Weil am Rhein Eine glückliche „Vernunftehe“

Monika Merstetter

Dieser Tage jährt sich die Eingemeindung Ötlingens in die Stadt Weil am Rhein zum 50. Mal. Gefeiert wurde das Ereignis am 4. Dezember 1971, also heute auf den Tag genau vor 50 Jahren.

Von Monika Merstetter

Weil am Rhein. Am 1. Dezember 1971, morgens 9 Uhr, wurde der Akt symbolisch mit dem Austausch des Ortsschilds auf „Ötlingen, Stadt Weil am Rhein, Landkreis Lörrach, Zollgrenzbezirk“ vollzogen. Die Gemeindereform, unumgänglich durch das Land beschlossen, löste zu Beginn der 70er-Jahre große Diskussionen und hitzige Debatten in vielen Gemeinden aus. Wie kontrovers die Diskussionen geführt wurden, zeigt ein Blick in das städtische Archiv, wo zahlreiche Dokumente zum Thema aufbewahrt werden. Den Mitgliedern des damaligen Ausschusses muss heute größter Respekt gezollt werden, wie sie in den Verhandlungen zum Entscheid gekommen sind. Das waren der Ötlinger Bürgermeister Albert Rupp, die Gemeinderäte Walter Brombacher, Fritz Güthlin, Klaus Koger, Hans Kunzmann, Arthur Meyer und Karl Rösch. Unter den Weiler Vertretern waren Bürgermeister Otto Boll sowie die Stadträte Fritz Eichin, Richard Roschek, Helmut Eberhard, Nikolaus Lorenz, Karl Bühler, Werner Appelhagen, Edgar Dietz und Peter Willmann.

Zunächst war unklar, wohin es gehen sollte

Beim Telefonat mit dem noch einzigen lebenden Ötlinger Ausschussmitglied Fritz Güthlin kommt nach sekundenlanger Stille: „Jesses, isch des scho fufzig Johr her?“ Noch sehr genau kann er sich an den Antrittsbesuch bei Oberbürgermeister Hugenschmidt in Lörrach erinnern, stand doch zuerst zur Debatte, sich der Kreisstadt anzuschließen. Das wurde jedoch bald fallen gelassen.

Als Albert Rupp am 3. April 1971 den Gemeinderatsbeschluss mit sechs zu zwei für einen Verwaltungsraum Weil-Haltingen verkündete, meinte er: „Das Durcheinander war so groß, dass wir eine dritte Möglichkeit – also zu Lörrach – überhaupt nicht gebrauchen konnten.“ Denn zur Debatte stand auch der Anschluss an eine zu bildende Verwaltungsgemeinschaft mit Binzen. Ihm sei bald klar gewesen: „Zehn arme Gemeinden geben auch keine reiche“, sagt Güthlin heute.

Welches Tempo die Akteure vorlegten, zeigt der Zeitplan vom Angebot der Stadt Weil am Rhein am 23. Februar 1971 bis zur tatsächlichen Unterzeichnung des Vertrags von beiden Bürgermeistern am 27. Oktober und der Eingemeindung zum 1. Dezember.

Es wurde viel getagt und verhandelt

Dazwischen wurde vielfach getagt und verhandelt und vor allem fand am 10. Oktober eine Bürgeranhörung statt, zu der Otto Boll in Anspielung an das Wort „Vernunftehe“, das im Vorfeld der Debatten oft fiel, anmerkte: „Schon manche Liebesheirat hat mit Scheidung geendet und manche Vernunftehe ist glücklich geworden.“

Von 389 Wahlberechtigten stimmten 243 ab und 91,7 Prozent kreuzten Ja an. Vertraglich vereinbart wurden neben zahlreichen verwaltungstechnischen Angelegenheiten mehrere Projekte wie Ortskanalisation, Ausbau Orts- und Kreisstraße, Friedhof oder ein Sportplatz mit Leichtathletikanlage mit einer Unterstützung von rund 3,2 Millionen Mark. Zehn Jahre später standen an Bau- und Planungskosten bereits 5,2 Millionen Mark. Nach 25 Jahren waren es fast 8,9 Millionen Mark, da weitere Projekte hinzukamen wie die Dorfstube. Aus dem ursprünglichen Trainingsplatz wurde tatsächlich die Mehrzweckhalle.

Wohlwollende Verhandlungen

Als Otto Boll 1984 in Rente ging, betonten beide Seiten die stets wohlwollenden und freundschaftlichen Verhandlungen. Zudem wies er darauf hin, dass zwar viele Millionen nach Ötlingen geflossen seien, sie kamen aber hauptsächlich aus Zuschüssen. Nicht Weil habe die Zeche bezahlt und das Geld sei auch nicht für goldene Türklinken und Kloschüsseln ausgegeben worden. Wichtig war, dass Ötlingen als erste Gemeinde eingegliedert wurde und das noch im Jahr 1971 stattfand, da ansonsten aufgrund eines sehr komplizierten Zahlenwerks des Landes die Geldzuweisungen sehr gering gewesen wären.

Fest zur Eingemeindung im Schulsaal

Gefeiert wurde die Eingemeindung zünftig am 4. Dezember 1971 im Schulhaus. Bürgermeister Albert Rupp übergab den Ortsschlüssel und seine Amtskette an Bürgermeister Otto Boll mit den Worten „Ich wünsche Ihnen, dass diese Amtskette immer leicht zu tragen ist“. Zahlreiche politische Vertreter aus dem Umland und ein großer Teil der Ötlinger Bevölkerung waren vor Ort. Aufgrund so vieler Gäste, wurde der Schulsaal im ersten Stock zusätzlich hergerichtet, wo die Feiernden die Festreden am Fernseher miterleben konnten. Der Gesangverein trat auf und eine kleine Abordnung der Orchestergesellschaft.

Jubiläumsfeiern unter schwierigen Umständen

Wesentlich schwieriger sah es zum „25-Jährigen“ aus. Wie der damalige Ortsvorsteher Werner Linder berichtet, fiel ihm die Festrede schwer. Statt Silberhochzeit zu feiern, wurde gerade im Vorfeld über die Abschaffung des Ortschaftsrats, des Ortsvorstehers und der Ortsverfassung gesprochen. Er hatte seine Rede kurz und bündig auf Alemannisch gehalten. Die ins Archiv eingefügte Übersetzung durch Albert Vögtlin auf Hochdeutsch zeigte sich anschließend wesentlich länger.

Noch schwieriger war in diesem Jahr das 50-jährige. Zeichnete es sich doch seit einiger Zeit ab, dass coronabedingt in Ötlingen die Eingemeindung nicht in einem angemessenen Rahmen mit allen Ötlingern begangen werden kann.

Ortsvorsteher Günther Kessler wollte den Tag jedoch nicht ganz ohne jegliche Erinnerung verstreichen lassen. Daher entschloss er sich, mit seinen Ratskolleginnen und Kollegen am Tag der offiziellen Eingemeindung bei der Jahresabschlusssitzung des Ortschaftsrats das besondere Jubiläum in kleinem Rahmen zu begehen.

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