Weil am Rhein Die letzte Schlössli-Bewohnerin beweist Tatkraft

Gebannt lauschten die Gäste der Geschichte des Altwiler Schlössli und seiner letzten Bewohnerin. Foto: Christiane Guldenschuh Foto: Weiler Zeitung

Weil am Rhein (cg). Das Altweiler Schlössli hat etwas Magisches. Und so fanden auch am Tag des offenen Denkmals trotz der feuchten Witterung wieder Menschen den Weg in das Anwesen, um das noch gut erhaltene Gesindehaus mit seinen Gerätschaften, aber auch die in den letzten Zügen blühenden Rosen zu bestaunen und – da die Zeit dort irgendwie ein bisschen stillsteht – der Hektik des Alltags zu entfliehen.

Monika Merstetter schildert

Vor allem fühlten sich die Besucher am Sonntag vom Vortrag von Monika Merstetter angesprochen, die sich in diesem Jahr – trotz der Themenvorgabe „100 Jahre Bauhaus“ – der letzten Schlösslibewohnerin Luise Enderlin widmete. Anlass hierzu war ein Koffer voller Handarbeiten, den Renate Ludin gefunden hatte – genähte und gestrickte Unterwäsche – und die zusammen mit Fotos von Luise Enderlin auf einer Wäscheleine drapiert wurden.

Die Stadtführerin beleuchtete zunächst die Geschichte des Altweiler Schlössli, das erstmals 1563 als Herrenhaus erwähnt wurde. Der erste Besitzer Johann Jakob Reuttner, der „Reuttner von Weyl“, konnte das Anwesen aus finanziellen Gründen nicht halten; im Laufe der Jahrhunderte wechselte es mehrfach den Besitzer. Maria Barbara Glattacker, 1824 geboren, heiratete mit 30 Jahren Johann Jakob Enderlin, Sohn vom Sonnenwirt und Urgroßvater von Luise und August. Weil am Rhein hatte zu der Zeit etwa 2000 Einwohner.

Einer der Enkel, Johann August, heiratete 1907 Anna Marx und bekam mit ihr sechs Kinder, darunter Luise – sie war das zweite Kind und hatte vier Schwestern und einen Bruder (August). Luise blieb zeit ihres Lebens unverheiratet und verbrachte fast ein volles Jahrhundert im Schlössli. Nach der Schule arbeitete sie als Dienstmädchen in Basel und war im Zweiten Weltkrieg als Rot-Kreuz-Schwester im Einsatz; nebenbei half sie in der Landwirtschaft. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit dem, was sie auf der Bündi anpflanzte und auf dem Markt (der heutige Marktplatz auf der Leopoldshöhe) verkaufte. Sie war finanziell unabhängig – richtete sich für jeden Monat ein Kuvert mit dem Geld, was sie verdiente, und kam so über die Runden, sorgte auch für die Rente vor.

Einiges gemacht

Obwohl klein und zierlich, konnte sie gut zupacken. Nebenbei strickte, häkelte und nähte sie Wäsche – „sie hat immer irgendwas gemacht“, so Merstetter – und war vermutlich die erste Weilerin mit einer Strickmaschine. Außerdem war sie im TV Weil aktiv, spielte im Kindergarten Hebelschule den Nikolaus und absolvierte Besuchsdienste im Altersheim. Sie beklagte sich nie, blieb stets bescheiden, und sie erledigte alles mit dem Fahrrad. Ihr einziger Luxus waren gelegentliche Ausflugsfahrten. Als sie sich mit 80 Jahren einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, sagte sie, die Reha sei ihre schönste Zeit gewesen – da kümmerte sich jemand um sie.

Stolz war sie über die Urkunde zu ihrem 90. Geburtstag mit der Signatur von Erwin Teufel. 2005 zog sie zu einer Nichte nach Eimeldingen und später ins Altersheim, bevor sie am 19. September 2007, fünf Tage vor ihrem 99. Geburtstag, verstarb. 2003 war sie noch beim Tag des offenen Denkmals, und es war ihr wichtig, dort noch mal hinzukommen.

Einen Dank richtete Merstetter an Erich, Neffe von Luise Enderlin, der im Schlössli gewohnt hat, und seine Frau Renate Ludin. Nach dem Vortrag konnten die Besucher noch durch den liebevoll gepflegten Schlössli-Garten flanieren.

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