Weil am Rhein Die „Beatles“ einmal anders

Oliver Kaiser (l.) und Daniel Rohr erhielten den wichtigsten Schweizer Medienpreis. Foto: zVg/Prix Walo

Weil am Rhein - John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr: Diese Namen klingen für Beatles-Fans wie Musik in den Ohren. 50 Jahre nach ihrem weißen Album lässt der Friedlinger Musiker und Texter Oliver Kaiser in der Schweiz die Töne und die diffuse Gefühlslage der Pilzköpfe wieder neu erleben – auf einer Theaterbühne, anders als üblich. Und das ist nicht das einzige Wagnis, das sich mit der nun erhaltenen Auszeichnung als beste Bühnenproduktion beim „Prix Walo“ in Zürich aber ausgezahlt hat.

Die Frau am Mikrofon ist nicht Lennons Freundin Yoko Ono, sie ist einer der vier Bandmitglieder. „Künstlerische Freiheit“ hat sich die Produktion herausgenommen, die Band mit einer Frau zu besetzen. „Ich finde nichts langweiliger als einen Abend, der den Erwartungen entspricht“, erzählt Kaiser, der zur Hochzeit der Beatles im Jahr 1968 geboren wurde.

Der zeitliche Abstand verbunden mit der emotionalen Nähe zur Musik seit der Jugendzeit: Mit dieser Mischung tritt Kaiser einen Schritt weit zurück und lässt den damaligen Produzenten George Martin in seinem Stück erzählen. Für den Texter erfüllt diese Rolle im Theater eine wichtige Funktion. „Es geht nicht darum, den Mythos zu verklären.“ Die Figur Martin reflektiert, aber nicht aus einer analytischen Ebene, sondern vielmehr wird anhand dieser eine dramaturgische Entwicklung vorangetrieben. Denn Kaiser will keine Tribute-Band auf die Bühne stellen, die möglichst die Musik authentisch nachspielt und ein Kopfkino für Konzertbesucher schafft. Die Erzählung soll vielmehr in die Farbigkeit der Musik eingebunden werden. Assoziationen, Fantasie, Gänsehaut – durch die Verbindung von Text und Musik will der Friedlinger mit seinem Werk ansprechen, das anlässlich des 50-jährigen Bestehens der epochalen Beatles-Alben als Musik- und Theatererlebnis auf der Rigiblick-Bühne in Zürich zu sehen ist.

„The White Album“ ist dabei die Fortsetzung von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, eine Produktion, bei der Oliver Kaiser auch als Texter aufgetreten ist, wobei er hier den gleichen Kunstgriff wählte, nämlich von außen durch den fünften Beatle, Brian Epstein, der bis 1967 als Manager der Band aktiv war. Der zeithistorische Kontext soll durch ihn vorgenommen werden. Der Kampf, den ein jüdischer schwuler Impresario in England zu jener Zeit auszutragen hatte, nutzt Kaiser für eine differenzierte Betrachtungsweise jener Zeit. „Es sind nicht die Beatles auf der Bühne, sondern der Geist der damaligen Zeit.“

Zwei Drittel Fakten liefere er in seinen Texten und ein Drittel Fiktion, „die mir mal jemand nachweisen soll, dass es nicht Fiktion ist“, schmunzelt der kreative Kopf, der weiterhin Vertragswerke für seine alte, noch weltweit auf Tournee befindliche Metal-Band „Destruction“ regelt. Tobias Schwab als musikalischer Leiter nimmt sich gemeinsam mit Kaiser die Freiheit, die legendären Songs in einen anderen Kontext zu stellen. „Es geht darum, mit Text und Musik eine Zeitparallele zu schaffen“, nicht um eine historische Betrachtung des Phänomens „Beatles“, betont Kaiser.

„Es ist Theaterarbeit, wir schaffen Dramen“

Möglich gemacht hat Kaisers Idee, aus „Pepper ein großes Ding zu machen“, Daniel Rohr, der Leiter des Theaters Rigiblick in Zürich, der seine Begeisterungsfähigkeit damit abermals unter Beweis stellt. Auch Stefan Gubser, der später mit Rohr für die Präsentation zuständig war, ließ sich als großer Beatles-Fan mitreißen. „Es ist Theaterarbeit, wir schaffen Dramen“, weiß Kaiser dabei um die Theatersicht. Obwohl er selbst mit den Beatles sozialisiert wurde, wollte er keinen Bauchladen für Beatles-Fans aufmachen, betont er mit Nachdruck.

Die dramaturgische Entwicklung soll sich nicht nur durch die bisherigen beiden Beatles-Produktionen ziehen, sondern auch durch die nächsten beiden Teile der Tetralogie – also „Abbey Road“ in diesem Jahr, woran Kaiser, der auch als Schlagzeuger für viele weitere Bühnenstücke aktiv ist, noch den Feinschliff vornehmen muss, und „Let it Be“ im nächsten Jahr, wofür Kaiser zwar noch kein Wort geschrieben hat, doch so langsam loslegen will. Während im dritten Teil Derek Taylor, der damalige Pressesprecher der schon zerstrittenen Bandmitglieder als Figur von außen für den einordnenden Teil zuständig ist, fehlt in den Gedankengängen des Friedlingers für den vierten Teil noch die passende Figur, das zu übernehmen.

„Das Schreiben funktioniert von selbst, es braucht nur eine stringente Struktur, und gewisse Fakten gilt es zu eruieren.“ Er nehme sich schließlich die Freiheit, die Figuren irgendwie zu bewegen. Vier Produktionen á zwei Stunden stehen unterm Strich. Die Blickveränderung ist dabei die Maxime, nicht die Lobhudelei auf die Beatles. Wobei die Musik dürfe natürlich nicht fehlen, bei „Pepper“ konnten alle Stücke einfließen, beim weißen Album musste schon die Hälfte der 30 Songs weggelassen werden.

Eine Bestätigung, nicht allzu viel verkehrt gemacht zu haben, kann der vor wenigen Tagen überreichte wichtigste Schweizer Medienpreis „Prix Walo“ als beste Bühnenproduktion gelten. Deswegen abheben wollen Kaiser und seine Mitstreiter aber nicht. Vielmehr herrscht noch pure Freude über die überraschende Auszeichnung, die eher als Ansporn dienen soll für die nächsten beiden Produktionen. Für die Beatles war das weiße Album ein Erfolg, für die Theaterleute und die Musiker nun die ausgezeichnete Produktion ebenfalls. Kaiser selbst widmet sich daher wieder seiner Arbeit – und hofft als Friedlinger auf eine künftig aktivere Kulturszene in seinem Stadtteil, wie er kurz vor dem Gehen noch betont.

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