Weil am Rhein „Mitten im Leben“ am Ortseingang

Marco Fraune
An der Römerstraße soll das Projekt „Mitten im Leben“ einen besonderen Akzent setzen – auf verschiedene Art und Weise. Foto: Saskia Scherer

Weil am Rhein - Zwischen Vitra-Campus und der neuen Heizzentrale soll der Ortseingang von Weil am Rhein eine Aufwertung in vielerlei Hinsicht erfahren: Ein medizinisches Zentrum ist an der Römerstraße ebenso geplant wie Wohnungen für Menschen mit Behinderungen, freier und geförderter Wohnraum – und das alles in architektonisch besonders ansprechender Form. Das Ansinnen „Mitten im Leben“, bei dem das Hertener St. Josefshaus mit im Boot ist, hat im Gemeinderat am Dienstagabend deutliche Konturen erhalten. Mit der Fertigstellung wird in drei bis fünf Jahren gerechnet wird.

"Müssen architektonische Qualität bieten“

Als ersten Schritt hat die Politik die Verwaltung einstimmig beauftragt, mit der Gesellschaft „Saumur Liegenschaften“ einen Optionskaufvertrag für das rund 6000 Quadratmeter große Grundstück an der Römerstraße vorzubereiten, der aber noch vom Gemeinderat abgesegnet werden muss. Gleichzeitig soll die Verwaltung die Mehrfachbeauftragung begleiten. Die verschiedenen Gebäude sollen zwei bis fünf Geschosse die in die Höhe ragen können. Es geht darum, die architektonisch und inhaltlich beste Lösung zu finden. „Wir müssen architektonische Qualität bieten“, weiß Investor Friedrich Hoepfner um die Lage neben der Vitra und am Ortseingang.

Die Nutzung ist damit bereits definiert, eine Reservierung des Grundstücks gilt angesichts des Gemeinderats-Votums fast als Formsache. Es folgen der architektonische Wettbewerb, ein Betreiberkonzept, die Planung und Projektleistung sowie das Bauen selbst, das etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen soll. 

Was haben die Investoren genau geplant?

Ziel ist, nicht nur Wohngruppen für Menschen mit Behinderung an der Römerstraße entstehen zu lassen, sondern auch dass die ärztliche Versorgung für diese Menschen gleichzeitig mit angeboten wird. Die Planung sieht vor, dass von den insgesamt 12000 Quadratmetern knapp die Hälfte (48 Prozent) für den freien Wohnungsbau bestimmt ist. Daraus wollen die Investoren auch das Geld schöpfen, was an anderer Stelle weniger verdient wird. So ist zu 22 Prozent geförderter Wohnungsbau geplant und zu acht Prozent das Wohnen für Menschen mit Behinderung. Damit ergibt sich der gewünschte Anteil von 30 Prozent geförderter Wohnraum. Auf 2588 Quadratmeter (22 Prozent) beziffern die Investoren die Fläche für ein Ärztehaus/Medizinisches Versorgungszentrum, das nicht nur den 1200 Menschen aus der Region mit multiplen Behinderungen zu Gute kommen soll.

Welche medizinische Versorgung ist vorgesehen?

Es geht darum, ein medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) zu errichten. Grundsätzlich sei es schwierig, Ärzte zu finden, die sich mit den speziellen Bedürfnissen der Behinderten auskennen und sich diesen widmen. Profitieren soll neben den Bewohnern und Kräften des St. Josefshauses auch die allgemeine Bevölkerung, wie die Investoren im Gemeinderat unterstrichen. Die Tendenz gehe dabei ganz eindeutig hin zu MVZs, wo Ärzte angestellt sind – in Baden-Württemberg waren es 2007 nur 582, nunmehr schon 2903 angestellte Ärzte, führte Mit-Investor Rudolf Hammerschmidt eine Statistik an.

Der Ansatz, den er mit seinem Mitstreiter verfolgt: Das St. Josefshaus gründet ein medizinisches Zentrum für erwachsene Behinderte und betreibt dieses, wie es südlich von Freiburg bislang noch kein aktives gebe, nur sechs in ganz Baden-Württemberg. Als Fachärzte ins Auge gefasst sind dabei: Psychiater/Neurologen und Orthopäden. Ärztliche Kooperationen könnten bestehen im Bereich Gynäkologie, Urologie und Zahnmedizin. Weitere Kooperationen seien möglich bei Psychologie, Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie. Die Zulassung erfolge über die Kassenärztliche Vereinigung Freiburg (KV), die Vergütung über die Krankenkassen.

Für die Ärzte sei es interessant, dass einerseits Kassen- und Privatpatienten kommen können, andererseits auch über Fallpauschalen die Menschen mit Behinderung verarztet werden – also zwei wirtschaftliche Standbeine. Die ärztliche Versorgung werde verbessert, ebenso wie die Behindertengerechtigkeit.

„Weil am Rhein ist ein hochattraktiver Standort für Ärzte, die Nachfrage ist groß“, glaubt Hammerschmidt, der schon eigene Analysen erstellt hat. Nur beim Wohnraum pro Kopf stehe Weil nicht gut da, anders als beim Einkommen, dem Kaufkraftindex oder auch der geringen Arbeitslosenquote.

Wie wird der Gebäudekomplex?

Um die „anspruchsvolle Lage“ und die „Gestaltungschance“ wissen die Investoren. Mit einer Machbarkeitsstudie ist das international renommierte Frankfurter Architekturbüro Schneider und Schumacher bereits beauftragt worden. Diese ergab ein positives Ergebnis. Somit kann der Wettbewerb starten, die Suche nach der besten Lösung für den Standort also.

Die Machbarkeitsstudie zeigt auf, dass nicht ein großer Gebäudekörper an der Römerstraße architektonisch sinnvoll erscheint, was „zu wuchtig und brutal“ aussehe. Vielmehr werden fünf Gebäude aktuell vorgeschlagen. „Das wird toll aussehen“, ist Hoepfner überzeugt. Der Wettbewerb soll die beste Lösung aufzeigen. Ein integriertes Energiekonzept samt Strom-Community und Nahwärme als zwei von mehreren intelligenten Lösungen sind schon angedacht. Insgesamt geht es um eine Geschossfläche von 12 000 Quadratmetern. Als „Knackpunkte“ listete Hoepfner die Nutzungen, Stellplätze, Grundstücks-Kaufpreis, die Vorabinvestitionen von Saumur sowie die Sozialbindung auf. Das Wettbewerbsergebnis dient dann als Grundlage für den Bebauungsplan.

Was sind die nächsten Schritte?

Wichtig erscheint den Investoren eine gute Planungsgrundlage. Ein unabhängiger Projektsteuerer soll eingesetzt werden, die Durchführung durch einen oder mehrere Generalunternehmer erfolgen. Auch eine externe Qualitätskontrolle soll erfolgen. Der Zeitplan sieht nun vor, dass ein notarieller Vertrag über die Kaufoption abgeschlossen wird. 13 Wochen Zeit wird für die Verpflichtung des Preisgerichts, die Bündelung der Unterlagen und die Aufgabenstellung zur Mehrfachbeauftragung eingerechnet. Die Architekturbüros haben dann etwa zwölf Wochen Zeit für die Bearbeitung. Eine Vorprüfung und die Auswertung durch das Preisgericht könnten vier Wochen dauern.

Insgesamt werden für den Wettbewerb 30 Wochen eingeplant. Für das verkürzte Verfahren beim Bebauungsplan gehen die Investoren von einem Jahr aus, teilweise zeitgleich geht es neun Monate lang um die Architektur. Drei Monate erfordere die Baugenehmigung, glauben die Geldgeber. Die Werkplanung und Vergabe könne sechs Monate dauern, die Bauzeit zwei Jahre. Unterm Strich wird mit drei bis fünf Jahren für den Bau gerechnet.

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