Weil am Rhein Der ewig reisende Expressionist

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Erwin Bowien fertigte das Gemälde, das den Namen „Der Hafen von Weil am Rhein“ trägt, 1958 an. Foto: Fotos: zVg

Von Ingmar LorenzWeil am Rhein. Bowien ist als Kosmopolit, Europäer und aktiver Gegner des Nazi-Regimes bekannt. Besonders prägend für seine Vita gilt die Verbindung zum „Schwarzen Haus“. Im Interview erklärt Schöning-Kalender, wie ebenjenes Anwesen in Solingen zum Fixpunkt von Bowiens künstlerischem und intellektuellen Leben wurde.

Frage: Frau Schöning-Kalender, wodurch sind Sie auf Erwin Bowien aufmerksam geworden?

Über die Beschäftigung mit seiner Schülerin Bettina Heinen-Ayech wurde ich auf Bowien aufmerksam. Über ihre Arbeiten habe ich bereits im vergangenen Jahr im Art Profil-Heft 144 einen Beitrag geschrieben. Ihr Sohn, Doktor Haroun Ayech, ist derzeit damit befasst, das künstlerische Lebenswerk seiner Mutter zusammenzutragen und in einen zeithistorischen Rahmen zu stellen. Dazu gehört selbstverständlich an ganz prominenter Stelle ihr Lehrer Erwin Bowien und das „Schwarze Haus“ in Solingen. Aus seinem Engagement entstand zuletzt auch die Idee, eine Artikelserie über die prägenden Persönlichkeiten der Künstler-Kolonie „Schwarzes Haus“ zu veröffentlichen. Da ich bereits den Artikel über Bettina Heinen-Ayech verfasst hatte, wurde ich vom Verlag auch für die Folgebeiträge angefragt.

Frage: Sie haben jüngst Erwin Bowiens Verbindung zum sogenannten „Schwarzen Haus“ in Solingen untersucht. Zunächst einmal: Was ist das „Schwarze Haus“?

Das sogenannte „Schwarze Haus“ ist die Fortsetzung des literarischen Salons, des Treffs von Künstlern und Intellektuellen, in den die Mutter von Bettina Heinen, Erna Heinen-Steinbach, seit den 1920er-Jahren einlud. 1932 erwarb die Familie das Haus, das aufgrund seiner Fassadenverkleidung im Ort als das „Schwarze Haus“ bekannt ist.

Frage: Wie sieht Bowiens Verbindung zum „Schwarzen Haus“ vor 1933 aus?

Zum „Schwarzen Haus“ gehörten weitere Räumlichkeiten, die sehr bald von Künstlern aus dem Kreis der Familie bezogen wurden. Als Freund der Familie richtete sich Erwin Bowien hier ein Atelier ein.

Frage: Während der Nazi-Herrschaft wird Bowiens Kontakt nach Solingen unterbrochen. Wohin führt ihn sein Weg während dieser Zeit?

Nach Beginn der Nazi-Diktatur wählte Bowien die Niederlande zum neuen Lebensmittelpunkt, der Kontakt und die enge Beziehung zu Erna Heinen-Steinbach und Hanns Heinen riss jedoch nie ab. Nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande geriet er für einige Tage in Haft. Mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis begann eine Zeit des unfreiwilligen Reisens auf der Flucht vor der Zwangsrekrutierung. Ohne Wehrpass war dies ein gefährliches Unterfangen, zunächst in den Niederlanden, später in Deutschland. Zeitweise kam er bei seinen Freunden in Solingen unter, doch länger bleiben konnte er nicht. Auf abenteuerlichen und vermutlich auch gefährlichen Wegen gelangte er schließlich in den kleinen Ort Kreuzthal im Allgäu, wo auch die Familie Heinen in der Vergangenheit schon Sommerurlaube verbracht hatte. Hierher wurden auch Erna und die Kinder 1944 evakuiert, Hanns Heinen kam später ebenfalls dazu. Hinter dieser nüchternen Beschreibung der zeitlichen Abläufe liegen aufregende und auch gefährliche Zeiten und Begegnungen, von denen Bowien in einem Rundfunkinterview berichtete.

Frage: Auf welche Art und Weise knüpft Bowien ab 1945 wieder an das „Schwarze Haus“ an?

Nach dem Ende des Krieges kehrten die Heinens und Bowien gemeinsam nach Solingen zurück und gründeten nun offiziell die Künstlerkolonie „Schwarzes Haus“. Das „Schwarze Haus“ wurde zum Anker seines Lebens, sowohl räumlich als auch in den Beziehungen. In den 50er-Jahren widmete er sich insbesondere der Ausbildung seiner wohl bekanntesten Schülerin, Bettina Heinen-Ayech. Erst in den 60er-Jahren ändert er seinen festen Standort zwischen seinen Malreisen und zieht zu seiner inzwischen pflegebedürftigen Mutter nach Weil am Rhein.

Zugleich bleibt Bowien aber Zeit seines Lebens ein ewig Reisender, sowohl innerhalb Deutschlands als auch in die europäischen Nachbarländer und Städte: die Niederlande, Norwegen, die Schweiz, Paris, Rom – und es scheint, als lege er Pinsel und Stift nie aus der Hand.

Frage: Was macht für Sie den Reiz dieses Künstlers und seiner Werke aus?

In meinem Artikel über Bowien habe ich das so beschrieben: Je tiefer man in das Werk des Künstlers eindringt, desto unüberschaubarer wird es: Skizzen, Zeichnungen, Pastellbilder, Aquarelle, Ölgemälde. Ein Vergleich drängt sich auf: heute gibt es Brillen mit Kamerafunktion, das Auge entscheidet, welchen Anblick die Kamera festhält, egal ob Menschen, Landschaft, Gebäude. Ganz ähnlich muss Bowien gearbeitet haben: er hat in Skizzen und Zeichnungen, aber auch in Öl- und Pastellbildern festgehalten, was ihm sprichwörtlich ins Auge gefallen ist. Dabei sind seine Arbeiten mehr als die Abbildung des Gesehenen, sie sind zugleich Ausdruck des eigenen Erlebens in diesem Moment. Und dies bestimmt offenbar auch die Wahl des Werkzeugs, ob Pinsel oder Stift, wie auch die Wahl der Maltechnik. Im späteren Werk sind für mich besonders einprägsam die Zeichnungen, etwa von Bahnhofsszenen mit vielen Menschen, scheinbar blitzschnell erfasst und zugleich ungeheuer detailreich, dabei dynamisch und expressiv. Das nehme ich auch als ein Merkmal der späteren Schaffensperiode wahr: eine Tendenz zu stärkerer Expression.

Frage: Und wie spiegeln sich die verschiedenen Etappen von Bowiens Leben in seinen Werken wider?

Unabhängig von dieser stärkeren Expression lässt sich Bowiens Werk wohl am ehesten nach den Orten und Landschaften, in denen er sich länger oder auch immer wieder aufhielt, in Perioden aufteilen.

Denn auch hier gilt, dass die dabei entstandenen Werke immer auch so etwas wie den inneren Kern der Landschaften, der Menschen in ihrem Befinden oder schlicht der Situationen zum Ausdruck bringen. Diese Vielfalt und die offenbar nicht enden wollende Neugier auf die Welt und die Menschen um ihn herum machen sein Werk so reizvoll.

Claudia Schöning-Kalender wurde 1951 in der Nähe von Hannover geboren. Die Kulturwissenschaftlerin studierte in Hannover, Tübingen sowie Istanbul und forschte und lehrte an verschiedenen Universitäten zu den Themen Alltagskultur, Migration und Frauen. Seit 2005 engagiert sie sich in der aktiven Kommunalpolitik und leitete bis 2019 ein Frauenhaus.

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