Weil am Rhein Orgelkunst nach Altmeister-Art

Weiler Zeitung, 05.06.2018 04:50 Uhr

Von Walter Bronner

Weil am Rhein. Dem norddeutschen Orgelstil der Vor-Bach-Zeit wird mitunter gefühlsarme Motorik nachgesagt. Dass er andererseits aber genauso lebendig und spannend empfunden werden kann, ist letztlich eine Frage der Interpretation.

Das jüngste Konzert der Reihe „Orgelmusik zum Samstagabend“ in der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Weil am Rhein mit der vorzüglichen Schweizer Musikerin Annette Unternährer-Gfeller war als überzeugendes Beispiel dergestalt fesselnder Wiedergabe zu erleben. Dabei demonstrierte die Konzertgeberin eingangs ihre Kompetenz in Sachen barocker Tonkunst norddeutscher Prägung mit einer Eigenkomposition altmeisterlichen Zuschnitts.

Locker artikuliert

Wäre da nicht ihr Name vor der Toccata über den uralten Choral „Veni creator spiritus“ (Komm, Schöpfer Geist) vermerkt gewesen, hätte man das achtteilige Variationenwerk ohne Bedenken dem legendären Lübecker Meister Dietrich Buxtehude zugeordnet. Aber auch dessen anschließend gespielte fünfteilige Partita über das Kirchenlied „Auf meinen lieben Gott“ zelebrierte sie mit allen Schikanen stilkonformer Dramaturgie in Tempo- und Registerwechseln. Zudem erweitert durch eigene Zutaten in Form von Doubles (Variationen mit verdoppelten Notenwerten) hinter den Originalsätzen Courante, Sarabande und Gigue. Das alles mit locker artikulierenden Händen und auch im Pedal höchst anspruchsvollen Phrasierungen, zugleich mit wachem Sinn für die barocke Theatralik des hanseatischen Großmeisters.

Eine Generation vor diesem hatte Heinrich Scheidemann das kirchenmusikalische Geschehen Hamburgs geprägt. Ihm erwies Unternährer-Gfeller gebührende Reverenz mit dem schlichten Orgelchoral „Verbum caro factum est“ (Das Wort ist Fleisch geworden) auf Grundlage einer Motette seines Nürnberger Zeitgenossen Hans Leo Hassler sowie einer im hohen Zungenregister dargebotenen filigranen Canzona in F.

Durch die Wahl vorwiegend zarter Register gewann des Weiteren Johann Sebastian Bachs zweite Choralbearbeitung von „Komm, Heiliger Geist“ (BWV 652) aus der „Leipziger Originalhandschrift“ eine Deutung von eindringlicher meditativer Wirkung. Und den virtuosen finalen Akzent setzte die famose Interpretin mit Bachs „Praeludium et Fuga“ G-Dur (BWV 541), dessen technisch makellose, in Form, Tempo und Registrierung klug disponierte Wiedergabe durch Frische und vitale motorische Dynamik restlos begeisterte.

Die stattliche Hörergemeinde quittierte das alles mit anhaltend kräftigem Applaus.