Weil am Rhein Gemeinsames Ziel ist deutsch lernen

Geselligkeit und gemeinsames Lernen stehen bei dem wöchentlichen Treff im Mittelpunkt. Foto: Adrian Steineck

Weil am Rhein - Lebhaftes Stimmengewirr und das Klappern von Scheren sind am Dienstagmorgen im Jugendcafé in Alt-Weil zu hören. Immer wieder wird gelacht, zugleich aber auch konzen­triert gearbeitet. „Apfel“, sagt eine der ehrenamtlichen Helferinnen mit deutlicher Betonung der einzelnen Silben, und eine Besucherin spricht es ihr langsam nach.

Dass heitere Geselligkeit und gemeinsames Lernen keine Gegensätze sind, zeigt sich beim wöchentlichen Begegnungscafé für Geflüchtete. Dieses wird als Kooperation der Stadt Weil am Rhein mit dem Willkommenskreis angeboten und hat sich seit vier Jahren als feste Institution etabliert, wie Anu Karjalainen, die städtische Referentin für Flüchtlingsintegration, im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. „Die Altersspanne bei unseren Besuchern reicht buchstäblich vom Neugeborenen bis zum Menschen im Rentenalter“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Deutsch lernen als Ziel

Allen gemeinsam ist das Ziel, Deutsch zu lernen. Das Spektrum der Vorbildung umfasst dabei Besucher, bei denen es um die Alphabetisierung geht, bis zu Teilnehmern, die das Sprachniveau B1 erreicht haben. Das heißt laut dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER), dass sie Gespräche in klarer Standardsprache und mit vertrauten Themen aus dem täglichen Lebensumfeld verstehen und sich auf einfache Weise verständlich machen können. „Ursprünglich haben wir das Begegnungscafé nur für Geflüchtete gegründet, aber mittlerweile kommen ganz allgemein Migranten zu uns“, legt Karjalainen dar.

In fünf Jahren viel getan

Fast auf den Tag genau fünf Jahre ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise ihren oft zitieren Satz „Wir schaffen das“ gesagt hat. Wie hat sich die Flüchtlingsarbeit vor Ort in dieser Zeit verändert? Karjalainen muss nicht lange überlegen. „Zu Beginn meiner Arbeit ging es vor allen Dingen darum, für die Geflüchteten Wohnungen und Unterkünfte zu finden“, denkt sie zurück. Mittlerweile hätten sich bei vielen Geflüchteten, die nach Weil am Rhein gekommen sind, die Lebensverhältnisse stabilisiert. „Die Kinder gehen regelmäßig zur Schule, viele haben Arbeit gefunden.“ Auch seien die bloßen Zahlen der ankommenden Flüchtlinge heute andere als in den Jahren 2016 und 2017, als die Flüchtlingskrise in Europa ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Interesse wach halten

Umgekehrt mache es die Stabilisierung auch schwieriger, die Bedeutung der Flüchtlingsproblematik im Bewusstsein der Menschen wach zu halten, legt Karjalainen dar. „Die Situation vor Ort ist anders geworden, aber das ist auch gut so“, sagt sie. Ereignisse wie jüngst der Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria auf der ägäischen Insel Lesbos, in dem zeitweise bis zu 20 000 Flüchtlinge untergebracht waren, würden aber zeigen, dass die Flüchtlingskrise in Europa weiterhin von großer Aktualität sei.

Themen wie das Flüchtlingslager Moria würden durchaus von den Besuchern angesprochen, die schon besser deutsch können. Auch die persönliche Fluchtgeschichte könne mitunter thematisiert werden. „Aber das Hauptanliegen im Begegnungscafé ist es, gemeinsam die Sprache zu erlernen, und die Besucher sollen sich auch im vertrauten Miteinander etwas entspannen können“, sagt Karjalainen.

Im Gespräch mit den Besuchern, die von vier ehrenamtlichen Helfern betreut werden, zeigt sich, dass dieses Konzept offenbar aufgeht. Die Menschen kommen aus Indien, Afghanistan, Pakistan, dem Irak, Nigeria oder aus Syrien, finden aber – mitunter auch durch die Hilfe anderer Besucher beim Dolmetschen – eine gemeinsame Verständigungsbasis. „Wir haben eine Menge Freunde hier“, sagt eine Frau auf die Frage, warum sie regelmäßig ins Begegnungscafé kommt.

Coronabedingt ist die Teilnehmerzahl derzeit auf 15 Personen beschränkt. Aber als der Treff Mitte März im Zuge der Corona-Zwangspause schließen musste, hätten die Besucher ihn doch vermisst, sagt Karjalainen. Das Begegnungscafé findet dienstags von 9 bis 11.30 Uhr im Jugendcafé, Hinterdorfstraße 39, statt.

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