Weil am Rhein Mit großer Zukunftsangst

Am Rebberg in Ötlingen zeigte Max Hagin gestern, wie schlecht sich die Pflanzen ohne Einsatz von Mittel (links) entwickeln. Fotos: Marco Fraune Foto: Weiler Zeitung

Mit 30 Jahren hat Max Hagin seine berufliche Zukunft als Landwirt in Haltingen noch vor sich, ebenso wie sein 19-jähriger Bruder Peter. Doch bei der ganzen Haltinger Familie geht ebenso wie bei vielen weiteren Landwirten in Baden-Württemberg die Angst um. Es besteht die Furcht, dass die Initiative „Rettet die Bienen“ ihnen einen kräftigen Stich verpasst, der das Aus bedeuten könnte. Lähmungserscheinungen bei der Investitionsfreude gibt es bereits jetzt.

Von Marco Fraune

Weil am Rhein-Haltingen. Fünf wenig ansehnliche Jonagold-Äpfel hält Max Hagin in seinen Händen. Im Schutzgebiet am Tüllinger Berg hingen sie an Streuobstbäumen, die witterungsbedingt und aufgrund der Hanglage nicht mit Pflanzenschutzmitteln gespritzt werden konnten. „Die Äpfel kauft niemand“, weiß der Haltinger Landwirt. Statt 80 Millimeter groß sind sie wesentlich kleiner, weisen Schorf auf und nun höchstens noch als Mostobst zu verkaufen. Für sortierte, in Kisten gepackte und besser gewachsene Äpfel gibt es als Tafelobst bis zu 60 Cent pro Kilogramm, im aktuellen minderwertigen Zustand als Mostobst nur weniger als zehn Cent. Hagin: „Ohne Pflanzenschutz sind Missernten programmiert.“

Doch diese seien genau die Folge, sollte das aktuelle Volksbegehren in ein Gesetz und damit in Vorgaben münden (siehe Info-Kasten), befürchtet der 30-jährige Haltinger. Denn seine Flächen befinden sich zum großen Teil am Tüllinger Berg, ein Natur- und Vogelschutzgebiet. „Es wäre der ganze Tüllinger betroffen und nicht mehr zu bewirtschaften, auch Wein gäbe es hier nicht mehr und Arbeitsplätze bei der Egro gingen verloren“, sorgt sich Mutter Andrea Hagin. Für Weil am Rhein verweist ihr Sohn auf die Weingüter Schneider und Röschard sowie auf mehrere Vollerwerbslandwirte, denen das Auskommen fehlen würde.

Traurige Trauben

Als Beleg dafür führt Hagin unsere Zeitung nach Ötlingen. Am Rebberg befinden sich in bester Lage einige Reihen Pflanzen, wo die Trauben kaum ausgeprägt und das Blattwerk welk bis nicht existent ist – sie wurden nicht gespritzt. „Landwirtschaft wie vor 100 Jahren funktioniert nicht mehr“, weiß Hagin. Er würde gerne ohne Pflanzenschutz auskommen, versichert der Haltinger, weil er die Natur liebt und schätzt sowie die Arbeit zudem kostengünstiger wäre. „Wir machen das aber, weil es zwingend ist.“ Und wenn die Gesellschaft eine heimische Produktion wünsche, dürfe über das Volksbegehren den Landwirten nicht die Erwerbsgrundlage genommen werden. Ansonsten gebe es nur noch Produkte aus anderen Ländern, wo häufig nicht so auf die Pflanzenschutzbestimmungen geachtet werde. Schließlich sei die Produktion in Deutschland austauschbar. „Äpfel gibt es über Nacht auch aus Chile.“

Strahlende Äpfel

Dass der Einsatz dieser Mittel bei seinem Betrieb Platz für Natur lässt, beschreibt der 30-Jährige an einer gerodeten Fläche am Tüllinger, wo nun Boskop-, Elstar- und Gala-Apfelbäume wachsen, die intensiv mit Pflanzenschutz versehen wurden. „Es blüht immer etwas“, zeigt er auf Spitzwegerich, Löwenzahn, Klee und Ackerdistel. Honigbienen und Falter gebe es hier auch reichlich. Einige nicht gerodete tote Kirschbäume dienen zudem als Lebensraum für weitere Tiere.

Pflanzenschutz und Umweltschutz könnten auch nebeneinander funktionieren, sagt der Landwirt. „Das ist fachlich nicht haltbar.“ Eine pauschale Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln um 50 Prozent sorge nur für Resistenzen und Ausfälle.

Ein Damoklesschwert

Die Familie Hagin und weitere Weiler Landwirte sorgen sich nun: „Wir haben große Angst vor dem Volksentscheid, da der nicht auf dem Land, sondern von den vielen in der Stadt lebenden Bürgern entschieden wird.“ Weil die Initiative somit wie ein Damoklesschwert über den Landwirten schwebt, üben diese sich nun landauf und landab in Investitionszurückhaltung, weiß Hagin. Er selbst hält es ähnlich. Eigentlich hat er bereits eine Fläche am Tüllinger im Blick, die überwuchert. Doch er weiß aktuell nicht, wie es weitergeht und ob es überhaupt noch weitergeht.

Ob sein Bruder nach abgeschlossener Ausbildung mit der Fachrichtung Obstbau am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augstenberg in Karlsruhe später in den heimischen Betrieb einsteigen kann, sei damit auch ungewiss. Eine Gesamtfläche von 24 bis 25 Hektar bewirtschaftet die Familie Hagin, die seit Generationen als Landwirte tätig ist – aktuell zur Hälfte im Obstanbau, zur anderen Hälfte mit Ackerbau, Weinbau und Kürbisanbau. Daher appelliert Hagin zu mehr Zutrauen der Bevölkerung in die Expertise der Landwirte. „Wir haben ein gutes Verständnis für die Natur.“ Er wünsche sich, dass die Landwirte weiterhin die modernen Hilfsmittel einsetzen dürfen. Denn sein größter Traum sei, den Hof später einmal auch seinen Kindern übergeben zu können.

Sie möchten alle Nachrichten aus Ihrer Gemeinde lesen?
Dann testen Sie unser ePaper – 3 Wochen völlig gratis und unverbindlich! Klicken Sie HIER.

  • Bewertung
    5

Newsticker

blank

Umfrage

Schulstreik in Hamburg

Mit dem Beginn des Schuljahrs werden die Klimaproteste fortgeführt. Für Freitag hat die Fridays-For-Future-Bewegung in 115 Ländern wieder zum Schulstreik aufgerufen. Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading