Weil am Rhein Ein langes Ringen um den Lebensraum von Eidechsen

Von Marco Fraune

Weil am Rhein. Der Schutz der Mauereidechsen ist gesetzlich geregelt und vorgeschrieben. Anwohner der Sundgaustraße kritisieren, dass bei einem Bauvorhaben eines privaten Bauträgers hier deutliche Defizite bestehen und einiges falsch lief und läuft. Die Untere Naturschutzbehörde erklärt hingegen, dass zwar Fehler gemacht wurden, doch mittlerweile rechtlich und fachlich die Vorgaben erfüllt sind, was durch das Regierungspräsidium und das Landes-Umweltministerium auch bestätigt worden sei.

Beim geplanten Abriss der Stadtvilla und der an gleicher Stelle – in größerem Ausmaß – vorgesehenen Errichtung von 14 Eigentums-Wohnungen mit Tiefgarage gab es von Beginn an Gegenwind. Gegen den im Oktober 2016 vom Investor gestellten Bauantrag lagen 19 Einwendungen von Hauseigentümern vor. Doch schon ein halbes Jahr zuvor, also vor Bekanntwerden, was errichtet werden soll, sei von Anwohnern die Behörde darauf hingewiesen worden, dass der Artenschutz zu prüfen ist, erinnern die Anwohnerinnen Sabine Mayer und Angelika Schilling. Das 1000-Quadratmeter-Grundstück sei von einem Imker angelegt worden.

Austausch statt Gutachten

Ein vom Bauträger in Auftrag gegebenes Gutachten mit artenschutzrechtlicher Einschätzung wurde zwar eingereicht, doch fand von der Baurechtsbehörde im Weiler Rathaus nicht den Weg bis zur in Lörrach angesiedelten Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Landkreises. Als dieses später von den dortigen Experten ausgewertet wurde, stand fest: „Das Gutachten hatte Mängel“, erklärt die UNB-Fachkraft Florian Thielmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Zwar sei das Gutachten überarbeitet worden, doch seine Behörde setzte eine ökologische Baubegleitung ein, um das Bauprojekt auch voran zu bringen. „Es fand dann ein direkter Austausch vor Ort statt.“

Die Vergrämung

Ein Bestandteil ist die Vergrämung, bei der große schwarze Folien über die Grundstücksfläche gelegt wurden, um die Eidechsen sukzessive in Richtung eines kleinen Ersatzhabitats zu vertreiben (wir berichteten). Anwohnerin Mayer, die nun seit dreieinhalb Jahren das Wohl der Eidechsen in den Blick nimmt, machte hier Defizite aus. Gänge seien bei der Vergrämung nicht feigelassen worden, die große Folie habe aufgrund von Witterungseinflüssen längere Zeit falsch gelegen und das Ersatzhabitat sei viel zu klein dimensioniert und liege zudem noch im Schatten. Und ganz besonders die Zahl der adulten Mauereidechsen sieht sie als deutlich höher an.

In dem später einkassierten Teil des artenschutzrechtlichen Gutachtens hieß es noch, dass „nicht mit dem Vorkommen von Reptilien zu rechnen“ sei. Das war „nicht plausibel“, weiß Thielmann. Nach einer neuen Bewertung Anfang dieses Jahres, die auf einer Schätzung beruht, sind es aber auch nur vier bis acht Tiere. Erst nach der Rodung im Garten habe sich der Lebensraum der Eidechsen deutlich verbessert. Nicht für die höhere Zahl der Tiere, sondern für die 2016er-Zahl müsse Ersatzlebensraum geschaffen werden.

Analyse folgt auch später

Ob sich hier die vier bis acht adulten Tiere wohlfühlen, werde sich zeigen. Daher sei ein Risikomanagement eingerichtet worden, erklärt UNB-Rechtsexperte Michael Walter. Damit werde die ökologische Funktion geprüft. Sollte das Habitat zu verschattet liegen oder nicht angenommen werden, müsse in drei bis fünf Jahren notfalls neuer Lebensraum geschaffen werden. „Ich gehe davon aus, dass Teilbereiche der Mauer besonnt sind“, entgegnet Thielmann jedoch die Kritik der Anwohnerinnen, die Mauer stehe zu schattig.

„Wir versuchen, angemessen zu handeln“, nicht nur das Bestmögliche, sondern auch eine funktionale Lösung sei dabei die richtige Wahl. Er habe den Bauherrn außerdem drei Mal die Mauer nachbessern lassen, da diese zu kurz und zu niedrig ausfiel. „Nun ist es immer noch nicht toll, sondern sie erfüllt ihre Funktion.“ 20 Nachbarn hatten zuletzt auch hier ihren Unmut über Unterschriften nochmals Luft gemacht. Mayer: „Die Verantwortung für den Lebensraum der Tiere überträgt der Bauträger auf die Nachbarschaft.“

Dass eine Vergrämung samt einer nicht natürlichen Selektion erfolge, indem die Mauereidechsen in Revierkämpfe gezwungen werden, sei laut dem UNB-Fachexperten kein größeres Problem. Im 500-Meter-Radius befinde sich eine gut gesicherte Population, da hier auch der Güterbahnhof sei, „eine der stärksten Mauereidechsen-Populationen in Südbaden“.

Das Verschwinden der kleinen Population werde billigend in Kauf genommen, kritisiert Amandine Tupin vom BUND. Anwohnerin Mayer ärgert sich zudem. „Die Eidechsen haben hier ihre Habitate und sie sind standorttreu.“

Abriss steht bevor

Insgesamt sei das Artenschutz-Verfahren nicht optimal gelaufen, räumen die beiden UNB-Experten ein. Daher gebe es nun das Risikomanagement samt Monitoring. Nun erfolge aber eine rechtskonforme Bebauung. „Das ist ein Erfolg, den die Anwohner für sich verbuchen können.“ Ab morgen soll laut UNB nun die erste Bodenschicht auf dem Areal abgetragen wird, der Abriss der Villa stehe danach an.

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