Weil am Rhein Schadstoffbelastung gering halten

Von außen wirkt die RÜS nicht besonders groß. Mehrere Ebenen führen aber in die Tiefe. Foto: Zoë Schäuble

Weil am Rhein - Mit ihren Ergebnissen der Schadstoffanalyse bildet die Rheinüberwachungsstation (RÜS) die Grundlage zur Alarmierung der internationalen Hauptwarnzentrale, die innerhalb der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins organisiert ist. Zudem zeigt sie langfristige Trends auf und kann Gesetzesvorgaben und deren Erfolgskontrolle zugrunde gelegt werden.

Frage: Unter einer Flussüberwachungsstation können sich viele etwas vorstellen. Doch wie sind die Aufgaben der RÜS im Einzelnen und wie laufen die technischen Vorgänge genau ab?

Die RÜS entstand in Folge des großen Chemieunfalls am 1. November 1986 in Schweizerhalle bei Basel und wurde 1993 in Betrieb genommen. Die Havarie machte die Wichtigkeit einer zeitnahen Überwachung der Rheinwasserqualität deutlich. Die Station wurde mit zwei Hauptaufgaben beauftragt.

Einerseits soll sie die zeitnahe Erkennung kritischer Schadstoffgehalte (Alarmüberwachung) sichern. Andererseits wird eine langfristige Qualitätskontrolle durchgeführt (Trendüberwachung).

Frage: Welche Aufgaben übernehmen Sie?

Mir obliegt die fachliche und organisatorische Leitung der binationalen Rheinüberwachungsstation. Außerdem erstatte ich verschiedenen Behörden und Gremien wie der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins, dem Schweizer Bundesamt für Umwelt sowie der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg Bericht.

Frage: Was gibt es noch zu tun?

Die langfristige Planung für die Sicherstellung des Betriebs der internationalen RÜS nach dem Stand der Technik ist eine weitere Aufgabe. Die Online-Daten, die die RÜS liefert, gilt es zu überwachen und auszuwerten. Ich beurteile auch die Belastungen im Rhein, die bei Fehleinleitungen entstehen können für die internationale Hauptwarnzentrale und das Gewässerschutzpikett.

Letzteres unterstützt die Ereignisdienste bei Havarien und Unfällen, die unterirdische und oberirdische Gewässer gefährden könnten und wird von der Einsatzzentrale der Polizei aufgeboten

. Dementsprechend organisiere ich auch einen permanenten Bereitschaftsdienst für die RÜS, überwache technische Störungen der Anlage und beseitige die durch Hochwasser auftretenden Probleme.

Frage: Wie ist die derzeitige Wasserqualität des Rheins, gibt es auffällige Werte im Hinblick auf die Schadstoffbelastung oder die Temperatur und wäre das Wasser trinkbar?

Das Rheinwasser hat Trinkwasserqualität gemäß der für die Schweiz maßgebenden Verordnung des Eidgenössischen Departements des Inneren über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen. Die Trübung muss man allerdings ausklammern. Diese kann bei Hochwasser erheblich sein. Zudem hat das Wasser eine Eigenfärbung und natürlich sind auch die Vorgaben der Hygieneverordnung nicht eingehalten, was bedeutet, dass das Wasser mit Mikroorganismen, also Bakterien und Viren belastet ist. Wenn man es abkochen würde, könnte man das Wasser trinken. Es ist ja so, dass aus Rheinwasser Trinkwasser für 22 Millionen Menschen durch einfache Filtration im Boden, also Versickerung ins Grundwasser hergestellt wird.

Frage: Der aus Nordamerika stammende Kalikokrebs soll außerhalb seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets als Neozoen mittlerweile wohl infolge von Aquarienaussetzungen auch in der baden-württembergischen Rheinebene auftreten und sich sehr rasch ausbreiten. Dabei erreicht er oft sehr hohe Populationsdichten und verdrängt den Kamberkrebs aus seinen bevorzugten Habitaten. Haben Sie den Schädling bei der Arbeit in der RÜS auch schon entdeckt?

Mir persönlich ist dieser Flusskrebs nicht bekannt. Wir haben aber zahlreiche invasive Muscheln, wie etwa die Dreikant-, Körbchen- und seit jüngstem auch die Quagga-Muschel. Bei den invasiven Fischen ist die laichräuberische Schwarzmeergrundel sowie bei den Krebsen der Höckerflohkrebs bekannt. Allerdings bin ich Chemiker und befasse mich nicht intensiv mit dieser Thematik.

Frage: Hat die aktuelle Pandemie-Situation Auswirkungen auf den Rhein – etwa auf die Wasserqualität, da möglicherweise weniger geklärte Abwässer aus der Industrie eingeleitet werden?

Das Pandemiejahr war nicht auffällig und lag im Bereich der Jahre zuvor. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Produktionsstandorte auch während der Pandemie-Periode größtenteils in Betrieb waren.

Frage: Würden Sie die hochfrequente Nutzung des Rheins als umweltschädlich bezeichnen?

Jede Nutzung hinterlässt Spuren. Deshalb wurden in den 1960er- und 70er-Jahren Kläranlagen gebaut, um die Schadstoffe aus dem Abwasser zu entfernen. Um weitere deutliche Reduktionen bei den sogenannten Mikroverunreinigungen zu erzielen, hat der Schweizer Bund beschlossen, zum Schutz der Wasserlebewesen und der Trinkwasserressourcen bis ins Jahr 2040 gezielt ausgewählte Abwasserreinigungsanlagen mit zusätzlichen Reinigungsstufen zur Elimination der organischen Spurenstoffe auszurüsten.

Frage: Was bedeutet diese Aufrüstung?

In den Gebieten mit besonders belasteten Gewässern kann so ein breites Spektrum an organischen Spurenstoffen aus dem Abwasser entfernt werden. Ausgebaut werden speziell die großen Abwasserreinigungsanlagen im Einzugsgebiet von Seen, oder diejenigen, die in Fließgewässer einen hohen Anteil an Abwasser einleiten.

Frage: Und wer finanziert diese Umbaumaßnahmen?

75 Prozent der Erstinvestition dieser Maßnahme finanziert der Bund über eine gesamtschweizerische Abwasserabgabe, die bis zum Jahr 2040 erhoben wird.

Frage: Kann man also sagen, dass die RÜS einen Beitrag zum Schutz des Rheins und zum Umweltschutz allgemein leistet?

Am besten ist die Funktion der RÜS mit einer Radarkontrolle im Straßenverkehr zu vergleichen – dort, wo gemessen wird, werden die Limits eingehalten, so ist das auch bei der RÜS. Außerordentliche Belastungen des Rheins, Fehleinleitungen also, verzeichnen wir jährlich in der Größenordnung zwischen zehn und 20. Sie werden per Mail an die Rhein-Unterlieger gemeldet und in der Regel kann die Ursache ermittelt werden.

Frage: Schwerwiegendere Vorkommnisse gibt es also nicht?

Ein bis zwei Mal im Jahr werden Schadstoffe über den noch höheren Richtwerten des Internationalen Warn- und Alarmplans des Rheins der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins festgestellt. Dann wird eine Meldung über die Alarmzentrale ausgelöst. Auch hier gilt es, die Ursache zu ermitteln, damit künftige Fehleinleitungen vermieden werden können.

Insgesamt kann man aber sagen, dass sich das Bewusstsein bei den Firmen am Rhein geschärft hat und wir im Lauf der Jahre immer weniger außerordentliche Belastungen verzeichnen.

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