Weil am Rhein „Ich wollte mich nicht so fremd fühlen in Deutschland“

Weiler Zeitung, 10.08.2018 10:12 Uhr

Von Marco Fraune

Weil am Rhein. Einen Sonderpreis für herausragende Leistungen hat Any Issa bei der Abschlussfeier in der Realschule Dreiländereck bereits erhalten. Ihre Erfolgsgeschichte will die 17-Jährige aber fortschreiben, die erst vor zweieinhalb Jahren von Syrien nach Deutschland geflüchtet ist. Das Studium der Zahnmedizin nimmt die Neu-Weilerin dabei fest in den Blick. Auch ihre Familie hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden.

Die Schlagzeilen werden aktuell dominiert davon, wie die deutschen Grenzen dicht gemacht und Flüchtlinge abgeschoben werden können. Davon unbeirrt geht die junge Armenierin, die in Syrien geboren und aufgewachsen ist, ihren Weg. „In der Schule werde ich als Mitschülerin gesehen und nicht als Flüchtling“, erzählt die 17-Jährige in ausgezeichnetem Deutsch. „Kein Mensch flüchtet ohne Grund“, betont sie zugleich.

Beim Gespräch mit unserer Zeitung schildert der neben ihr sitzende Bruder, der 24-jährige Sarkis, die Situation in der alten Heimat im Nordosten Syriens. „Schlechte Leute entführen die Kinder und erpressen Lösegeld.“ Das habe seinen Vater auch dazu veranlasst, den Weg nach Deutschland mit seiner Frau und den drei Töchtern zu gehen, wo sein Sohn schon seit 2013 dank eines Visums lebte, Fuß fasste und nun Chemie in Berlin studiert. „Ich will mein Leben nicht durch Raketen oder Granaten verlieren“, stand für ihn fest.

Für Any Issa, ihre Eltern und die beiden Geschwister führte der Weg zuerst nach Achern, dann über Asylunterkünfte in Todtnau und Schwörstadt nach Weil, wo sie seit zwei Jahren leben. Von Beginn an war der Familie klar, dass die Sprache wichtig ist. „Dann lernt man die Leute kennen und integriert sich in die Gesellschaft“, sagt Any Issa. Nach fünf Monaten benötigte sie keinen Übersetzer mehr, nach einem Jahr verstand sie alles. „Ich habe immer gekämpft und wollte mich nicht so fremd fühlen.“ Auch Gertrud Wittek, die Leiterin der Realschule, wo die 17-Jährige nun einen Abschluss mit 2,4 erreichte, war beeindruckt – und empfahl der Leiterin der Mathilde-Planck-Schule in Lörrach, Any auf dem biotechnologischen Gymnasium aufzunehmen. Weil ist aber der Lebensmittelpunkt geworden. „Wenn ich nach Lörrach fahre, vermisse ich Weil schon“, erklärt die junge Frau mit funkelnden Augen.

In den Ferien will sie sich bei dem Arbeitgeber ihrer Mutter erst einmal Geld verdienen, während ihre 23-jährige Schwester Maria schon bei der Volksbank eine Lehre absolviert und für die 16-jährige Schwester Lisa zuerst der Realschulabschluss ansteht. Für die Familie ist Weil die neue Heimat geworden.

 
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