Weil am Rhein Falsche Zeit und zu kurzfristig

 Foto: Saskia Scherer

Weil am Rhein - In knapp einer Woche, am 10. August, wird die „Pop-up-Fußgängerzone“ zwischen Schiller- und Bühlstraße ins Leben gerufen. Vor etwa zehn Tagen trat Oberbürgermeister Wolfgang Dietz mit einer entsprechenden Idee an die Öffentlichkeit; der Gemeinderat stimmte in seiner Sitzung vergangene Woche mehrheitlich zu.  Wir haben uns bei angrenzenden Geschäften erkundigt, wie sie den geplanten Testlauf bewerten und ob sie sich vorbereiten.

Vor vollendete Tatsachen gestellt sieht sich Siegfried Burkart, Geschäftsführer von Optik Burkart. Dabei stört ihn nicht, dass es einen Testlauf für eine Fußgängerzone gibt, sondern der Zeitpunkt. „Es ist der schlechteste, den man wählen kann“, betont er. Zum einen findet er, dass man den Versuch in eine andere Phase hätte legen können, in der nicht noch zusätzlich mehrere Straßen gesperrt sind. „Außerdem sind wir in den Geschäften gerade dabei, uns nach dem Lockdown neu zu sortieren und haben Aktionen gestartet, auch in die Schweiz hinein.“ Dass die Fußgängerzone in Zeiten der Corona-Pandemie die Möglichkeit bieten soll, mehr Abstand zu halten, halte er für „ein schwaches Argument“.

Riesiges Verkehrschaos erwartet

Schade finde er auch, dass direkt eine komplette Sperrung kommt und nicht nur eine halbseitige. „Ich vermute, dass es ein riesen Verkehrschaos geben wird.“ Und das spreche sich auch herum. „In Weil sind einfach die Voraussetzungen nicht da“, meint er unter anderem mit Blick auf fehlende Parkmöglichkeiten. Es fehle eine vernünftige Verkehrslösung.

Burkarts großes Anliegen lautet nun, sich hinterher zusammenzusetzen. „Jetzt lässt man das eben mal laufen. Aber es ist wichtig, ein Resümee zu ziehen.“ Vorbereitungen für sein Geschäft treffen könne er nicht. „Wir sind froh, dass wir wieder annähernd ein Umsatzlevel wie vor einem Jahr erreicht haben und müssen dringend aufholen.“

Als „absolut dagegen“ positioniert sich Martin Frey, Inhaber von Intersport Gemo . In der Zeit nach dem Lockdown treffe es das Geschäft extrem hart, meint er – „auch im Hinblick auf das Verkehrschaos, das es ringsherum geben wird“. Er sei enttäuscht, dass so viele Gemeinderäte für den Testlauf votiert haben. „Dafür habe ich kein Verständnis.“ Es gelte doch, die Personen einzuschränken, die sich nicht an die Abstandsregeln halten, und nicht diejenigen, die es tun, meint Frey.

Er rechne mit 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz. „Das verzeichnen wir, wenn die Straße gesperrt ist, wie beispielsweise während des Bläserfestivals.“ Es sei auch schade, dass der Testlauf sieben statt nur vier Wochen dauern soll. „Nun müssen wir abwarten. Aber ich hoffe, dass die Stadt den Versuch, falls es nicht funktioniert, relativ schnell beendet.“

"Einführung einer Fußgängerzone in Corona-Situation sehr schlecht"

„Absolut dagegen“ ist auch Juan-Carlos Carignani, Betreiber des Eiscafés Carlo. „In dieser Corona-Situation ist die Einführung einer Fußgängerzone sehr schlecht.“ Im Juni habe er knapp 40 Prozent weniger Umsatz verzeichnet, und der August sei ein sehr wichtiger Monat für ihn. „Wenn ich den verliere, wird es schwierig.“ Er fürchte, dass weniger Kunden kommen. „Die Parkplätze sind zu weit weg.“

Der Zeitpunkt sei nicht der richtige und alles sei zu kurzfristig. „Ich habe auch noch gar keine Information von der Stadt erhalten, wie viel Platz ich zusätzlich zur Verfügung hätte.“ Er plane zwar „vorsichtig“ mit mehr Tischen und mehr Personal. „Ich hoffe ja auf mehr Arbeit, das hoffe ich für alle. Aber ich bin skeptisch.“ In anderen Städten, wo er bereits gearbeitet hat und Fußgängerzonen eingeführt wurden, habe das die Geschäfte hart getroffen. Außerdem sei es nicht sinnvoll, in neues Mobiliar zu investieren, und dann werde der Testlauf möglicherweise nach einer Woche beendet, weil es ein Verkehrschaos gebe. „Ich werde die Lage beobachten und dann entscheiden.“

"Nicht gut, dass die Fußgängerzone so kurzfristig kommt"

Grundsätzlich für alle Versuche offen ist Jürgen Rühle, Inhaber der Drogerie Rühle. „Aber ich finde es nicht gut, dass die Fußgängerzone so kurzfristig kommt. Eine Vorbereitungszeit gehört dazu“, meint er. In Zeiten von Corona könne man ja auch nicht einfach Events planen, die dann mehr Kunden anziehen sollen. „Das wäre kontraproduktiv.“ Rühle wäre für eine „Testphase unter realen Bedingungen“ und nicht auf die Schnelle. „Das ist kein objektiver Test.“

Auch, dass etwa auf der Schillerstraße Baustelle ist, bewertet er kritisch. „Das lässt den Versuch eventuell kollabieren.“ Außerdem seien Alternativparkplätze nötig. Es gelte, zu eruieren, inwieweit während der Testphase der Messeplatz vermehrt genutzt wird, auf dem derzeit massig Parkplätze frei seien.

Seinen Geschäftsbereich könne er nun draußen ausweiten. Rühle hat auch bereits Aktivitäten geplant, etwa mit Außendienstmitarbeitern von Firmen, die dann mit einem Stand präsent sein könnten. „Aber das ist auch schwierig, innerhalb von ein, zwei Wochen zu organisieren.“ Außerdem wolle er nicht zu viel machen, sondern auf die richtige Größenordnung setzen: „Sonst bremsen wir uns selbst aus.“

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