Weil am Rhein Inspiriert von der Textilgeschichte

Von Jürgen Scharf

Weil am Rhein. Dass die 20-jährige Regionale in Weil nicht nur eine gelungene Ausstellung ist, sondern sich auch auf die Stadt- und Textilgeschichte bezieht, sieht der Besucher gleich, wenn er das Stapflehus betritt: An einem langen Ast als Kleiderstange hängen 20 eingefärbte T-Shirts – ein versteckter Hinweis auf das Jubiläum. Aufgedruckt sind die Koordinaten der Pflanzenfundorte im Dreiländereck: eine Hommage des Baslers Leonardo Bürgi an die 20 Jahre alte trinationale Kunstausstellung sowie an das Museum Weiler Textilgeschichte, das sein 25-Jähriges feiert.

Das Thema „Dress Code“ wurde von Kurator Martin Hartung ausgewählt, eine textile Anregung als Link zum Museum für Textilgeschichte. Textilien sind im Alltag vertraut, wir haben alle welche an, aber in Verbindung mit Kunstwerken muss man zweimal hinschauen. Der Dress Code-Titel ist ein Verweis darauf, was die von Hartung aus 650 Dossiers ausgesuchten 16 Kunstschaffenden aus dem Material machen.

Patrick Luetzelschwab, Weiler Kesselhaus-Künstler, geht in seinem installativen Beitrag „Zeitfaden“ auf die textile Industriegeschichte der Stadt ein. Eine historische Schwarzweiß-Fotografie der 1944 zerstörten Schwarzenbach-Weberei in den Shedhallen von Friedlingen – der Ort, wo heute das Kesselhaus steht und die Künstler in über 20 Ateliers arbeiten – hat Luetzel­schwab auf Seide gedruckt. Davor steht eine alte Kreuzspulmaschine mit Spindel, von der aus der sprichwörtliche rote Faden ins Bild führt. Das Garn wird also weiter gewickelt von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Historisches Material, Seidenstoffe aus den 1930er Jahren, aus dem Archiv der Schwarzenbach-Textilfirma verwendet Sebastian Winkler für seine poetischen Objekte. Mit Gewebtem und Gesticktem beschäftigt sich auch die Lörracher Künstlerin Astrid J. Eichin. Seit Jahren sammelt sie Stickbilder auf Flohmärkten. Aber sie dreht die Rahmen um, präsentiert die Rückseite der für die Ewigkeit gestickten Motive wie Madonna, Hauskonzert, Jagdszenen oder weinendes Kind, wodurch die Bilder abstrakt wirken und eine neue Sprache bekommen.

Als Gemeinschaftswerk mit Flüchtlingen aus Afghanistan, Albanien, Palästina und Syrien hat Eichin einen Mantel aus Leinenstoff mit aufgestickten Augenpaaren geschaffen – sehr archaisch. Auch hängen Kopfbedeckungen von der Decke herab, unter die man schlüpfen darf.

Die große Installation von Aline Stalder mit umwickelten, ja, bandagierten Gegenständen, Schuhsohlen, Flaschen, Pistole, Hammer, Zange, die wie Knochenfunde oder mumifizierte Wesen aussehen, hat die Anmutung einer archäologischen Arbeit.

Ungewöhnliches zum Thema Textilien steuert die in Weil am Rhein lebende Künstlerin und Designerin Katrin Niedermeier bei: ein Video und dreidimensionale Objektbilder mit Rüschen und Volants, Kleidungselemente, die auf Motive aus ihrer Videoarbeit eingehen.

Das sind nur einige ins Auge fallende Werkbeispiele aus dieser Jubiläums-Regionale mit Kunst aus der Grenzregion an 19 Orten und über 180 Künstlern. Das Stapflehus ist von Anfang an dabei, war 1999 die erste Galerie auf badischer Seite, die mitgemacht hat, worauf man stolz sein kann. Später beteiligte sich der Kunstverein, der immer stärkeres Gewicht bei der Gestaltung und Programmierung bekommt.

Nach Ansicht von Kulturamtsleiter Tonio Paßlick hat die Regionale eine spannende Entwicklung in der Kunstszene hingelegt und ist nun „ziemlich volljährig“ geworden. Zur Ausstellung erscheint erstmals eine umfangreiche Begleitbroschüre.  Neben den regulären Öffnungszeiten Sa 15-18 und So 14-18 ist auch Fr 16-20 Uhr geöffnet. Kuratorenführung im Rahmen der Bustour So, 8. Dezember, 10 Uhr.

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