Weil am Rhein Handzettel zu Corona hält Überprüfung nicht stand

Der vierseitige Corona-Flyer Foto: Adrian Steineck

Weil am Rhein -  Einen Handzettel zum Thema Corona hatten etliche Anwohner des Messeplatzes in ihrem Briefkasten. In dem Flyer, der keinen Hinweis auf seinen Urheber enthält, wird einerseits die tatsächliche Bedrohung durch das Virus heruntergespielt, zum anderen werden die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen wie etwa die Maskenpflicht in Frage gestellt.

Mediziner nimmt Stellung

Auch Marten Trendelenburg hat den Flyer im Briefkasten gefunden. Er ist stellvertretender Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Unispital Basel (USB) und will das, was in dem Handzettel als Wahrheit dargestellt wird, so nicht stehenlassen. „Der Flyer wirkt auf den ersten Blick seriös, aber was darin behauptet wird, hält einer Überprüfung nicht stand“, sagt der Mediziner auf Nachfrage unserer Zeitung.

Zunächst stimmen laut Trendelenburg die Zahlen nicht, die unter der Fragestellung „Ist Covid-19 gefährlicher als Influenza?“ ohne Angabe von Quellen zitiert werden. So wird behauptet, die Letalität, also die Tödlichkeit einer Erkrankung, liege bei Covid-19 bei 0,2 Prozent, ebenso wie bei der Influenza. „Da wird für das Coronavirus offenbar eine Dunkelziffer hineingerechnet, bei der Influenza hingegen nicht. Letztlich bleibt unklar, wie die Angaben zustande kommen“, macht Trendelenburg deutlich.

Bei deutschlandweit bisher über 200 000 nachgewiesenen Infektionen mit dem Coronavirus und den bisherigen Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19 sei laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) vielmehr von einem Fall-Verstorbenen-Anteil von vier Prozent auszugehen.

Flyer ein „wüstes Durcheinander“

Es gehe Trendelenburg nicht so sehr darum, jedes einzelne Argument des Flyers zu widerlegen, den er in seiner Gesamtheit als „wüstes Durcheinander“ bezeichnet und hauptsächlich kritisiert, dass unklar bleibt, wo die genannten Zahlen herkommen. Vielmehr wolle er die Menschen, die den Flyer vielleicht ebenfalls im Briefkasten haben und möglicherweise dadurch verunsichert würden, vor Falschinformationen warnen.

Keine Angaben zu Herkunft der Informationen

„Corona ist für die meisten von uns ein abstraktes Thema“, macht er deutlich. Sofern man in seinem Verwandten- oder Bekanntenkreis niemanden mit einer Covid-19-Erkrankung habe, sei das Virus vermeintlich weit weg. „Aber für mich als Wissenschaftler sind zwei Regeln besonders wichtig. Erstens: Wo kommt eine Information her? Zweitens: Wie kommen bestimmte Zahlen zustande?“, legt Trendelenburg dar. Es könne sich jeder anhand der Faktenlage seine eigene Meinung bilden, aber Informationen, egal ob im Internet oder auf Handzetteln, sollten niemals einfach nur konsumiert, sondern stets nach diesen zwei Grundregeln kritisch hinterfragt werden.

Nahe am Thema dran

Trendelenburg sieht es als Glücksfall an, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bisher relativ glimpflich durch die Corona-Krise gekommen ist. „Das liegt auch an den ergriffenen Maßnahmen wie etwa der Maskenpflicht und dem Abstand halten“, sagt der Mediziner. Als stellvertretender Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am USB sei er nahe an dem Thema Covid-19 dran und habe mit Patienten zu tun, die an der Lungenkrankheit leiden.

Die Stoßrichtung des in Weil am Rhein verteilten Flyers, das Virus herunterzuspielen, sei also grundsätzlich ungut. Aber er gehe davon aus, dass viele Menschen das auch einschätzen könnten und dem Handzettel kaum weitere Beachtung schenken würden.

Der Flyer ist auch mit einem QR-Code versehen. Wer diesen abfotografiert, wird auf die Internetseite von „Swiss Policy Research“ verwiesen. Laut einem Faktencheck des Bayrischen Rundfunks bildet diese Plattform Verschwörungstheorien ab. Sie werde immer wieder in Diskussionen um die Gefährlichkeit des Coronavirus zitiert, sei aber unwissenschaftlich und nicht seriös.

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