Weil am Rhein Das regionale Handwerk hochhalten

Joachim Lederer begreift sich als „Lobbyist für das Fleischerhandwerk“, wie er sagt. Foto: Marco Fraune

Weil am Rhein - Die bei dem Lebensmittelunternehmen Tönnies auftretenden Corona-Fälle schaden der Industrie, nicht dem Handwerk, ist Joachim Lederer überzeugt. Der Geschäftsführer der Metzgerei „Lederer“ und Landesinnungsmeister sieht das Fleischerhandwerk in der Pflicht, den Verbraucher für gutes Fleisch und dessen Preis zu sensibilisieren.

Seit bei der Belegschaft von Tönnies, dem größten deutschen Schlachtbetrieb für Schweine, Fälle von Corona aufgetreten sind, fordern Politik und Wirtschaft eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Auch Lederer legt dar, dass die meisten Angestellten in den Großbetrieben über Werkverträge von Leiharbeitsfirmen aus Osteuropa nach Deutschland geholt würden.

Wichtig ist Lederer, dass durch die Verhältnisse in Großbetrieben wie Tönnies nicht die gesamte Fleischerbranche in Verruf gerät. Denn bei den regionalen Metzgern hingegen würden die Mitarbeiter in der Regel übertariflich bezahlt. „Das geht auch gar nicht anders, denn sonst hätten wir keine Mitarbeiter“, verweist Lederer auf die Nähe zur Schweiz, die mit ihrem Lohnniveau Fachkräfte anlocke.

Dass auch das Fleisch selbst beim Metzger in der Regel zwei bis drei Euro teurer ist als im Supermarkt, begründet Lederer mit den besseren Lebensbedingungen für die Tiere und der höheren Qualität. „Allen meinen Kunden sage ich: Wenn ihr ein gutes Stück Fleisch wollt, dann muss es einen bestimmten Preis haben“, macht Lederer im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich. „Wir müssen die Leute sensibilisieren, der Chef muss selbst jeden Tag Rede und Antwort stehen.“

Industrie und Handwerk

Das müsse für jeden Inhaber einer Metzgerei Ansporn sein. „Wir wollen den Kunden gutes Fleisch verkaufen, denn wenn wir Anlass zu Unzufriedenheit geben, kommt der Kunde am nächsten Tag zu mir und sagt: Du hast mir etwas Schlechtes angedreht“, macht Lederer deutlich.

Dies sei auch der Unterschied zwischen Industrie und Handwerk. In der Industrie, zu der Lederer die Großlieferanten wie Tönnies zählt, gebe es keinen Ansprechpartner, und die Herkunft des Fleisches lasse sich nicht zurückverfolgen. Im Handwerk hingegen könne der Verbraucher Herkunft und Verarbeitung des Fleisches minutiös überprüfen.
Südbaden gut aufgestellt

In Südbaden ist laut Lederer „die Welt fast noch in Ordnung“. Großlieferanten gebe es im Landkreis Lörrach nicht. „Es gibt große Metzgereien, ja – aber die sind natürlich gewachsen und beliefern nicht eine Vielzahl von Supermärkten.“ 99 Prozent der Metzgereien im Landkreis seien Familienbetriebe, die zum Teil bereits über Generationen hinweg betrieben würden. Auch das Ansehen der Fleischer sei in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. „Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ein Metzger gut kochen kann“, sagt Lederer mit Blick auf Berufe wie Fleisch-Sommelier, die bei jungen Kräften wieder beliebt sind.

Umdenken nur kurz

Generell seien die Ausbildungszahlen in der Fleischerbranche wieder steigend. „Es fehlt uns eine Generation“, meint Lederer mit Blick darauf, dass es beim Metzgernachwuchs in der Vergangenheit einen Mangel gab. „Aber heutzutage interessieren sich die Jungen wieder für unser Metier.“

Schwieriger sei es hingegen, das Verhalten der Verbraucher zu beeinflussen. „Die Deutschen geben nur 7,6 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus“, zitiert er aus der Statistik. In der Schweiz seien es hingegen 28 Prozent, in Frankreich 24 Prozent. Lebensmittelskandale wie jetzt bei Tönnies würden nur kurzfristig für ein Umdenken sorgen. „Der Kunde fragt nach, aber nach sechs bis acht Wochen ist das Bewusstsein für die Lebensmittelqualität wieder weg“, schildert Lederer seine Erfahrungen als Landesinnungsmeister.

Er begreife sich aufgrund seiner jahrzehntelange Berufstätigkeit auch als „Lobbyist für das Fleischerhandwerk“, macht Lederer deutlich.

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