Weil am Rhein Gezwungenermaßen Grenzgänger

Der Bus hält an der iranisch-afghanischen Grenze. Nervöse und müde Flüchtlinge steigen aus. Foto: Stefanie Glinski

Weil am Rhein/Islam Qala - Als die Türen des gelben Reisebusses, der an der iranisch-afghanischen Grenze hält, aufgehen, kommen die Menschen nur langsam zum Vorschein. Ihre Gesichter sind betrübt, sie sind nervös und müde.

Nasrine, einer dreifachen Mutter, laufen Tränen die Wangen herunter. Nach Europa wollte sie, denn ihrer Familie drohte der Tod. An der türkischen Grenze, die die Familie überqueren zu versuchte, wurde auf sie geschossen. Im Chaos verlor sie ihre drei Kinder und wurde von der Grenzwache festgenommen. Nun ist sie in Afghanistan und eine der 20 000 Menschen, die wöchentlich aus dem Iran nach Afghanistan gebracht werden. Ihnen allen geht es ähnlich. Das Ehepaar Ahmad und Marisa wollte nach Deutschland. Zuvor hatten sie in Afghanistan Wohlstand, doch die täglichen Explosionen und die Unsicherheit zwangen sie dazu, alles zu verkaufen und aus ihrer Heimat zu fliehen. Auch sie haben es nicht geschafft, nur der 20 Wochen alte Säugling ist nun allein in der Türkei, denn beim Überqueren der Grenze wurde die Familie mit Gewalt getrennt. ,,Ich habe ihn noch gestillt", erzählt Marisa, während Ahmad den Reisepass und einen Socken des Babys aus seiner Tasche holt.

Auch aus Deutschland und anderen europäischen Ländern werden Flüchtlinge abgeschoben, diese kommen allerdings mit dem Flugzeug in Afghanistans Hauptstadt Kabul an. Die Situation ist jedoch ähnlich und die Verzweiflung groß.

Sadar, ein 33-jähriger Mann, der bei Aldi gearbeitet hat, gutes Deutsch spricht und eine deutsche Verlobte hat, ist einer derer, die Bundesinnenminister Horst Seehofer abgeschoben hat. Auf seinem Handy zeigt er mir ein Foto von Ute, seiner Verlobten. Zwei Jahre hat er in Deutschland gelebt, es ist sein Zuhause und er möchte zurückkehren.

„In Afghanistan sind wir in Lebensgefahr“

An der Grenze – sei es in Islam Qala oder in Kabul am Flughafen – bekommen viele der Flüchtlinge anfangs Hilfe. Hilfsarbeiter der Internationalen Organisation für Migration stehen hier, zählen die Heimkommenden und bieten denen, die auf der Flucht alles verloren haben, Unterkunft und Unterstützung. Trotzdem ist es nicht einfach. ,,Viele Menschen verfallen in starke Depressionen, denn in Afghanistan sind wir in Lebensgefahr”, erzählt Sadar auf Deutsch.

In Afghanistan gibt es viele Gründe zur Flucht. An erster Stelle steht der Krieg, doch auch gibt es eine schlimme Dürre, die mehr als 1,3 Millionen Menschen betrifft, die ihre komplette Ernte verloren haben. Die westliche Region des Landes ist vollkommen trocken. Braune Berge strecken sich zum Horizont, es gibt fast keinen grünen Fleck. Die siebenjährige Khatema wurde aufgrund der Dürre in die Ehe verkauft. Ihre Eltern haben alles verloren, können sich nicht einmal eine Mahlzeit leisten. ,,Wir haben einen hohen Brautpreis für Khatema bekommen und werden mit dem Geld den Winter überleben können”, erzählt die Mutter des Mädchens, die ihren Namen nicht veröffentlichen möchte. Über eine Flucht hat die Familie nachgedacht, doch dafür gibt es kein Geld. ,,Selbst wenn wir uns etwas leihen könnten, wissen wir nicht, ob wir die Reise schaffen würden”, fügt sie hinzu.

Thema Flucht liegt gar nicht so fern

Wenn ich solche Berichte höre, frage ich mich oft, was ich machen würde, wenn in meiner Heimat Krieg ausbrechen würde.

Während meiner Besuche in Deutschland sehe ich nun immer mehr Flüchtlinge – auch viele aus Afghanistan. Ich sehe vieler Menschen Bereitschaft, sie kennenzulernen und Freundschaften mit ihnen aufzubauen, manchmal aber auch eine Angst vor dem Unbekannten.

Dabei liegt das Thema gar nicht so fern. Mein Vater, der während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, verbrachte die ersten Jahre seines Lebens oft in Bunkern und überlebte so die Bomben in Nordrhein-Westfalen. Meine Großeltern und meine Mutter, die aus Ostdeutschland stammten, flohen nach West-Berlin. Erst nach Jahren als Flüchtlinge – und wiederholter Diskriminierung aufgrund dessen – wurde ihnen vom deutschen Staat ein Wohnort, eine permanente Wohnung – und ein neues Leben – zugeteilt. Die neue Heimat? Weil am Rhein.

Zur Person: Stefanie Glinski

Die aus Weil am Rhein stammende Auslandskorrespondentin Stefanie Glinski, die auch freie Mitarbeiterin unserer Zeitung ist, war schon in vielen Krisengebieten der Welt und hat hautnah darüber berichtet. Allein die Stationen ihres Weges als Journalistin verraten, dass die junge Frau schon eine Menge erlebt hat. Nach dem Abitur in Weil am Rhein – hier war sie auch als freie Mitarbeiterin unserer Zeitung tätig – studierte Glinski Medien-Kommunikation in Chicago und Internationalen Journalismus in London.

Danach hat sie in Wort und Bild aus dem Libanon und Sri Lanka berichtet, in Tansania als Englisch-Lehrerin gearbeitet, als Onlinerin für das ZDF und als freie Autorin für BBC, „Stern“ und „Spiegel“ gearbeitet. Sie reist fast um die ganze Welt, um über den Einsatz von Hilfsorganisationen zu berichten.

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