Weil am Rhein Ein Museum lebt fürs Publikum

Weil am Rhein. Die schrittweise Öffnung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens zeigt sich nun auch auf dem Vitra Campus: Der Campus und das Vitra Design Museum sind seit Montag wieder täglich für Gäste geöffnet. Was die Zeit der Schließung für das Haus bedeutet und wie sich die Krise insgesamt auf den Kulturbereich auswirken könnte, darüber unterhielten wir uns mit Museumsdirektor Mateo Kries. Die Fragen stellte Gabriele Hauger.

Frage: Was bedeutet es für ein Museum wie das Ihre und dessen Mitarbeiter, wenn es keinerlei Publikumsverkehr gibt?

Ob im Bereich der Ausstellungen, der Veranstaltungen, der Führungen und Events, aber auch der Museumsshops – die Mitarbeitenden in fast allen Bereichen leben für unser Publikum. Insofern waren die letzten Wochen für viele innerhalb des Museumsteams natürlich schwierig. Wir haben momentan großartige Ausstellungen, ob im Hauptgebäude von Frank Gehry, die große Ausstellung „Home Stories“ oder die Projekte „Gae Aulenti“ im Vitra Schaudepot und „Typologie“ in der Vitra Design Museum Gallery; ganz zu schweigen von der Präsentation der Sammlung im Vitra Schaudepot. All das geschlossen zu sehen, ist ein Jammer – das ist in etwa so, als würde ein Theaterstück oder ein Konzert aufgeführt, aber keine Gäste sind zugelassen. Wir sammeln ja nicht, um Dinge zu horten und von der Öffentlichkeit abzuschirmen, sondern um sie den Menschen zugänglich zu machen und ihre Geschichten zu erzählen.

Hinzu kommen selbstverständlich die wirtschaftlichen Auswirkungen. Als privates Museum sind die Einnahmen aus den Eintritten und den Shops ein wichtiges Standbein der Finanzierung. Diese Ausfälle müssen wir nun ausgleichen.

Frage: Inwieweit konnten digitale Angebote in den vergangenen Wochen der Schließung Ersatz bieten? Und wie stark wurde dies genutzt?

Unser Museum war schon vor der Corona-Krise sehr aktiv im Bereich digitaler Medien, wir zählen hier zu den präsentesten Museen in ganz Deutschland. Das hat sich nun bewährt, und wir konnten in kürzester Zeit unser digitales Angebot noch mal stark ausbauen. So findet man auf unserer Website und bei Instagram gefilmte Führungen durch alle Ausstellungen, wir machen wöchentliche Live Talks auf Instagram und vieles mehr. Und das Schönste ist, dass all das hervorragend aufgenommen wurde, die Ausstellungsfilme beispielsweise werden zwischen 4000 und 8000 Mal angesehen, bei einem Instagram-Talk sind schon mal 500 Gäste aus aller Welt dabei, als der berühmte indische Architekt Balkrishna Doshi digital zu Gast war, hatten wir zwischenzeitlich über 1000 Zuschauer. Natürlich kann all das nie das Erlebnis vor dem Original ersetzen, aber es kann Debatten in Gang halten und ist für uns eine Möglichkeit, weiterhin in Kontakt mit unserem Publikum zu bleiben und die Inhalte des Museums zu transportieren.

Frage: Wie groß ist der Besucherandrang seit Montag? Und inwiefern hat sich ein Ausstellungsbesuch und das Ausstellungserlebnis verändert?

Das Vitra Design Museum und alle weiteren öffentlichen Gebäude und Bereiche des Vitra Campus sind seit dem 11. Mai wieder geöffnet. Es ist uns bewusst, dass durch die Corona-Krise und die realen Konsequenzen und Ängste der Menschen, durch die Grenzschließungen und sehr eingeschränkten Reisemöglichkeiten der Museumsbetrieb nur langsam anlaufen kann. Als Museum, das normalerweise Gäste aus aller Welt auf dem Architekturcampus begrüßt, können wir nicht ad hoc mit den Besucherzahlen von vor der Krise rechnen. Daher planen wir eine stufenweise Wiederaufnahme unserer Aktivitäten und Öffnungszeiten auf dem Vitra Campus, bis auf weiteres sind wir von 12 bis 17 Uhr geöffnet und bieten freitags, samstags, sonntags und an Feiertagen jeweils eine deutschsprachige Architekturführung für maximal zehn Personen an.

Auch die Gastronomiebetriebe des Vitra Campus eröffnen stufenweise: Das VitraHaus Café öffnet am Montag, 18. Mai und bietet täglich warme Speisen von 12 bis 17 Uhr an. Das Depot Deli ist ab Mittwoch, 20. Mai, mittwochs bis sonntags, von 10 bis 15 Uhr, wieder für Besucher geöffnet. Bis dahin wird eine Auswahl an Getränken und Snacks zum Mitnehmen angeboten.

Wie bereits zu Beginn der Krise steht die Sicherheit der Besuchenden und Mitarbeitenden weiterhin an oberster Stelle, es wurden umfangreiche Sicherheits- und Hygienekonzepte umgesetzt, die ein möglichst hohes Maß an Schutz bieten sollen und dennoch ein optimales Design- und Architekturerlebnis ermöglichen.

Frage: Die Menschen waren in den vergangenen Wochen so viel zu Hause wie selten. Passt da Ihre aktuelle Ausstellung „Home Stories“ nicht bestens dazu?

Ja, natürlich, das ist ein ironischer Zufall – wir zeigen eine Ausstellung über die Bedeutung des privaten Wohnens, und auf einmal sind alle Menschen in genau diesen Räumen eingesperrt. Leider so sehr, dass sie unsere Ausstellung nicht mehr sehen können. Das gibt den Fragen der Ausstellung noch mal eine ganz andere Bedeutung: Was macht eigentlich einen gelungenen Wohnraum aus? Welche Aspekte sind daran wichtig? Inwieweit spiegelt ein Interieur auch immer die Gesellschaft und die Zeit wider, in der es entsteht? Zum Glück ist das ein Grund mehr, die Ausstellung zu besuchen, jetzt, wo sie wieder geöffnet ist und bis zum 28. Februar 2021 verlängert wurde. Eigentlich müsste man die Ausstellung um ein Kapitel erweitern, in dem die „Home Stories“ erzählt werden, die nun während der Corona-Zeit zuhause passieren.

Frage: Überlegen Sie, das Thema angesichts der Krisenerfahrung eventuell in einer Sonderausstellung zu fassen?

Momentan noch nicht, aber das kann noch kommen. Sicher wird es in einigen Monaten viele Ausstellungen und Bücher dazu geben, um die Corona-Erfahrungen zu verarbeiten. Wir sammeln mit den digitalen Gesprächsreihen momentan viel Material, das die Zeit der Corona-Maßnahmen dokumentiert. Sicherlich werden wir das in den kommenden Jahren in irgendeiner Form verwerten. Aber vorher müssen wir es auswerten und Schlüsse daraus ziehen. Dabei wird sich die Frage stellen, welche Beiträge Designer und Künstler beispielsweise dazu leisten können, um so eine Krisensituation zu meistern. So etwas könnte durchaus ein Thema für eine Ausstellung oder eine Publikation sein.

Frage: Museen gehören zu den ersten kulturellen Einrichtungen, die öffnen können. Andere Kulturschaffende leiden da noch mehr. Bangen Sie insgesamt um die Zukunft des Kulturbetriebs?

In Deutschland ist die Kulturlandschaft sehr ausgeprägt und stabil, zumindest im Vergleich zu anderen Ländern. Aber wir schauen schon mit großer Sorge darauf. Abgesehen von den staatlichen Einrichtungen gibt es eine Fülle privater Initiativen, von Museen wie dem unseren über Schauspielbühnen bis hin zu kleinsten Kollektiven, Galerien und Einzelpersonen. Gerade die Akteure mit weniger Stimme, ob Subkultur oder Avantgarde, diese experimentellen Initiativen sind nun besonders gefährdet, weil sie keine starke Lobby haben und ohnehin schon prekär finanziert sind. Dabei sind diese Stimmen am progressivsten und bringen die Kultur oft voran. Jeder Kulturbetrieb, der bislang mit ohnehin geringem Etat gearbeitet und gewirkt hat, ist bedroht, wenn man sich die Konsequenzen der Corona-Krise anschaut. Ein anderer Bereich sind die Kreativindustrien, etwa Designer, Architekten, Werbeagenturen und viele andere, die auf einmal keine oder viel weniger Aufträge haben. Die Unterstützung der Bundesregierung für Kleinunternehmen im Bereich der Kultur war eine wichtige Sofortmaßnahme, aber es müssen weitere folgen, um die Vielfalt der Kulturlandschaft zu erhalten.

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