Weil am Rhein Populärer Politiker mit Bodenhaftung

Weil am Rhein-Haltingen - Verwaltungsrichter, Bürgermeister, Rechtsanwalt, Landtagsabgeordneter, Justizminister: Rainer Stickelberger, der mit Ablauf dieses Monats in den Ruhestand geht und sich nach 20 Jahren aus der Landespolitik zurückzieht, kann auf ein bewegtes und erfülltes (Berufs)Leben blicken. Am heutigen Dienstag feiert der Haltinger, ein populärer SPD-Politiker mit Herz und Leidenschaft, seinen 70. Geburtstag.

Dem Abschied aus der Politik sieht Rainer Stickelberger gelassen entgegen. Nach vielen aufreibenden Jahren im „rauer und härter gewordenen Politbetrieb“ in Stuttgart freut sich der Mann mit Bodenhaftung auf ein ruhigeres Leben nach der Politik. „Man muss loslassen können“, sagt der in Haltingen aufgewachsene und lebende profilierte Politiker und ehemalige Justizminister.

Doch bei aller Gelassenheit und Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt kommt auch Wehmut auf. Dass der vitale Siebziger künftig viele Weggefährten aus dem Landtag, der Verwaltung und dem parlamentarischen Beratergremium nicht mehr sehen wird und zahlreiche persönliche Kontakte aus dem großen Netz an Verbindungen, die über die eigene Partei hinausreichen, weniger werden, schmerzt ihn schon. Nicht fehlen wird ihm dagegen, wie er sagt, „der Glamour der großen Politbühne“.

„Peter Willmann mein politischer Lehrmeister“

Rainer Stickelberger, ein Mann der Mitte, bezeichnet den früheren Weiler Oberbürgermeister Peter Willmann (CDU) als seinen „politischen Lehrmeister“. Denn nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg absolvierte der Haltinger sein Rechtsreferendariat 1978 im Weiler Rathaus. Schnell lag er mit dem OB auf einer Wellenlänge, man schätzte sich gegenseitig.

Nach der Referendarszeit in seiner Heimatstadt war Stickelberger von 1979 bis 1984 als Richter an den Verwaltungsgerichten Freiburg und Karlsruhe tätig, ehe es den Sozialdemokraten in die Politik zog. Als die Stelle des Bürgermeisters in Weil am Rhein vakant wurde, ermunterten ihn verschiedene Leute zu einer Kandidatur. Auch Willmann und die CDU-Fraktion standen hinter dem SPD-Mann.

Acht Jahre führte Rainer Stickelberger souverän das Amt des Ersten Beigeordneten und trieb die Stadtentwicklung voran. Schwerpunkte in seiner Amtszeit waren beispielsweise die Revitalisierung der Industriebrachen Schetty, Schusterinsel und Schwarzenbach in Friedlingen sowie die Verlegung der B 3. Auf eine Wiederwahl verzichtete er schließlich und strebte eine neue Herausforderung an. Stickelberger wechselte 1992 als selbstständiger Rechtsanwalt in eine Lörracher Sozietät.

Doch die Politik ließ ihn nicht mehr los. Neun Jahre später folgte er dem Ruf seiner Partei, der er mittlerweile seit 50 Jahren angehört, und kandidierte für den Landtag. Und das mit Erfolg. Er holte auf Anhieb mit 41,6 Prozent der Stimmen im Wahlkreis das Direktmandat und erreichte auf Landesebene das zweitbeste Ergebnis aller SPD-Landtagskandidaten. Das war Rückenwind für den Start in Stuttgart und verschaffte ihm in der Fraktion ein starkes Gewicht. Sogleich wurde er deren rechtspolitischer Sprecher.

„Da kriegt man mit, was die Bürger bewegt“

Dieses ausgezeichnete Wahlergebnis war auch Ausdruck seiner Popularität. Rainer Stickelberger ist als integrer und bürgernaher Politiker über die Parteigrenzen hinaus geschätzt und genießt in der Bevölkerung viele Sympathien. Weils OB Wolfgang Dietz (CDU) würdigte ihn dieser Tage als verlässlichen Partner, der die Interessen der Stadt und Region in Stuttgart gut vertreten habe, und sprach von einem vertrauensvollen Miteinander.

Als geselliger Mensch geht Stickelberger gern unter die Leute. Folglich kennt er viele, nicht nur in seiner Heimatstadt, sondern im gesamten Kreisgebiet. Ob bei Vereinsanlässen, bei Festen jeglicher Art, ob bei Fasnachtsveranstaltungen, Feuerwehranlässen oder bei einem Schwätzchen mit den Winzern in den Reben, wenn er am Tüllinger seine Joggingrunden dreht, war und ist er präsent. „Da kriegt man mit, was die Bürger bewegt und was sie denken. Das ist ein Korrektiv“, sagt der mit der Region verwurzelte scheidende Politiker.

Und natürlich haben ihn auch sein persönliches Umfeld, in erster Linie seine Familie mit Frau Yvonne und Tochter Mona, stets geerdet, wie er sagt. Christiane Cyperrek, die von ihm geschätzte Leiterin des SPD-Wahlkreisbüros in Lörrach, gehörte auch zu denen, mit denen er, wenn er unter der Woche in Stuttgart war, immer in Kontakt stand. Sie organisierte ihm die Termine im Wahlkreis und war erste Ansprechpartnerin bei den Anliegen vor Ort.

Zuverlässigkeit und Solidarität

20 Jahre Landtagsabgeordneter bedeuten unzählige Sitzungen, Reden, konträre Diskussionen, Entscheidungsfindungen im Parlament, Besprechungen, Konferenzen, Vor-Ort-Termine, Veranstaltungen und Wahlkämpfe. Dazu gehören die Suche nach dem Kompromiss und mitunter auch mal Ärger mit der eigenen Partei – zum Beispiel als Stickelberger sich deutlich und damals als einziger SPD-Minister gegen das Stuttgart 21-Bahnprojekt stemmte.

Und nicht zu vergessen sind hunderte von Zugfahrten. Denn Rainer Stickelberger fährt stets mit der Bahn von Haltingen in die Landeshauptstadt und am Wochenende wieder zurück. Im Zeitalter digitaler Medien kann er sich während der Fahrten auf die Sitzungen vorbereiten und viel lesen. Denn der Jurist ist bekannt dafür, akribisch Akten zu studieren. Nur in der Zeit, als er von 2011 bis 2016 im grün-roten Kabinett Justizminister war und einen Dienstwagen mit Fahrer hatte, fielen aus Sicherheitsgründen die Zugfahrten aus.

Der scheidende Landespolitiker, dessen Fachgebiete die Rechts-, Innen- und Finanzpolitik sind, hat im immer schneller werdenden politischen Geschäft in den zwei Jahrzehnten viel erlebt. „Mit dem Einzug der AfD hat sich das Klima im Landtag verschlechtert“, stellt Stickelberger, der seit 2016 Vorsitzender des Finanzausschusses ist, bedauernd fest. Nach außen hin gibt er sich zwar meist gelassen, „doch innen brodelt es gelegentlich schon in mir“.

Jede Phase hatte ihren Reiz

Wenn man ihn nach dem Höhepunkt seines politischen Wirkens fragt, sagt er: „Jede Phase hat ihren Reiz gehabt. Doch herausragend waren meine erste von vier Wahlen mit dem Erreichen des Direktmandats und später natürlich die Ministertätigkeit.“ Und als Justizminister mit der gestiegener Verantwortung hat Rainer Stickelberger neben vielen spannenden Begegnungen und Anlässen sowie seinen drei Reden im Bundesrat in Berlin auch die raue Seite des politischen Geschäfts kennengelernt.

Als in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal ein Häftling nach einem Hungerstreik starb, nahm ihn die CDU in die Verantwortung und setzte ihn stark unter Druck. „Das härtet ab“, sagt Stickelberger rückblickend. Aber nicht nur seine Fraktion, auch der Koalitionspartner stand uneingeschränkt hinter ihm, und Ministerpräsident Winfried Kretschmann stellte klar: „Justizminister Rainer Stickelberger hat mein volles Vertrauen.“

Zuverlässigkeit, Solidarität und sozialer Zusammenhalt sind Werte, die der erfahrene Politiker schätzt und selbst vorlebt. Hohen Respekt zollt er den vielen Menschen, die sich für andere einsetzen, sei es in der Pflege und in den Krankenhäusern oder sich sonst für das Gemeinwohl einbringen. Das sind für ihn stille Helden.

Unvergessen bleiben Rainer Stickelberger, dessen Porträt als 14. Justizminister des Landes in der Ahnengalerie des Ministeriums aufgenommen worden ist, unzählige spannende und bereichernde Begegnungen mit Menschen aus allen Lebenslagen und den verschiedensten Berufen. „Da hat man immer Neues dazugelernt.“ Als herausragend bezeichnet er im Jahr 2011 das Treffen mit dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der nach Ötlingen kam, um ihn im Landtagswahlkampf zu unterstützen. „Nette Zugaben“ waren zum Beispiel in seiner Zeit als Minister die Staatsbesuche des holländischen Königspaars und des Fürstenpaars von Monaco.

„Langweilig wird mir bestimmt nicht“

Die Umzugskartons stehen bereits in seinem Stuttgarter Büro. Doch bis die letzten Akten weggeräumt sind, hat Rainer Stickelberger noch zweieinhalb Wochen Zeit – dann endet seine Ära als Landespolitiker. Seine Philosophie in dieser Zeit lautete stets: leben und leben lassen. Angst, dass er im bevorstehenden Ruhestand in ein schwarzes Loch fallen könnte, hat er nicht, zu vielfältig sind seine Interessen.

Als „Nachrichtenjunkie“, wie ihn seine Pressesprecherin im Justizministerium einmal bezeichnet hat, saugt er über die verschiedenen Medien zu allen Zeiten die neuesten Nachrichten und Informationen auf, um immer auf dem Laufenden zu sein. Auch die digitale Vorabendausgabe unserer Zeitung mit den neuesten Lokalnachrichten aus der Region nutzt er regelmäßig.

Seine anderthalbstündige Joggingrunde am Wochenende am Tüllinger will er auf dreimal in der Woche ausdehnen. Und Kampfsporttraining mit Taekwondo soll ebenfalls nicht fehlen, wie er auch an der Volkshochschule den begonnenen Spanischkurs intensivieren will. Die Musik soll zudem nicht zu kurz kommen, freut sich der Fan von Deep Purple, AC/DC und den Rolling Stones. „Langweilig wird mir bestimmt nicht“, sagt der baldige Ruheständler und Liebhaber mediterraner Küche in Vorfreude, nach Corona auch wieder mal reisen zu können.

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