Weil am Rhein Naturgewalt mit großem Einfluss

Weil am Rhein-Märkt - Kaum etwas hat das Leben der Märkter über Jahrhunderte hinweg so stark bestimmt, wie der Rhein. Entsprechend großen Einfluss hatten deshalb die dramatischen Veränderungen der Flusslandschaft am Oberrhein in den vergangenen 170 Jahren. So wie der einst wilde, fischreiche Strom erwies sich auch dessen Bändigung und industrielle Nutzung als Segen und Fluch.

Peter Birmanns bekanntes Gemälde, das den Rhein vom Isteiner Klotz flussaufwärts in Richtung Basel zeigt, mag ein Gefühl dafür geben, wie die ursprüngliche Flusslandschaft ausgesehen hat: Als breit aufgefächerter Gewässerlauf umfloss der Rhein eine Vielzahl von mit Büschen und Bäumen bestandene Inseln, die „Griene“. Zusammen mit Kies- und Sandbänken trennten sie die Wasserläufe, die Giessen, wurden bei Hochwasser überflutet, mitunter weggeschwemmt, während sich an anderer Stelle neue Sandbänke und Inseln bildeten, so wie sich auch der Hauptlauf des Rheins jedes Mal ein anderes Bett suchte.

Wasser zerstört Land

Was das idyllische Bild nicht zeigt: Das Hochwasser überflutete nicht nur Buschwerk, sondern zerstörte auch Felder, Wiesen und Weiden auf den größeren Inseln, riss auch an Land ganze Ernten mit. Sieben Altarme durchflossen einst die auf nur 260 Metern über dem Meer liegende Märkter Gemarkung. Man kann sich unschwer vorstellen, was die Wucht des Wassers anrichten konnte: Von verheerenden Zerstörungen berichten die Chroniken: im 14. und 16. Jahrhundert, aber auch später. Auch im frühen 19. Jahrhundert gab es mehrere Hochwasser 1813, 1824 und 1852, als der Pegel bei Hüningen von zweieinhalb auf acht Meter stieg.

Untätig blieben die Flussanrainer nicht. Sie bauten Dämme, leiteten die heftige Strömung mittels Körben ab, die sie mit Steinen füllten und in das tiefe Wasser abließen, die sogenannten Senkwürste. Flussbauarbeiten – oft auch im Frondienst – gehörten zu den Winterarbeiten auch der Märkter. Von Dauer waren die Bemühungen allerdings nicht, und das umgeleitete Wasser führte oft zu Grenzstreitigkeiten.

Flussbett begradigen

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts reiften Pläne für eine grenzüberschreitende Maßnahme entlang des gesamten Rheins. Es war die Stunde des badischen Wasserbauingenieurs Johann Gottfried Tulla (1770 bis 1828) und seiner „Rektifikation des Rheins“ mittels Durchstichen zwischen den Flussschlingen. Das Ziel: Hochwasserschutz durch ein begradigtes, dauerhaftes Flussbett und Landgewinnung durch das Trockenlegen der von Wasser beherrschten Flächen.

1817 starteten die Maßnahmen nördlich von Karlsruhe – mit Erfolg. 1841 erreichten die Flussbauarbeiten die Strecke Straßburg–Basel und erwiesen sich als deutlich schwieriger. Weil einfache Durchstiche bei den vielen Rheinarmen nicht halfen. Weil der Hauptfluss, der auch die Landesgrenze definierte, nach jedem Hochwasser einen neuen Talweg nahm. Die Flussbauer, die nach Tullas Tod das Projekt weiterführten, machten schließlich einen optimalen Talweg aus, ließen im Fluss und an den Ufern Kopfbefestigungen – der spätere Uferdamm – und Querriegel bauen und lenkten die Hauptwassermassen so, dass sie sich selbst ihr künftiges, dauerhaftes Hauptbett gruben.

Flussbau = Schwerstarbeit

Es war Schwerstarbeit: Die Steine mussten aus dem Schwarzwald geholt werden, zudem Millionen von Kubikmetern Sand und Geröll. Zu den Altwassern hin hielten die Flussbauer die Dämme teilweise unter Hochwasserniveau, so dass sie allmählich mit Kies und Schlamm vollliefen und zu brauchbarem Land wurden.

Für die Märkter und andere Flussanrainer brachte die Rheinbegradigung, die 1876 vollbracht war, einen erheblichen Zuwachs an nutzbarem Land. Allerdings verlor die Landschaft nicht nur ihren ursprünglichen Charakter, sondern es ging auch der Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten verloren. Der Rhein, in ein 200 Meter breites festes Korsett gezwungen, floss schneller dahin, als je zuvor und grub sich immer tiefer ein. Um sechs bis acht Meter senkte sich der Grundwasserspiegel. Den Fischen fehlten Rückzugs- und Laichgewässer, weil die Altgewässer trocken fielen. Die Fischerei, von der fast jede Märkter Familie gelebt hatte, erlitt erhebliche Einbußen.

Das völlige Ende der Berufsfischerei allerdings setzte erst rund 50 Jahre später der Bau des Märkter Stauwehrs und des Rheinseitenkanals. Die Idee, die Wasserkraft des Rheins zu nutzen, hatte der elsässische Ingenieur René Koechlin. 1902 stellte er das Projekt eines Kraftwerks an einem Rheinseitenkanal vor, gründete 1910 eine Gesellschaft für den Kraftwerksbau. Aber die Konzessionsverhandlungen mit den Regierungen verliefen im Sand.

Pläne für Kraftwerk

Als Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag das alleinige Ausbaurecht für den Rhein im Grenzgebiet erhielt, nahm Koechlin die Verhandlungen wieder auf. Vorgesehen war nun ein Rheinseitenkanal zwischen Basel und Straßburg mit acht Staustufen, Kraftwerken und Schleusen. 1922 wurden die Pläne genehmigt, 1924 auf einen Aufstau bis zur Birs-Mündung in Basel erweitert.

Das Kraftwerk Kembs mit sechs Turbinen, Schiffsschleuse und dem Stauwehr bei Märkt ging 1932 in Betrieb. Es war im Besitz der Enérgie Eléctrique du Rhin mit Sitz in Mulhouse, und wurde erst nach der Verstaatlichung 1946 Teil der Electricité de France (EdF).

Das Märkter Stauwehr wurde im Zweiten Weltkrieg 1944 stark zerstört, was auch eine Unterbrechung der Schifffahrt bedeutete. Sie konnte erst 1946 wieder durchgängig von Basel nach Rotterdam aufgenommen werden.

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