Weil am Rhein Menschen und Kulturen verstehen

Es mussten noch Stühle geschleppt werden, um den Andrang am Donnerstag zu bewältigen, als Kulturamtsleiter Tonio Paßlick im Museum am Lindenplatz im Rahmenprogramm der Ausstellung „Weil Welt Weit“ einen Vortrag über die Geschichte der Städtepartnerschaften von Weil am Rhein hielt.

Weil am Rhein. Diesen garnierte er mit vielen spontan eingeflochtenen Anekdoten.

Hüningen

Noch vor dem Elysee-Vertrag, den Adenauer und de Gaulle 1963 im Sinne der Völkerverständigung unterschrieben hatten, war am 20. Mai 1962 die Städtepartnerschaft von Maire Josef Bonnet aus Hüningen und Bürgermeister Wilhelm Schellenberg aus Weil besiegelt worden. Paßlick freute sich, dass aus Hüningen auch der Kultur-Beigeordnete Christian Keiflin anwesend war.

Der Referent schilderte anschaulich auch die besondere Beziehung der Nachbarn seit 1871, indem er auf die vielen Wechselbeziehungen der beiden Gemeinden einging: etwa, dass Schüler aus Friedlingen in das zum Deutschen Reich gehörende Hüningen bis zum Bau der Friedlinger Grundschule morgens über den Rhein Schulen im Elsass erreichen mussten und umgekehrt Gas von Hüningen aus nach Friedlingen gepumpt wurde. Die Friedlinger Textilindustrie konnte in dieser Zeit vor allem dank elsässisch-deutscher Investoren aus dem Elsass aufblühen. Es bedurfte einer Initiative des Hüninger Gemeinderats aus dem Jahr 1954, die vom Weiler Bürgermeister Peter Hartmann sofort aufgegriffen wurde, um mit den Nachbarn über den Bau einer Brücke zu sprechen. Ein Vorhaben, das dann 25 Jahre später mit der Palmrainbrücke verwirklicht werden konnte.

Paßlick ließ auch die Bürgermeister aus Hüningen und Weil Revue passieren, beleuchtete den Umstand, dass ausgerechnet der von den Nazis eingesetzte Wilhelm Schellenberg nach der Wiederwahl 1957 derjenige war, der die Städtepartnerschaft verwirklichte.

Bognor Regis

Als dann 1984 Peter Willmann Nachfolger von Otto Boll als Oberbürgermeister wurde, entstand bei den internationalen Beziehungen eine neue Dynamik. Willmann wollte eine englische Partnerstadt und ließ zunächst den damaligen Stadtjugendpfleger Peter Blaschguda mit seiner englischen Frau mögliche Kandidaten sondieren. Paßlick erinnerte sich dann an seine eigenen Verhandlungen mit dem Städtepartnerverein in Bognor Regis vor Ort, da das Seebad für Weil geeignet schien. Der Vorsitzende Patrick Hastings klärte über die Bedingungen auf: Weil sollte einen Verein gründen als Partner, die Kommunen übernehmen die repräsentativen formalen Aufgaben.

Fast schwindlig wurde den Zuhörern bei der Geschwindigkeit, mit der die vielen gegenseitigen Besuche innerhalb von wenigen Monaten zur Vereinsgründung im Februar 1987 und zu den beiden Verschwisterungsfeiern im September 1987 und Juni 1988 führten. 1988 wurde der jährliche Rhythmus der gegenseitigen Besuche eingeführt.

Trebbin

Erstaunt war das Publikum, dass die Geschichte der innerdeutschen Partnerschaft mit Trebbin schon eine fast 40-jährige Vergangenheit hatte. Mit dem Beschluss der evangelischen Kirche, den Schwestergemeinden in der DDR strukturell und persönlich zu helfen, ging 1951 auch die Aufgabenverteilung einher, dass sich die Badische Landeskirche um die Kirchengemeinden in Brandenburg kümmern solle. Das wurde heruntergebrochen bis zur Basis und dem Aufbau der Beziehungen der Friedens- und Johannesgemeinde zur Marienkirche in Trebbin und der Haltinger und Ötlinger Pfarreien zu Thyrow.

Paßlick schilderte eindrücklich die persönlichen Schwierigkeiten, mit denen diese Kontakte unauffällig und wirkungsvoll zugleich erfolgen sollten. Er nannte Namen von den Pfarrern bis hin zu Persönlichkeiten wie Werner Hagenbach, der seit 1984 regelmäßig Gruppenfahrten nach Trebbin unternahm. Und er beschrieb den Mut einzelner Persönlichkeiten aus Trebbin wie Pfarrer Matthias Fiedler oder Bürgermeister Peter Blohm, die sich schon vor der Wende für die Partnerschaft mit Weil eingesetzt hatten.

Die Bedeutung

Immer wieder wurden Themen eingeflochten, die menschliche Schicksale hinter den offiziellen Begegnungen beleuchteten und das Hauptmotiv der Städtepartnerschaft verständlich werden ließen, nämlich Frieden zu schaffen und zu erhalten durch den menschlichen Austausch und gegenseitiges Verständnis. Völkerverständigung sei das Thema der ersten Jahrzehnte gewesen. „Heute sind Städtepartnerschaften aber genauso wichtig in Zeiten der Populisten und virtuellen Nachrichten“, bekräftigte Paßlick. Nur die eigene Anschauung ermögliche ein besseres Verständnis für andere Menschen und Kulturen.

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