Weil am Rhein Das Leben als großer Bogen

Jürgen Brodwolf: „Bild und Schrift – Liegender Torso“, ein Werkbeispiel aus der Ausstellung in der Weiler Galerie Stahlberger mit Arbeiten auf Papier aus 50 Jahren. Foto: Jürgen Scharf Foto: Weiler Zeitung

Von Jürgen Scharf

Weil am Rhein. „Am Anfang war die Figur – dann kommen die Werke“, sagte Jürgen Brodwolf einmal über die Entdeckung der Tubenfigur. Die Biografie dieser Urfigur ist mit der seinigen für immer verknüpft. Das jüngst erschienene Künstlerbuch „Tessiner Impressionen“ mit Brodwolfs Rötelzeichnungen von abstrahierten Berglandschaften, von denen einige in seiner Ausstellung mit Werken auf Papier aus 50 Jahren in der Galerie Stahlberger hängen, bietet nun die Möglichkeit, eine neue Spur aufzunehmen. Diese führt ins Tessin zu einer Vision im Bavonatal.

In diesem kleinen Seitental des Maggiatals hatte der Künstler bereits Anfang der 80er Jahre auf einem Wanderweg ein Schlüsselerlebnis: die Begegnung mit einer durch Erosion entstandenen Steinfigur in einer Felslandschaft. In dem schönen Kunstband erklärt Brodwolf anhand einer Fotografie, wie er die „Mutter meiner Figur“ an einem Felsbrocken entdeckt und seinen Augen nicht getraut hat. Diese „Urfigur vom Bavonatal“ gehört zu einer Gruppe von markanten Felsstücken: „In einem dieser Steinriesen hatten die Naturkräfte über Urzeiten hinweg (m)eine Figur herausgeschliffen, deren Gestalt nur bei bestimmtem Sonnenstand sichtbar wird.“

Zu dieser magischen Stelle kehrte Brodwolf immer wieder zurück. Mit seiner bekannten Kunstfigur hat er dieser Urfigur quasi vorgegriffen, weil er sie schon lange in sich getragen hat.

Seit Brodwolf die zu seinem Monogramm gewordene ausgedrückte Farbtube zu einer Figuration geformt hat, lässt sie dem Betrachter viel Raum, etwas in sie hinein zu interpretieren. Und sie bietet sich für den Künstler, den schon immer das Fragmentarische angezogen hat, auch als Torso-Motiv an.

Man entdeckt all die großen Themen

In der Weiler Ausstellung entdeckt man nun all die großen Themen, die der Documenta- und Biennale von Venedig-Künstler bildnerisch darstellt. Man kann seine Gedanken über Zeit und Vergänglichkeit entdecken und gleichzeitig verfolgen, wie die Tubenfigur sich im Laufe der Figurenentwicklung von den Anfängen bis heute verändert hat. Die Fantasie ist bei diesem „großen Experimentator“, wie ihn Jürgen Glocker in seiner Laudatio nennt, nämlich stark ausgeprägt. Das Leben empfindet der Objektkünstler, Plastiker und Zeichner Brodwolf wie einen großen Bogen von der Geburt bis zum Tod. In der von Galeristin Ria Stahlberger und dem Künstler beeindruckend kuratierten Ausstellung, die keiner Chronologie folgt, sondern die erzählerischen Welten thematisch zusammenfasst, fallen die typischen Ausprägungen dieser Ausdrucksform der stilisierten Tube ins Auge: eingangs die Sonderedition „Farbfiguren“ in verschiedenen Farbtönen, dann die Pigmentfiguren sowie das Spätwerk mit den Rötelzeichnungen der Tessiner Eindrücke auf bräunlichen Papieren, auf denen bald eine Bergsilhouette, bald ein Kirchlein angedeutet sind oder sich eine collagierte Frauenfigur auf sehr poetisch anmutende Weise in die gezeichneten Landschaften einfügt.

Diese neuen Kompositionen des „Tubisten“ Brodwolf haben eine ruhige Anmutung, etwas Traumhaftes mit ihren anthropomorphen Formen, die sich aus Felsen herausschälen. Es sind Landschaften, über die liegende, stehende und schwebende Papier- und Tubenfiguren gelegt sind.

50 Jahre Papierarbeiten – und es erschöpft sich nicht. Vielleicht kann man sogar sagen, dass Brodwolf in seinen Werken immer jünger wird, je älter er wird. Sehr aktuell wirkt allein schon eine Tuscheserie aus den 90er Jahren, in denen die unfeste Materie Wasser mit schwimmenden und ertrinkenden Figuren auf Vergänglichkeit und Endlichkeit hinweist. Auch religiöse Symbolik wie Grablegung oder Auferstehung findet sich unter den Blättern, ebenso das mythische Bild „Odysseus“ mit Tubenfigur und einer Gestalt aus Papier. Auffallend ist auch ein liegender Torso aus Pappgaze auf handschriftlichem Text des Künstlers.

In den Werkbeispielen aus der Serie „Malen mit der Tube“ sind die Gesichter mit Farbspuren linienhaft konturiert, und eine bildliche Anleitung erklärt, wie man eine Tubenfigur formt. Aus der installativen „Zeitpyramide“ kann der Betrachter eine der 42 Tafeln aus dem Metallschuber herausziehen, der wie ein großer Bild- und Gedächtnisspeicher wirkt. Wenn man diese fünf Jahrzehnte überblickt, so verdient es Brodwolfs Oeuvre, als „Jahrhundertwerk“ (Jürgen Glocker) angesehen zu werden.  Bis 8. Dezember, Di bis Sa 16-18 Uhr. Künstlergespräch: So, 24. November, 15 Uhr

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