Unverpackt-Laden in Schopfheim Welche Zukunft hat „Glück im Glas“?

Gerald Nill
Der Unverpackt-Laden „Glück im Glas“ in der Innenstadt kämpft ums Überleben. Nun soll eine Crowdfunding-Aktion zeigen, ob das Geschäft eine Chance hat. Andrea Riese und Lorenzo Oschwald verbreiten Wohlfühl-Atmosphäre in und vor ihrem Laden. Foto: Gerald Nill

Der Unverpackt-Laden „Glück im Glas“ in der Innenstadt kämpft ums Überleben. Jetzt soll eine Crowdfunding-Aktion zeigen, ob das Geschäft eine Chance hat.

Seit drei Jahren besteht der umweltbewusste Unverpackt-Laden nun in bester City-Lage. Gewinn hat das Geschäft mit 180 Produkten zum Selberabfüllen noch nie abgeworfen. Ursprünglich aus einem Schülerprojekt der Waldorfschule entstanden, dann längere Zeit von Ilbert Worm betrieben, ist das „Glück im Glas“ nun seit zehn Monaten in den Händen von Ruth Reinke, Andrea Riese und Lorenzo Oschwald. Aber bringt es den Betreibern wirklich Glück?

Ladenschließung als Damoklesschwert

„Rentabel konnte der Laden in dieser Zeit nicht betrieben werden und wir kämpfen wöchentlich mit der Ladenschließung“, sagt Lorenzo Oschwald, der gleichzeitig als Marketing-Experte und Filmer ein weiteres Standbein seiner Selbstständigkeit hat. „Das ist das Dilemma“, sagt er jetzt. „Den Laden nebenher betreiben, ist schwierig. Das habe ich unterschätzt.“ Für das Tagesgeschäft reiche sein Einsatz. Aber er muss das Geschäft „zum Wachsen bringen“, wie er sagt, „denn finanziell wirft er keinen Gewinn ab.“

Aus diesem Grund hat Lorenzo Oschwald entschieden, seine laufenden Marketingprojekte aktuell herunterzufahren, um sich eine Zeit lang ganz auf das „Glück im Glas“ zu konzentrieren. Hopp oder topp – das soll sich bereits Ende August zeigen. Dann will das Trio von seiner Schopfheimer Kundschaft wissen, ob ihnen der Unverpackt-Laden etwas bedeutet. Ideell, aber auch finanziell. „Wir wollen wissen, ob der Laden noch Rückhalt hat.“ Deshalb wurde diese Woche eine Crowdfunding-Aktion gestartet, eine Spendenaktion also, und Oschwald hat genau ausgerechnet, was dabei hereinkommen muss: Exakt 15 200 Euro. „Das sind nämlich genau unsere Fixkosten bis Ende 2024.“ Also: Miete, Energie und Warenwirtschaft.

Einsatz aus Überzeugung – und ohne Lohn

Das Trio stellt klar: Personalkosten und Warenbeschaffung sind darin nicht enthalten. „Wir haben bislang keine Personalkosten“, sagt Oschwald. Mit anderen Worten: Er arbeitet praktisch ehrenamtlich.

Beim Sponsern kann man wählen zwischen reiner Spende ohne Gegenleistung oder gegen ein Dankeschön – je nach Spendenhöhe ein Brotback-Starterset oder ein Sprossen-Glasset. Wir nehmen Spenden von 5 bis 375 Euro an“, sagen die Initiatoren.

Das Crowdfunding hat gute Tradition bei „Glück im Glas“: Die vier Initiatorinnen des Projektes starteten im Vorfeld der Ladengründung ebenfalls eine Spendenaktion – und erfuhren dabei beachtlichen finanziellen und ideellen Rückhalt aus der Bevölkerung.

Samstags läuft der Laden ganz gut. „Dann kommen wegen des Wochenmarktes dreimal mehr Kunden als werktags.“ Oschwald redet völlig offen: Wir haben knapp 600 Kunden im Monat, aber wir bräuchten 1500 – soviel, wie ein Supermarkt an einem Tag hat.“ Also zweieinhalb mal mehr als jetzt. Wie soll das klappen?

Ein Anker in der Stadt, ein Ort zum Verweilen

„Glück im Glas“ will künftig viel mehr sein als Nudeln und Reis, Trockenfrüchte und Müsli. „Wir wollen Anker sein, warum Leute in die Stadt kommen“, formuliert Oschwald den Anspruch. Denn ohne funktionierenden Einzelhandel kommen immer weniger Menschen in die Innenstadt und die City stirbt.

Das Unverpackt-Team hat Decken und Felle auf einem Sitzmöbel vor dem Laden ausgebreitet und schenkt Kaffee aus. „Das soll ein Ort sein, an dem man sich austauschen kann. Über Nachhaltigkeit zum Beispiel. Ein Treffpunkt, um neue Ideen zu finden.“

Auch spontanes Einkaufen ist möglich

Oschwald weiter: „Wir wollen nicht nur der Rein-raus-Laden sein. Hier soll man verweilen können. Das ist es, was wir anstreben.“ Also genau der gegenläufige Trend zum Discounter, wo alles immer schneller, bequemer und demnächst auch nach Hause geliefert wird.

Dennoch geht das „Glück im Glas“ auch mit der Zeit. „Unsere Produkte findet man auch online“, führt Oschwald aus. Man könne sogar online bestellen und dann stehe alles parat zum Abholen. Er räumt mit dem Vorurteil auf, dass man immer eine Schüssel mitbringen müsse. Im Geschäft gibt’s auch Gefäße, sodass dem spontanen Einkauf nichts im Wege steht.

„Unsere Preise sind ähnlich hoch wie in anderen Bioläden“, vergleicht Oschwald. „Aber bei uns landet das Geld direkt in der Produktqualität und nicht in der Verpackung. Wo möglich, wird auf Regionalität gesetzt. So etwa bei den verschiedenen Getreidesorten vom Dinkelberg. Der Kaffee wird in Langenau gemahlen und stammt damit aus Schopfheims Dikome-Projekt. Seifen aus dem Schwarzwald, Waschmittel vom Bodensee und die Linsen von der Alb. Kürbiskerne lieber aus Europa als aus China, so die Devise der Nachhaltigkeit. Mit der Anschaffung einer Mühle „haben wir das frischeste Mehl in ganz Schopfheim“, wirbt der Geschäftsmann.

Er hofft auf rege Resonanz beim Crowdfunding. Dort hat er auch ein sechsminütiges Video veröffentlicht, das die Motivation des Trios erklärt. Die Geldsammel-Aktion läuft bis 27. Juli.

Zu finden ist die Crowdfunding-Aktion unter „https://www.startnext.com/HBd

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