Weil am Rhein Neue, wichtige Erfahrung gemacht

Weiler Zeitung, 07.10.2014 00:39 Uhr

Weil am Rhein (dz). Einen etwas anderen Unterricht erlebten Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 des Oberrhein-Gymnasiums am gestrigen Nachmittag. Dabei machten sie auch eine neue Erfahrung, nämlich einmal in einem Rollstuhl zu sitzen und selbst zu erleben, was es bedeutet, sich auf Rädern statt auf den eigenen Beinen fortbewegen zu müssen. Zu Gast waren an diesem Nachmittag drei Rollstuhlfahrer von den Rollifreunden Weil am Rhein, die mit den Gymnasiasten über das Leben mit und im Rollstuhl sprachen und zur Anschauung auch gleich zehn Rollstühle mitgebracht hatten, um den jungen Menschen einmal das Gefühl zu geben, was es bedeutet, „an den Rollstuhl gefesselt“ zu sein. Die drei Rollifahrer hatten daher nicht nur graue Theorie dabei, sondern sie übten mit den „Fußgängern“, wie Rollfahrer ihre gehenden Mitmenschen gerne mal titulieren, wie man sich richtig mit einem Rollstuhl bewegt. Diese besondere Unterrichtsstunde fand als Auftaktveranstaltung im Rahmen des Sozialpraktikums statt, das am Oberrhein-Gymnasium angeboten wird. Wie Lehrerin Melanie Lieber betonte, handelt es sich dabei um ein Projekt, das jungen Menschen Einblicke in die Arbeit mit und am Menschen geben sollte, und es sollte nicht als Berufspraktikum gesehen werden. Mitorganisiert wurde die Aktion von Sozialarbeiter Chris Boeswetter. Die drei Rollifahrer, Uwe Reimann, Bernhard Gerdes und Marcel Langensieper, verstanden es fast spielerisch, die vorhandene Scheu und Schwellenangst abzubauen. Mit einem Augenzwinkern machten sie deutlich, dass das Leben im Rollstuhl durchaus seine schönen Seiten haben kann. Sie erzählten kurz aus ihrem Leben und wie sie in den Rollstuhl kamen. Dabei muss es nicht immer der Unfall, wie bei Marcel Langensieper, sein, der das Leben von einem Augenblick zum andern grundlegend verändert. Es kann, wie im Fall von Uwe Raimann, eine ganz banale Darmgrippe sein, mit dramatischen Folgen für die Spinalnerven, so dass auch er heute total auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Rollifahrer erzählten nüchtern von ihrem Schicksal, ganz ohne Selbstmitleid, wie sie ihr anderes Leben führen. „Rollifahrer sind auch Menschen“, sagte Bernhard Gerdes, und Marcel Langensieper meistert sein Leben „mit links“ , wie er sagte. Denn auch sein rechter Arm ist nahezu bewegungsunfähig. Das hindert ihn jedoch nicht daran, Sport zu treiben. Überhaupt, so die Aussage der drei, man komme überall hin, man müsse es nur sagen. Das war mit eine der wichtigsten Botschaften dieses Nachmittags, nämlich den Kontakt und das Gespräch suchen. Reimann fragte: „Wollen wir uns überhaupt helfen lassen"“ Postwendend antwortete Langensieper: „Ja, wir lassen uns gerne helfen, aber: Wir lassen uns nicht gerne aus dem Rollstuhl werfen“. Nur wenn man miteinander spreche, kann man auch richtig helfen. Damit das Ganze nicht nur Theorie blieb, gab es eine Reihe praktischer Übungen. Schon allein das Zusammenlegen einen Rollstuhles stellte eine große Hürde dar. Selbstverständliche Dinge wie Türen öffnen werden auf einmal zu einem Problem Als es im Schulhof dann über einen kleinen Parcours ging, wurde den Schülerinnen und Schülern schnell bewusst, dass so selbstverständliche Dinge wie eine Tür zu öffnen oder über eine Schwelle oder einen Bordstein zu fahren, fast zu einer unüberwindbaren Angelegenheit werden kann. Denn ohne die richtige Technik läuft gar nichts. Wie Uwe Reimann sagte, würden gerade hohe Bordsteinkanten oder schwere Türen mit Rückholfedern auch für Betagte mit Rollatoren oder junge Mütter mit Kinderwagen schnell zu schwierig zu überwindenden Hindernissen. Auch wenn die Kinder den Rollstuhlparcours weitgehend als Plausch ansahen, setzte sich doch die Erkenntnis durch, dass die Welt aus der Sicht eines Rollifahrers die eine oder andere Schwierigkeit bereithält, die der „Fußgänger“ gar nicht beachtet. Lara Koller sagte beispielsweise: „Es war eine tolle Erfahrung. Ich sitze ja nicht im Rollstuhl, und daher war es für uns auch etwas lustig, das mal auszuprobieren. Aber es war auch wichtig, die andere Sicht, nämlich die des Rollstuhlfahrers, zu bekommen. Denn für die ist es ganz und gar nicht lustig, sich mit dem Rollstuhl durch die Welt zu bewegen.“ Thomas Koller war von der „neuen Erfahrung beeindruckt, denn es ist ganz schön schwierig, sich mit so einem Gefährt zu bewegen“, sagte er und fügte hinzu: „Diese Stunde hat mir gezeigt, dass ich künftig schon mehr auf Menschen mit Behinderungen achten werde.“

Fotostrecke 2 Fotos