Weil am Rhein Krabbelduell um Mitternacht

Saskia Scherer

Aktuell häufen sich Berichte über die Kräuseljagdspinne – auch Nosferatu-Spinne genannt. Diese Bezeichnung findet der Weiler Siegfried Hartmeyer furchtbar. Er hat bereits im Jahr 2008 ein Exemplar in seinem Gewächshaus entdeckt. Seitdem wurden es immer mehr, hat er beobachtet. Kürzlich wurde er Zeuge eines besonderen „Duells“ um Mitternacht.

Von Saskia Scherer

Weil am Rhein. Eigentlich beschäftigen sich Siegfried Hartmeyer und seine Frau Irmgard vor allem mit fleischfressenden Pflanzen. „Ich interessiere mich aber auch für das, was im Gewächshaus herumläuft“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Und im Haus“, ergänzt er. Innerhalb von zwei Tagen hat der Weiler dort kürzlich fünf Kräuseljagdspinnen gesichtet. „Es wird kühler, dann kommen sie rein.“ Ansonsten sehe man sie nachts ab 22/23 Uhr an Hauswänden lauernd.

Die Spinnen im Haus beförderte Siegfried Hartmeyer dann in einer Plastikschale nach draußen. Man sollte die Tiere nicht anfassen, denn sie können beißen. Als der Weiler vor 14 Jahren die erste Kräuseljagdspinne entdeckte, habe diese ihm auch direkt gedroht. „Sie hat vier Beine gehoben und ihre Fänge gezeigt, wie eine Vogelspinne. Ich war total verblüfft und wusste sofort, das ist keine Hauswinkelspinne.“ Er machte sich kundig und fand heraus, dass bereits in Bayern die Kräuseljagdspinne eingewandert war.

Tiere können beißen

Noch ein Unterschied zur Hauswinkelspinne: „Diese bleibt in der Plastikbox auf dem Boden sitzen, wenn man diese leicht schüttelt. Bei der Kräuseljagdspinne können Sie schütteln, wie Sie wollen.“ Das Tier kann sich an den glatten Wänden trotzdem halten und wartet oben an der Öffnung. „Und sie sind schnell“, weiß Irmgard Hartmeyer. Bei ihrem Mann entdeckte sie einmal ein Exemplar auf der Kochschürze, das sofort an ihm hochgelaufen sei. „Zum Glück ist mir das nicht passiert“, lacht Irmgard Hartmeyer.

Die vor Ankunft der Kräuseljagdsipnne hier sehr häufige Hauswinkelspinne sei seither fast völlig verschwunden, hat Siegfried Hartmeyer beobachtet. „Das fiel kaum auf, da sie sich auf den ersten Blick ähneln. Sie wurden wohl zur Beute der deutlich aktiveren Jagdspinne.“ Der Klimawandel sorge dafür, dass invasive Arten Nischen besetzen. „Die Hauswinkelspinne ist nicht so clever.“ Das Wetter sei hier in der Region für die Kräuseljagdspinne, die aus dem Mittelmeerraum stammt, ideal.

Und sie ist nicht der einzige „Einwanderer“: „Wohl schon mit dem Weinanbau der Römer kamen auch mediterrane Hundertfüßer, sogenannte Spinnenläufer, nach Süddeutschland“, weiß Siegfried Hartmeyer. Diese fänden sich nicht selten auch in den Häusern. Eine Begegnung dieser beiden „heftigen Räuber“ konnte er gegen Mitternacht über der Haustür beobachten: Ein Spinnenläufer hatte einen großen Nachtfalter erbeutet. An diesem Platz lauerte sonst jedoch seit Wochen eine Kräuseljagdspinne. „Diesmal hielt sie aber einen Meter Sicherheitsabstand zu ihrem Stammplatz und ließ ihn gewähren.“ Der Spinnenläufer lauert sonst an der Fassade des Nachbarhauses, so Hartmeyers Beobachtung. „Interessantes Duell“, meint er. Der Hundertfüßer fresse alles bis zu seiner Größe, was er überwältigen kann, erklärt der Naturfreund.

Beobachtungen im Garten

„Unser Garten ist absichtlich freundlich für Insekten gestaltet“, sagt Irmgard Hartmeyer. „Dann findet man auch mal Außergewöhnliches“, ergänzt ihr Mann. Wie zum Beispiel den „Russischen Bär“, ein Falter, der aussieht wie eine Spinne. Oder eine große Grabwespe, die aus Afrika stammt. In Kenia haben sie das Tier erstmals gefilmt, einige Jahre später tauchte es bei ihnen auf. Und mittlerweile fühlt sich dort eben auch die Kräuseljagdspinne wohl.

Weil am Rhein (sas). Alles begann mit einem Buch über fleischfressende Pflanzen. Das schenkte Irmgard Hartmeyer ihrem Mann Siegfried im Jahr 1977. Heute gelten die beiden seit vielen Jahren als international anerkannte Experten auf dem Gebiet. Im selben Jahr kaufte Siegfried Hartmeyer einem Bekannten eine Kamera ab. Und so ergaben sich gleich zwei neue Hobbys, die sich sogar kombinieren ließen – die „Fleischis“, wie die Weiler die Pflanzen liebevoll nennen, und das Filmen.

Und diese haben das Ehepaar in viele ferne Länder geführt. Sie erforschten unter anderem tropische Mutualismen – ein Form der Symbiose, bei der Symbiont und Wirt miteinander leben, da sie voneinander profitieren. So kam es auch, dass sie zehn Jahre lang eine Pflanze, die Wanzen beherbergt, neben der Couch stehen hatten. „Das war immer lustig, wenn Besuch da war“, meint Irmgard Hartmeyer. Einmal in den zehn Jahre wurde ihr Mann gestochen – weil die Tierchen Hunger hatten. In Australien entdeckten sie eine unbekannte Sonnentauart, die dann nach ihnen benannt wurde: Drosera hartmeyerorum.

2009 richtete Siegfried Hartmeyer einen eigenen Youtube-Kanal ein. „Ich dachte mir damals: Man kann kostenlos Videos auf einen Server laden, wie cool ist das denn.“ Denn das Video-Archiv belegt unheimlich viel Speicherplatz. Mittlerweile hat er dort 157 Videos hochgeladen und insgesamt zwei Millionen Klicks verbucht. „Und das ohne Katzenvideos“, schmunzelt seine Frau. Klickhit ist dafür ein Clip, in dem eine fleischfressende Pflanze eine Maus vertilgt. Mehr als 3200 Menschen haben den Kanal abonniert.

Ihr ungewöhnliches Hobby hat auch anderweitig Aufmerksamkeit erregt. Bereits viermal wurden die Hartmeyers als Experten zur Regio-Messe eingeladen. Der Kontakt ergab sich übrigens, weil Irmgard Hartmeyer unbedingt dort eine Bratpfanne kaufen wollte. Ihr Mann ist zudem schon in der Fernsehsendung TV Total zu sehen gewesen.

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