Weil am Rhein „Diese Musiker sind des Gedenkens wert“

Der Gedenkstein auf dem Weiler Friedhof erinnert an die gefallenen Musiker. Foto: zVg

Weil am Rhein - Flaniert man von Zeit zu Zeit über Friedhöfe, entdeckt man dort die Gräber von viel zu früh Verstorbenen, aber auch von Menschen, die vielleicht nach einem erfüllten Leben hochbetagt verschieden waren. Manche Grabsteine erzählen von der großen Trauer der Hinterbliebenen. Andere wiederum verschweigen mehr, als dass sie erzählen, was den Betrachter natürlich erst recht neugierig macht.

Gedenkstein für fünf ‚gefallene Mitglieder‘

So stößt man beim Spazieren über den Friedhof von Weil am Rhein auf einen Gedenkstein, der an fünf ‚gefallene Mitglieder‘ erinnert. Da der Gedenkstein offensichtlich vom Musikverein Weil gestiftet worden war, muss es sich bei den Gefallenen wohl um Musiker gehandelt haben. Ihre Namen: Georg Ludin, Johannes Scherer, Gottlieb Lienin, Johannes Mehlin, Wilhelm Röschard, Michael Hütter und Fridolin Welterlin.

Gefallen waren sie laut Gedenkstein am 25. September 1848 in Staufen, und wer sich ein bisschen mit der Geschichte der Badischen Revolution auskennt, weiß, dass sie sich dort nach einem Gemetzel mit regulären Truppen in einem Haus versteckt hatten. Sie wurden aufgespürt und unmittelbar danach standrechtlich erschossen. Ein Verbrechen, das auch so genannt zu werden verdient.

Die Badischen Revolution von 1848. Man muss sie zunächst als eine breite Volksbewegung ansehen, spontan und unorganisiert. Sie hatte zum Ziel, von Baden aus die Deutsche Einheit erzwingen zu können, und mit ihr all die Bürgerrechte, die wir als demokratische Bundesrepublik als selbstverständlich erachten. Schaffung einer tatsächlichen Volkssouvernität, Abschaffung der Adelsprivilegien, progressive Einkommenssteuer u.v.A.

Anfänglich betrachtet war nicht klar ersichtlich, ob es sich dabei um eine Revolution mit Volksfestcharakter, oder eher ein Volksfest mit Revolutionscharakter handelte. In jedem Fall war sie bunt. Ob damit der pittoreske Aufzug von Friedrich Hecker in seiner Revolutionsuniform gemeint war, oder sein roter Hut mit wilder Feder. Und auch Gustav Struve, einer der Anführer, trug seinen Teil dazu bei, wenn er zu den aufrührerischen Reden anreiste, an seiner Seite die ob ihrer Schönheit weit gerühmten Gattin, die mit ihm gemeinsam aufs Anmutigste drapiert in einer Kutsche vorfuhr.

Doch war das nur der gemütliche Teil des Unternehmens „Freiheit“. Der Charakter des Aufstands änderte sich grundsätzlich, als später preußische Truppen anmarschierten, um der Volksbewegung ein – alsbald – blutiges Ende zu bereiten. Zu ernsthaftem und länger anhaltendem Widerstand waren die letztlich unorganisierten Freischärlertruppen weder von der Bewaffnung noch von der Organisation her nicht in der Lage. Zudem war es eine große Illusion, dass man Deutschlands Einheit vom Südwesten aus erzwingen hätte können. Die reaktionären Kräfte waren zu stark gewesen.

Die konservativen Stimmen hatten anschließend oft darauf verwiesen, dass großen Teile der Freischärler ‚gepresst‘ worden waren, also nicht freiwillig mitzogen, doch ist in damaligen Quellen immer wieder zu lesen, dass „die Revolution mit klingendem Spiel“ Einzug gehalten habe. Dass Musiker, wie im traurigen Fall der Weiler Musikanten, meist vorneweg zogen, wenn es galt, der Sache der Badischen Revolution Gehör zu verschaffen. Man kämpfte in gutem Glauben für ein einiges Deutschland, für „Einigkeit, und Recht und Freiheit“, also für eine gute Sache.

Unzählige Kriegerdenkmäler in unserem Land verweisen obligatorisch darauf, die Gefallenen der (Eroberungs-) Kriege von 1870/71, dem 1. und dem 2. Weltkrieg, seien ‚den Heldentod fürs Vaterland gestorben‘. Man wird diesen Gefallenen nicht Unrecht tun, würde man die fünf Musiker insofern heimholen, indem man auf einem neuen Gedenkstein – der vorhandene wurde 1927 gesetzt – darauf hinweist, dass die fünf Weiler Musikanten in Staufen ein großes Stück weit dafür gestorben sind, dass wir heute in einer freiheitlichen Gesellschaft leben dürfen. Nicht zuletzt müsste es auch ein Anliegen der Stadtmusik Weil am Rhein sein, ihnen ein Andenken zu bewahren, das von ihnen mehr erzählt, als auf dem bisherigen Gedenkstein zu lesen ist.

Diese Weiler Musiker sind des Gedenkens wert. Das darf man nicht verschweigen.

Peter Ruhr ist 1950 in Oberkirch/Ortenau geboren. Es folgte das Abitur in Lahr und ein Studium der Musikwissenschaft in Freiburg. Das Studium schloss er mit einer Dissertation über die Blasmusik in Baden ab. In diesem Zusammenhang hatte er sich auch mit deren Geschichte befasst, die gerade im „Oberland“ eine ziemlich bewegte war. Anschließend war Ruhr 30 Jahre lang Musikredakteur beim SWR, zuletzt Redaktionsleiter in der Hauptabteilung „Fernsehunterhaltung“, wo er die Produktionen von Fernsehshows verantwortete.

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