Weil am Rhein Plakative Gesten mit weißen Lilien

Mit Jazzbeiträgen warteten die Musiker bei „Motion4“ auf. Foto: Willi Vogl Foto: Weiler Zeitung

Von Willi Vogl

Weil am Rhein. „Frei von roten Fäden“ und dem bisweilen zwanghaften Gespinst von Festivallosungen agierten auch dieses Jahr die beiden Festivalmacher Volker Scheurer und Ania Dziezewska bei „Motion4“, ihrem diesjährigen „New Avantgarde Festival“, beim Kunstraum Kieswerk im Dreiländergarten.

Parallel zu den musikalischen und getanzten Beiträgen international tätiger Kollegen und Freunde präsentieren sie darüber hinaus zusammen mit Reiner Packeisen noch bis zum 10. August im Dreiländergarten Malerei Skulpturen, Objekte und Installationen.

Das Ende des Spektakels am Eröffnungsabend: Ein nackter Wilder mit grüner Perücke und batteriebetriebener roter Mundleuchte zertrümmert mit einer Eisenstange einen Fernseher. Gleichsam wie ein menschenfressender „Morlock“, dem Film „The Time Machine“ nach H.G. Wells entstiegen, könnte Leon Krzystof Dzienmaszkiewiczs bonbonfarbig inszenierter Wilder für ein triebhaftes Verhalten unter dem Plastikanzug oberflächlicher Bürgerlichkeit stehen.

Weitere Zutaten bei seinem Pingpongspiel zwischen archaischer Brutalität und dem symbolistischen Aufzeigen von Zivilisation sind ein manisch anmutendes Waschungsritual, Trash-Musik mit Einsprengseln von urwäldlichen Stammesgesängen oder plakative Gesten mit weißen Lilien. Wenngleich man das Thema der Performance als gewichtig auffassen kann, führte weder der große Materialaufwand Dzienmaszkiewiczs noch seine etwas alltäglichen spannungsarmen Bewegungsabläufe oder die krachende Präsentation zum tieferen Nachdenken.

Mit Jazzbeiträgen warteten George Ricci (Baritonsaxophon, Klarinette), Dominik Schürmann (Kontrabass) und Sabrina Tschachtli (Gesang) auf. Spontan gesellte sich Schlagzeuger Samuel Dühsler zur Jamsession des Trios. Die Instrumentalisten agierten gewohnt routiniert und brachten einen durchgehend sentimentalen Groove auf die Bühne. Wenngleich das Zusammenspiel nicht alle Wünsche an Präzision erfüllte, überzeugten die Einzelleistungen: Ricci mit lasziv  winselndem bis knackig röhrendem Saxophon, Dühsler unorthodox ohne Bassdrum, aber mit fantasievollen rhythmischen Mustern und Dominik Schürmann mit agil bewegten Bassfiguren. Die Kombination mit der rockfokussierten Stimme von Tschachtli hingegen erwies sich als unglücklich. Ihr Gesang zwischen kurzatmigen Vokalisen und rauchigem Sprechen konnte nicht als gleichwertiger Ersatz für die ansonsten übliche modulationsreiche Gestaltung in diesem Metier durchgehen.

Die „Zigarette danach“ wurde bei Anna Steller zur Zigarette während der Performance. Steller ließ sich dabei durch ein Theaterstück der radikalen englischen Dramatikerin Sarah Kane anregen. Der Körper der Tänzerin erzählt die Geschichte einer zerbrochenen Liebe zwischen schüttelfrostiger Meditation und zwanghafter Verzerrung. Der fein ausbalancierte Strom der Aria aus Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen lieferte als Dauerschleife den Part der idealen Harmonie, vor dessen Hintergrund sich Stellers Bewegungen umso deutlicher als Schmerz, Trauer und Wut  wahrnehmen ließen. Ihre uneitle Konzentration auf feine wie derbe Ausdrucksmomente und präzise Körperbeherrschung erzeugten starke Momente.

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