Weil am Rhein Arznei gab es im Bahnhof

Monika Merstetter
Ein Foto aus den 1950er-Jahren mit städtischem Flair: Im vierten Haus von rechts (Pfeil) war die erste Apotheke Weils fast 50 Jahre lang beheimatet (links daneben das ehemalige Bahnhofshotel). Foto: zVg/Städtisches Archiv

Am 22. Mai ist es 100 Jahre her, dass zum ersten Mal in der Gemeinde eine Apotheke ihren Betrieb aufnahm. In einem mehrseitigen Artikel hatte einst der langjährige städtische Mitarbeiter Albert Vögtlin, der noch im Ruhestand bis kurz vor seinem Tod 2008 ehrenamtlich im städtischen Archiv arbeitete, die mühselige Prozedur beschrieben, bis die Weiler Bevölkerung ortsnah mit Medikamenten versorgt werden konnte. 100 Jahre später holen uns verschiedene Geschichten wieder ein.

Von Monika Merstetter

Weil am Rhein. Die Spanische Grippe wütete 1918 bis 1920 und so war damals „das Impfgeschäft“ der Ausgangspunkt, dass es eine Ausgabestelle in Weil für Arzneimittel und Impfstoffe geben sollte, da Ärzten die Ausgabe von Medikamenten nicht erlaubt war. Nach Ende des Ersten Weltkriegs fiel die Möglichkeit weg, für die hiesige Bevölkerung in Huningue oder Basel an Medikamente zu kommen.

Behälter für Rezepte

Dem Haltinger Arzt Dr. Ensinger wurde die Lizenz zur Medikamentenausgabe am 13. November 1919 mit dem Hinweis nicht erteilt, dass der Apotheker Menge in Kirchen einen ständigen Botendienst nach Haltingen einrichten würde. Im Gepäckraum des Haltinger Bahnhofs wurde ein Behälter aufgestellt, wo die Rezepte eingeworfen werden konnten. Die wurden, wenn keine günstige Zugverbindung bestand, von einem Boten geholt und am Nachmittag darauf wurde im Gegenzug die Arznei im Bahnhof ausgegeben.

Mit Unterstützung von Binzen, Eimeldingen, Ötlingen, Rümmingen und Wollbach stellte die Gemeinde Haltingen am 26. November 1919 den Antrag, für die insgesamt 5000 Einwohner eine Apotheke ortsnah einzurichten. Dagegen konterte Weil mit einem eigenen Antrag und der Unterstützung der Friedlinger Firmen Schetty und Schusterinsel, weil es da um immerhin 7000 Einwohner gehen würde.

Allein die Wohnungsnot und die fehlenden Verkaufsräume mit Lager ließen die Sache beinahe ins Leere laufen. Doch das Innenministerium entschied am 22. Februar 1922, dass aufgrund der größeren Entwicklungsmöglichkeit, die Leopoldshöhe, möglichst in der Nähe des Bahnhofs, sich für einen Standort eignen würde. So konnte der aus Tauberbischofsheim stammende Apotheker Karl Weindel am 22. Mai 1922 im Haus von Johann Georg Theurer in der ehemaligen Weilstraße 45 (heute Reisebüro Seilnacht) die Eröffnung seiner Apotheke bekanntgeben.

Er blieb jedoch nur ein Jahr, danach eröffnete am 31. Mai 1924 August Fehrenbach wieder. Nach nur einem halben Jahr zog er schon in das Haus der Firma Petry & Hager um, direkt neben das Bahnhofshotel (heute Insel). 1952 verpachtete er an Georg Norin, und 1957 übernahm Helmut Eberhardt, der 1961 vom Regierungspräsidium die Erlaubnis erhielt, sie in eigener Regie zu führen. Er benannte sie in „Stadtapotheke“ um. Ein eigener Name war wichtig, denn seit 1956 gab es zudem die Adler-Apotheke. Auch Norin machte sich 1957 mit der dritten, der Central-Apotheke, selbstständig. Mitte der 1970er-Jahre zog Eberhardt in die Hauptstraße 302 um, wo die Stadtapotheke immer noch beheimatet ist.

Probleme sind dieselben

Heute gibt es sieben Apotheken in der Stadt, davon eine in Haltingen. Die Probleme sind dieselben: Virus, Wohnungsnot und Teuerungsrate. Ärzte dürfen immer noch keine verschreibungspflichtigen Arzneimittel abgeben, doch jetzt wird diskutiert, ob Apotheker auch impfen dürfen.

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