Weil am Rhein Soziales Leben stark eingeschränkt

Weil am Rhein  - Die Auswirkungen der Corona-Krise in den Seniorenheimen sind groß. Besucher dürfen nicht mehr kommen, Schutzartikel sind allgemein Mangelware und die Mitarbeiter geben ihr Bestes, um die Situation aufzufangen. Wir haben uns in Weiler Einrichtungen umgehört.

„Das soziale Leben wird sukzessive reduziert“, sagt Hans Kaufmann, Leiter des Pflegeheims Markgräflerland, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir versuchen natürlich, unsere Bewohner als Risikogruppe zu schützen.“ Bereits vor der Verordnung des Landes habe man ein Zutrittsverbot ausgesprochen. Auch Wohngruppen-übergreifend gibt es keine Besuche mehr. In den Wohnbereichen gilt es, Abstandsregeln einzuhalten, um die Übertragungswahrscheinlichkeit zu senken. „Das verändert das Leben natürlich kolossal“, sagt Kaufmann. „Unsere Stärke war immer unsere Lebendigkeit.“ Es gebe beim Besuchsverbot in dringenden Fällen Ausnahmegenehmigungen, die aber ausschließlich von ihm selbst schriftlich erteilt werden.

Glücklicherweise gebe es im Pflegeheim keine bekannten Infektionen. „Wir hoffen, dass das möglichst lange so bleibt und tun das Notwendige, damit es gelingt“, betont Kaufmann. Die Stimmung sei dennoch gut. „Die Bewohner leiden natürlich ein Stück weit und sind verunsichert. Manche verstehen nicht richtig, warum sie jetzt keinen Besuch mehr bekommen.“ Aber die Akzeptanz sei hoch, alles laufe ruhig ab. Alle Angehörigen habe man telefonisch informiert, so dass diese nicht vor verschlossenen Türen stehen. „Auch bei ihnen ist die Akzeptanz hoch.“

Große Solidarität

Bei den Mitarbeitern herrsche eine große Solidarität. „Es gibt eine hohe Bereitschaft, auszuhelfen, denn natürlich gibt es auch ,normale’ Krankheitsfälle.“ Er beobachte ein „Zusammenrücken“. „Das ist gut.“ Es gebe auch Angebote von Bürgern, das Pflegeheim zu unterstützen. „Noch brauchen wir diese nicht, aber es ist ein schönes Zeichen“, freut sich der Heimleiter.

Hygieneartikel seien in allen Pflegeeinrichtungen Mangelware. „Unsere Gesellschaft ist nicht mehr auf Lagerhaltung gepolt“, meint Kaufmann. „Das fällt uns jetzt auf die Füße.“ Man müsse mit dem Material sparsam und sorgfältig umgehen. Es zeichne sich aber Entspannung ab, in den nächsten Tagen dürften den Einrichtungen notwendige Schutzartikel zugehen. „Das wäre noch nicht zu spät.“ Außerdem helfe man sich gegenseitig aus – nicht nur in den Einrichtungen des Landkreises, sondern auch trägerübergreifend. „Das ist ein guter solidarischer Impuls.“

Im Seniorenzentrum Stella Vitalis wird Mundschutz dringend benötigt, wie Einrichtungsleiter Michael Discher berichtet. „Das kriegen wir so gut wie gar nicht mehr.“ Alles andere sei noch ausreichend vorhanden. Auch könnte man in allen Bereichen noch helfende Hände gebrauchen, um das Personal zu entlasten. „Die Mitarbeiter sind sehr angespannt, auch die Ausfallquote ist höher.“ Die psychische Belastung sei hoch.

Das Besuchsverbot belaste die Bewohner ungemein. Sie würden die Situation verstehen, aber den Besuchen nachtrauern. Gespräche per Telefon oder Skype seien nicht das gleiche, könnten die körperliche Berührung nicht ersetzen. „Angehörige sind zum Teil sehr uneinsichtig und wollen ihre Familienmitglieder abholen oder Dinge für sie hinterlassen, die wir schon gar nicht mehr annehmen.“

Dennoch versuche man, die Bewohner bei Laune zu halten. „Der Sozialdienst führt jetzt mehr Einzelgespräche, Gruppengespräche sind ja nicht mehr möglich.“ Trotzdem wolle man die Bewohner erreichen. Die kleinen Gruppen, die sonst auch zusammen sind – „wie eine kleine Familie“ – dürften weiterhin zusammen sein. „Wir haben aber die Tische auseinander gezogen, da sich die Menschen auch Gedanken machen.“

Der Betreuungsdienst Schell hat grundsätzlich alle Gruppen-Angebote und Veranstaltungen eingestellt, wie Geschäftsführer Steffen Schell erläutert. „Es gibt auch kein gemeinsames Mittagessen mehr.“ Die ambulante Gruppen-Betreuung wurde ebenfalls eingestellt, es gibt nur noch Einzel-Betreuung. „Wir kommen unserer Fürsorgepflicht nach.“ Man befinde sich in Abstimmung mit Klienten und Angehörigen.

Gruppenräume geschlossen

In den Wohnbau-Gebäuden an der Danziger Straße, Stettiner Straße und Breslauer Straße, in denen der Betreuungsdienst tätig ist, habe die Wohnbau die Gemeinschaftsräume geschlossen. Des Weiteren ist der Betreuungsdienst in den Wohnanlagen „Erlenhof“ und „Große Gass“ aktiv.

Die Senioren seien jeweils über die Vorgaben informiert worden. „Die Stimmung ist besorgt und verunsichert, die Bestimmungen wurden ja Schritt für Schritt verschärft“, sagt Schell. „So machen sich die Menschen auch mehr und mehr Gedanken.“ Aber schließlich handele es sich bei den Bewohnern um die Risikogruppe.

Die Mitarbeiter hätten die Situation entsprechend aufgefangen. „Sie bauen Überstunden ab und füllen Lücken mit Urlaubstagen.“ So habe man im März keine Kurzarbeit anmelden müssen. „Nächsten Monat sehen wir weiter“, erklärt Schell. Es werden nun auch kostenfrei Einkäufe für die Bewohner erledigt. „Wir haben ja Kapazitäten frei.“ Das Angebot werde gerne angenommen.

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