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Weil am Rhein Mütter gehen neue Wege

Marco Fraune
Es gibt immer weniger freiberuflich tätige Hebammen in der Region. Junge Mütter informieren sich daher anderswo. Foto: sba

Versorgung: Nur 50 Prozent der Familien mit Hebamme. Internet als Ratgeber.

Weil am Rhein - Nur jede zweite junge Familie hat eine Hebamme. Angesichts von zwei Vollzeit- und zwei Teilzeit-Kräften in Weil am Rhein suchen einige Frauen schon gar nicht mehr, weiß die Hebamme Rita Lechner. Soziale Medien und allgemein das Internet spielen zugleich eine immer größere Rolle.

Groß war der Aufschrei in der jüngeren Vergangenheit angesichts der rückläufigen Zahl der freiberuflich tätigen Hebammen im Landkreis Lörrach. Sogar eine Demonstration vor dem Landratsamt gab es vor vier Jahren. Personell sieht die Versorgungslage weiter ähnlich schlecht aus, nur ist der Protest aus unterschiedlichen Gründen mittlerweile kaum noch zu vernehmen.

Die Situation ein Jahr außer Dienst angeschaut hat sich die Weiler Hebamme Rita Lechner bis Herbst vergangenen Jahres. Sie wirkt nun im Gespräch mit unserer Zeitung ein Stück weit gelassener, ein „Aha-Erlebnis“ ist ein Grund dafür. Früher an der Seite der vor einem Jahr verstorbenen Mitgründerin des mittlerweile geschlossenen Lörracher Geburtshauses, Katja Tammik, aktiv, erkennt die 49-jährige Lechner einen Wandel.

Nach wie vor würden nur etwa 50 Prozent der Familien eine Hebamme finden, doch es gebe neue Betreuungsangebote, auf die zurückgegriffen wird, zum Beispiel über das Telefon oder das Internet. Zum Beispiel gibt es die Onlineplattform „Kinderheldin“, bei der via Live-Chat oder telefonisch mit Hebammen, Therapeuten oder Ärztinnen gesprochen werden kann. Eine Krankenkasse wirbt damit, die Beratungskosten für ihre Versicherten zu übernehmen. Rückversicherungen über soziale Medien und Infos über das Internet nehmen zu, bemerkt Lechner. „Für die Jüngeren ist es normaler, die gehen neue Wege.“ So seien die heute 25-Jährigen damit aufgewachsen.

Internet und Telefon als Alternativen

Einige klassische Hebammenangebote würden dabei unter den Tisch fallen, doch auch Lechner sieht in den Online- und Hotline-Angeboten eine Option angesichts der sinkenden Zahl von freiberuflich tätigen Hebammen in der Vor- und Nachsorge. Zudem gebe es noch Möglichkeiten über die Klinik, den Kinderarzt oder auch den Frauenarzt, sich Rat zu holen.

In Weil am Rhein sind schließlich nur noch Rita Lechner und Claudia Voitl in Vollzeit als He-bammen im Einsatz. Hinzu kommen noch Susanne Schwarzmann als Teilzeitkraft sowie Martina Frietsch, die sehr wenige Stunden freiberuflich als Hebamme tätig ist. „Damit ist Weil nicht schlecht bedient“, kennt Lechner andere Gebiete im Landkreis, wo es noch weniger Hebammen gibt, wie punktuell um Grenzach-Wyhlen sowie ab Schopfheim in Richtung Oberes Wiesental. Auf der Landkreis-Liste befinden sich zwar 37 freiberufliche Hebammen, davon aber zehn, die nur sehr wenig machen, ein Dutzend, die Vollzeit tätig sind, die übrigen liegen dazwischen. Angesichts von 2200 Geburten im St. Elisabethen-Krankenhaus pro Jahr und etwa 100 Frauen, die eine Vollzeit-He-bamme betreuen kann, die zusätzlich noch Kurse gibt, zeigt sich der Mangel in konkreten Zahlen. Zum Zug kämen die gut informierten Frauen, die sich frühzeitig um eine Hebamme kümmern. Ansonsten müssten schon über die Caritas und die Diakonie die Kontakte hergestellt werden.

Der Unmut über den Hebammen-Mangel artikuliere sich mitterweile über andere Kanäle als mit einer Demo vor dem Landratsamt. „Der Unmut hat sich institutionalisiert, über Verbände.“ Hinzu komme, dass es wichtige Akteure wie Tammik oder das vor 20 Jahren eröffnete Geburtshaus nicht mehr gibt. Auch einen „Gewöhnungsfaktor“ bemerkt die Weiler Hebamme. „Man hat sich damit arrangiert.“

Die jungen Hebammen selbst seien anders sozialisiert. Das Niveau der Ausbildung steige. Diese Fachkräfte würden mit der Fachhochschul- und Uni-Ausbildung weniger für die Nachsorge auf dem Land zu gewinnen sein als vielmehr als Spezialisten im Kleinkind- und Forschungsbereich agieren. „Das ist die mittelfristige Zukunft der Hebammen.“ Momentan befinde man sich in einer Übergangsphase. Die künftigen Betreuungsarten würden wohl weniger persönlich. Eine ambulante Versorgung könnte laut Lechner beispielsweise am Zentralklinikum angesiedelt sein.

25 Jahre nach ihrem Examen hegt Rita Lechner keinen Groll ob der neuen Situation. „Es ist, wie es ist“, meint sie. „Und mir macht es noch Spaß. Es ist eine schöne und befriedigende Arbeit.“

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