicklungsansätze gegeben, die es fortzuführen gilt.

Und wohin führt Sie Ihr Weg jetzt?

Es zieht uns zurück in die Oberlausitz, wo meine Frau und ich herkommen. Nach dem Abitur und meinem Zivildienst sind wir beide nach Freiburg zum Studieren gekommen. Die Wahl fiel schließlich auf Weil am Rhein, wo meine Frau eine Stelle gefunden hat, und wo auch meine Eltern sich bereits beruflich niedergelassen hatten. Zusammen haben mein Vater, meine Schwester und ich die Judoschule in Haltingen aufgebaut. Vor allem auch meiner Frau, die jetzt schon mit unseren zwei Söhnen in der Heimat zur Eingewöhnung ist, verdanke ich viel. Für meine Arbeit hat sie mir immer den Rücken freigehalten und damit auch einen großen Anteil an der Unterstützung für alle. Jetzt übernimmt sie selbst die Leitung einer Kita und ich freue mich auf meine neue Aufgabe als Schulleiter einer Grundschule in Görlitz. Auch in der Familie gilt: Ohne Teamwork geht es nicht.

Zur Person

Björn Tscharntke
Der 35-Jährige ist in Görlitz (Sachsen) geboren und im nahe gelegenen Ostritz im Dreiländereck nahe der polnischen und unweit der tschechischen Grenze aufgewachsen. Der verheiratete Vater zweier Söhne, zwei und vier Jahre alt, hat an der Pädagogischen Hochschule Freiburg die Fächer Deutsch, Geschichte und Englisch studiert und ist seit 2014 im Schuldienst, erst in Murg als Referendar und dann in Zell-Atzenbach als Lehrer. Seit 2017 ist er Schulleiter in Schwörstadt, seit 2022 vertretender Schulleiter in Haltingen. Seit 2019 leitet er die Regionale Arbeitsstelle Frühkindliche Bildung am Schulamt Lörrach und ist Regionale Ansprechperson für die Kooperation von Kitas und Grundschulen für das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Freiburg.

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