Weil am Rhein „Jede Krise gebiert neue Ideen“

Eines von 21 Konzerten: Die „Sugar Foot Stompers“ spielten am Kesselhaus. Foto: Weiler Zeitung

Weil am Rhein - Kultur in Corona-Zeiten: Das Kulturamt hat in den zurückliegenden Wochen den Bürgern eine breite Palette an musikalischen Darbietungen geliefert. Der Weiler Kultursommer 2020 ist am Sonntagabend zu Ende gegangen.

21 Konzerte gab es im Rahmen des Kultursommers. Ob der scheidende Kulturamtsleiter Tonio Paßlick zufrieden ist und wohin der Weg noch führen könnte, schildert er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Wir hatten überwiegend großes Wetterglück, die Musiker waren glücklich über die Auftrittsmöglichkeiten, die Veranstaltungen meist ausgebucht und die Besucher spürbar zufrieden mit dem Live-Erlebnis, dazu noch in ungewohntem atmosphärisch sehr schönen Rahmen: was will man mehr?

Beim Kieswerk-Open-Air spielt auch das Wetter immer eine Hauptrolle. Wie oft haben Sie während des Kultursommers auf die Prognosen geblickt?

Täglich. Vor allem dann, als die Vorhersagen feuchtes Wetter angekündigt hatten. Aber sowohl die Gastwirtschaften als auch die Musiker sind sehr flexibel damit umgegangen.

Die „Face2Face“-Konzerte waren sicher ein Höhepunkt des Nach-Shutdown-Kulturkalenders. Wenig Besucher, viele positive Rückmeldungen – ist das weiterhin der aktuelle Maßstab für die Konzerte und Kulturangebote?

Ein typisches Beispiel, wie kreativ die Kultur im allgemeinen mit solchen Situationen umgehen kann. Ich habe ähnliche Modelle beobachtet, die in vielen Ländern zu sehr intensiven Erlebnissen geführt haben. Jede Krise gebiert neue Ideen – insofern können wir uns sicher auch manche Erfahrungen in „normalen“ Veranstaltungssituationen vorstellen, solange das wirtschaftlich darstellbar ist.

Das Kulturamt befand sich in der zurückliegenden Zeit auch in Kurzarbeit. Da dürften solche Angeboten nochmals mit einer größeren Kraftanstrengung verbunden sein.

Durchaus. Aber im Juli war es auch eine Trotzreaktion – ein Sommer ohne Kultur war für mich nicht hinnehmbar. Umso glücklicher war ich am Ende, dass die äußeren Bedingungen und vor allem die Partner so gut mitgespielt haben. Seit einer Woche sind übrigens wieder alle im Amt aus der Kurzarbeit zurück.

Worauf können sich die nach Kultur Dürstenden denn in diesem Herbst und Winter noch freuen?

Die Infektionszahlen ziehen wieder an, auch sonst bieten unsere Räume keine Möglichkeiten für große Veranstaltungen. Aber wir haben ein wunderbares Konzert mit dem englischen A-Capella Trio We3 am 23. Oktober, den Kabarettisten Lars Reichow am 4. Dezember, Multivisionsvorträge und Diskussionen zur Zeit im Haus der Volksbildung, Kindertheater, Weiler Erzähler im Kesselhaus und ab Dezember auch Theaterinszenierungen im Kesselhaus, bei denen wir uns an die beschränkten Besucherzahlen anpassen. Die Orchestergesellschaft plant Konzerte im November, bereits im Oktober läuft der von uns unterstützte Regio-Orgelkonzertzyklus – es läuft immer noch einiges...

Ist überhaupt noch genug Geld in der Kasse, damit Konzerte auf die Beine gestellt werden können?

Ich bin sehr dankbar dafür, dass die riesigen Einnahme-Löcher der öffentlichen Verwaltungen nicht zu einem Lockdown der Kultur führen. Wir sind gehalten, sehr maßvoll mit unseren Mitteln umzugehen und tun dies auch.

Wie wirkt sich denn aktuell die Corona-Krise auf Gagen und Sponsoring aus?

Wir haben die Bedingungen des Kultursommers in gegenseitiger Solidarität verhandelt. Die Musiker wissen um die klamme finanzielle Lage und wir würdigen umgekehrt ihre Leistungen und die Ausstrahlung der Musik und Kunst, die gerade in Krisen-Zeiten so wichtig sind. Es wurden geringere Gagen akzeptiert und wir haben umgekehrt Auftritte ermöglicht.

Sie selbst arbeiten aktuell Ihren Nachfolger Peter Spörrer ein, dem Sie schon Ihren Telefonanschluss übergeben haben. Bedauern Sie Herrn Spörrer, dass er mitten in der Corona-Krise denkbar schwierige Startbedingungen hat?

Bedauern wäre das falsche Wort. Kultur-Verantwortliche kennen den Umgang mit Herausforderungen – als solche sehe ich auch die aktuellen Einschränkungen, die kreative Lösungen erforderlich machen. Ich wünsche ihm, dass er trotzdem mit einem hinreichenden Budget und motivierten MitarbeiterInnen arbeiten kann. Aber es sind schon extrem schwere Rahmenbedingungen, weil ein Kulturamtsleiter ja längst nicht nur Veranstaltungen organisiert, sondern für viele organisatorische, rechtliche und institutionelle Probleme Lösungen suchen und unterschiedliche Positionen moderieren muss. So wie ich ihn kennengelernt habe, geht er aber mit Lust und hochmotiviert an diese Aufgaben.

Und wie fühlt es sich für Sie an, sich nach so langer Zeit als Kulturamtsleiter gerade auf der Zielgeraden zu befinden?

Natürlich ist mir die Arbeit, sind mir vor allem die Menschen und die Erlebnisse in 34 Jahren ans Herz gewachsen. Also mischt sich in den beginnenden Abschied auch Wehmut. Aber ich freue mich schon sehr auf den neuen Lebensabschnitt, auf viel mehr Zeit mit meiner Frau und Familie für Unternehmungen, für die bislang zu wenig Zeit war. Meine Arbeit für die Ambulante Hospizgruppe Dreiländereck und für den Kreistag erfordert jetzt schon einiges an Zeit. Wie sagte Hesse: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten....“ Und außerdem wird es Spaß machen, all das künftig nur noch zu genießen, was Stadt und Region kulturell ausmachen...

Ach ja: Klar, dass sich unserer Zeitung noch einmal gesondert mit Ihnen über die zurückliegenden dreieinhalb Jahrzehnte unterhalten wird, in denen Sie das Kulturleben der Stadt Weil am Rhein geprägt haben.

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