Weil am Rhein Drehscheibe der urbanen Kunst

Blick in die Koje mit der Wandgestaltung und dem Stuhlobjekt des Spaniers Marti Sawe in der Weiler Colab Gallery, die sich diesmal dem Graffitiwriting widmet.                                                                                                                                 Foto: Jürgen Scharf Foto: Weiler Zeitung

Weil am Rhein - Graffiti ist nicht gleich Graffiti. Auch wenn manche Autobahn-Brückenpfeiler oder Unterführungen mit wilden Sprayereien oft ganz legal besprüht werden, so ist Graffitikunst an öffentlichen Wänden doch etwas anderes als in der Galerie.

Street Art-Künstler treten aus der Anonymität heraus

Friedlingen war bei Graffitiprojekten weit voraus. Bereits Anfang der 1990er Jahre gab es bei den Riosäulen unter der Autobahn gesprühte Bilder. Längst sind die Street Art-Künstler aus der Anonymität herausgetreten, sprayen nicht mehr nur auf Brücken und Häuserwände, sondern haben es ins Museum und in die Kunstgalerien geschafft.

Die Colab Gallery ist eine Drehscheibe der urbanen Kunst und in der internationalen Kunstszene längst sehr angesagt und anerkannt. Seit 2006 konzentriert sie sich auf Künstler, deren Wurzeln auf der Straße zu finden sind.

Colab Gallery: Auf 500 Quadratmetern genügend Fläche für Graffiti-Trends

Rund 200 Akteure dieser inzwischen etablierten Kunstrichtung haben bei den Ausstellungen zwei Mal im Jahr die Wände gestaltet. In dieser speziellen Galerie, bei der im zehnten Jahr der Graffitikünstler Stefan Winterle die Ausstellungen kuratiert, hat es in den großen Kojen auf 500 Quadratmetern genügend Fläche für die Graffiti-Trends.

Die neue Winterausstellung „What do you write?“ schließt an die Graffiti-Show von 2015 „Don’t forget to write“ an. Acht Künstler aus Europa und Südamerika zeigen unterschiedliche Sichtweisen auf das zeitgenössische „Graffiti-Writing“, das sich in der Fachsprache auch Style-Writing nennt. Die verschiedenen „Styles“ kann man in den spannend gestalteten, großzügigen Ausstellungsboxen bei einem Rundgang betrachten.

Neue Winterausstellung „What do you write?“

Das Spektrum reicht von witzigen Mickey Mouse- und anderen Comicfiguren wie den Simpsons, Dagobert und Pink Panther des Brasilianers Salmos, der zum ersten Mal in Europa seine fröhlichen Arbeiten ausstellt, über eine Kojengestaltung mit Stuhlobjekt des Katalanen Marti Sawe, einem Pionier der naiven Graffiti, bis zu einer Wandgestaltung inklusive Video des Parisers Funco, der schon früh mit Graffiti begonnen hat.

Allen gemeinsam ist, dass sie die Buchstaben ihres Namens in ihre persönliche Handschrift einbringen. Der eine Künstler will „gelesen“ werden und fügt seinen Namen gut entzifferbar in die Wand- und Leinwandarbeiten ein. Andere arbeiten freier, abstrakter, die Buchstaben sind versteckter und ihre Bilder lassen sich nicht so leicht dechiffrieren.

Einflüsse der klassischen Kalligrafie mische "Handstyle" auf

Manche Künstler sind schon viele Jahre als Sprayer auf den Straßen unterwegs, wie Mason aus Dortmund. Von diesem echten Street Art-Künstler stammen die großen konstruktiven Wandarbeiten mit geometrischen Formen, grafischen Flächen, Linien, schwarzen Zeichen und auffallend roten Zacken.

In diesem speziellen Genre gibt es auch Kalligrafen, die mit Einflüssen der klassischen Kalligrafie ihren Handstyle aufmischen. Ein solcher ist Sicoer aus Polen, der in streng geometrischen Runen- und Buchstabenbildern mit dem Pinsel kühne, kräftige Linien und Striche setzt.

Da erwartet den Besucher also eine ganze Galaxie von unterschiedlichen Graffiti-Arbeiten, die sich durchwandern lässt. Man entdeckt auch einen 3D-Style wie bei einem der bekanntesten italienischen „Writer“ namens Dado, der gern mit geschwungenen Bändern und runden Formen spielt.

Graffiti-Boom Anfang der 90er Jahre

Vom Graffiti-Boom Anfang der 90er Jahre mitgerissen wurde Demsky J., dessen synthetische Bildreihen von früher Computergrafik beeinflusst sind und mit ihren zahllosen Farbfeldern wie verpixelt aussehen: ein Flimmereffekt, ähnlich dem der Op-Art oder optischen Kunst.

Nach Früchten wie Kiwi, Grapefruit und Mango nennt Sweetuno seine Bilder, eine Art malerische Smoothies. Cédric Pitarelli, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, wuchs in den 90er Jahren in der Basler Street Art-Szene auf und lebt seit zwölf Jahren in Heidelberg, arbeitet auch als Schauspieler und Bühnenautor und vertritt die klassische Graffitikunst, also die „alte Schule“.

Zeit- und gesellschaftskritische Botschaft in konsumkritischen Motiven

Eine Ausnahme macht Marti Sawe, dessen ungewöhnliche Bilder nichts mit Schrift zu tun haben. Kurator Winterle wollte sie trotzdem dabei haben, denn der junge Spanier aus Barcelona verarbeitet konsumkritische Themen in Motiven von der Straße – Obdachlose, Wegwerfgesellschaft, kaputte Dinge – und schafft damit eine zeit- und gesellschaftskritische Botschaft.

In der „Cinema“-Lounge läuft ein dokumentarischer Film, in dem man verfolgen kann, wie die Künstler vor Ort an den Wänden gearbeitet haben.   Bis Mai 2020, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 12 bis 18 Uhr

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