Weil am Rhein Starke Mimik und Gestik

Das Kesselhaus-Theater-Ensemble zeigte die Produktion „90 Grad Wortwäsche“. Foto: Daniela Buch

Weil am Rhein - Das Theater-Ensemble Kesselhaus brachte am Donnerstagabend unter der Regie von Simone Lüdi die neue Produktion „90 Grad Wortwäsche“ zur Aufführung – eine kluge, tiefsinnige Inszenierung über die Wirkung, den Umgang und die Macht der Sprache.

Kontrastreich in Schwarz und Weiß gekleidet, dazu rote Schuhe und mit rotlackierten Finger- und Fußnägeln, bewegten sich die vier Darstellerinnen Caroline Buffet, Maike Krauss, Lorenza Antonucci und Nadine Garni durch ein Bühnenbild, dessen Fundament einem weißen Blatt Papier glich. Jeder Szenenwechsel offenbarte einen neuen Blickwinkel und eine weitere Dimension der Resonanz zwischen gesprochenem und geschriebenem Wort und dem Wort in Gedanken. Erster Akt, ein bürokratisch wirkendes Umfeld mit nebeneinander ausgerichteten Tischen und Stühlen, stapelweise Formulare, Auflistungen, Fahrpläne, Erzählungen und eine unendlich lange Papierrolle.

Konfrontation mit den Worten

Hier wurde das Leben und die eigene erfahrbare und individuell überschaubar gehaltene Welt durch Worte begriffen, beschrieben und eingeordnet. Es wurde konzentriert ausgewählt, gelesen, geschrieben, auch mal vom Nachbarn aufgeschnappt, nachgedacht und in Kästchen abgelegt – oder im Aktenvernichter zerschreddert.

Zweiter Akt, die Konfrontation mit den Worten des Gegenübers. Aus den Tischen wurde ein klotziger Turm im Hintergrund, aus den Stühlen eine klar eingegrenzte Arena für Wettstreit und Gedankenaustausch. Dritter Akt, die unausweichliche und nicht mehr beherrschbare Vernetzung, die gleich einem Spinnennetz aus rotem Faden über den Köpfen wabert. Mit jedem beschriebenen Blatt, das die Frauen als erinnerungswürdig einstuften und mit Klammern gleich einer Wäscheleine an den Fäden befestigten, wurde der klägliche Versuch des erneuten Einordnens sichtbar, der in ein wütendes Abreißen und ebenso scheiterndes Zerstören mündete.

Auf dem bis dahin „unbeschriebenen“ Blatt auf dem Boden zeichneten sich rote Schatten ab, die sich in mehreren Schichten wie Erinnerungen im Unterbewusstsein übereinander bewegten. Im abgedunkelten Schlussbild dann leuchten die verbliebenen Papiere wie „gewaschen“ im weißen Neonlicht, so dass die Schrift darauf nicht mehr erkennbar war.

Die Inszenierung, die von der ausdrucksstarken Mimik und Gestik der Schauspielerinnen getragen und vom Publikum mit langem Applaus quittiert wurde, regte zum Nachdenken an: Zählt am Ende nur jenes Wort, das schwarz auf weiß festgehalten ist? Existieren Dinge erst, wenn sie benannt werden?

 Nächster Aufführungstermin ist am heutigen Samstag ab 20 Uhr im Kulturzentrum Kesselhaus. Die Abendkasse öffnet um 19 Uhr.

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