Weil am Rhein Fläche, Form, Linie

Jürgen Scharf
Mit religiösen Themen und dialogischen Figuren beschäftigt sich der Freiburger Zeichner Harald Herrmann. Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Weil am Rhein. „Wenn die Linie die Fläche halten kann, ist die Zeichnung gelungen.“ Der in Freiburg lebende Zeichner und Maler Harald Herrmann setzt die Linien so, dass sie als Gegengewicht die Fläche halten. Dieses Korrespondieren von Fläche, Form, Linie und ganz sparsamer Farbe ist in seinen 34 Arbeiten auf Papier zu sehen, die er in der Städtischen Galerie Stapflehus in Weil am Rhein zeigt.

Damit man die Feinheit der Schraffuren, die diffizilen Grauwerte und die Spuren der Linie genau in Augenschein nehmen kann, hat Herrmann seine Zeichnungen offen, ungerahmt und unverspiegelt gehängt. „Die Arbeiten sollen nicht verblendet werden mit Glas“, sagt der Künstler. Das ist für ihn die direkteste Begegnung mit dem Bild, weil man ganz nah heran kann. Auffällig ist bei diesem Zyklus die Hängung mit Klammern. Das pure Hängen ist für den aus Wolfach stammenden 68-Jährigen die ehrlichste Präsentation von Zeichnung.

Die Schau hat ein religiöses Thema als Motiv. Der Titel „Talita kum“ (Steh auf) bezieht sich auf ein Motiv aus dem Markus-Evangelium. Seit 20 Jahren sind sakrale Themen in Herrmanns Schaffen relevant. Er ist fasziniert von sakralen Räumen und hat einige Kirchen in der Region mit Arbeiten ausgestattet, etwa die Inzlinger Kirche mit Tüchern zum liturgischen Gebrauch; in Zell-Atzenbach hat er die Wände der Kirche direkt bemalt. Die größte Arbeit von ihm findet sich in der Kirche in Rheinfelden-Herten, wo er Fenster, Decke und Tücher gestaltet hat.

Neben diesen Kirchenaufträgen vor Ort und seiner Arbeit in Sakralräumen hat Herrmann 2021 einen großen Zyklus „Legenden der Übertreibung“ über Heilige geschaffen. Es geht ihm darum, die Legenden zu befragen und nicht nachzuerzählen oder zu illustrieren. Genauso geht er in der neuen Serie „Steh auf“ vor, in der er keine Gestalten aus der Jesus-Legende darstellt, sondern fiktive erfundene Figuren.

Es dreht sich nicht um das Mädchen, das von den Toten erweckt wird, vielmehr zeichnet Herrmann weibliche und männliche Figuren, oft Doppelbilder. Sein Thema ist der Mensch. Er klopft die Legenden darauf hin ab, was sie uns heute noch zu sagen haben. Ähnlich wie der Künstler selbst sind auch seine Figuren immer in Bewegung. Über die Blätter läuft der Bewegungsimpuls, eine Motorik über energiebewegte Felder und Flächen in einem spontanen kalligrafischen Impuls.

Ausdrucksvoll ist die Gestik der Arme und Hände. Oft umklammern sich die Doppelfiguren, sind manchmal überblendet, stehen im Spannungsfeld und im Dialog zueinander. In Herrmanns Figuren muss man immer das Dialogische sehen, auch Überlagerungen von Befindlichkeiten. Vieles bleibt rätselhaft, angedeutet und vieldeutig, aber diese Bilder sind eine Schule der Wahrnehmung.

Im Dachgeschoss wird das auffallend expressive Leinwandbild „Hiob“ (2021) kleinformatigen farbigen Zeichnungen mit umrisshaften Figuren gegenübergestellt. Auch hier wieder zeigt sich ein serielles Arbeiten und Springen von einem Blatt zum anderen.  Bis 20. November, Sa 15-18, So und Feiertag 14-18 Uhr

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